Brexit

Erwachen im Scherbenhaufen

von John Burnside / 25.06.2016

Die Sorge über den Ausgang des Brexit-Referendums hat dem schottischen Autor John BurnsideJohn Burnside, 1955 im schottischen Dunfermline geboren, wurde mit eigenwilligen, atmosphärisch dichten Romanen und harschen autobiografischen Zeugnissen, aber auch als Lyriker über die britischen Grenzen hinaus bekannt. Seinen von Umweltbewusstsein und der Sensibilität für Benachteiligte gefärbten politischen Standpunkt vertritt er prononciert. Im August werden der dritte Teil seiner Autobiografie und der Lyrikband „Anweisungen für eine Himmelsbestattung“ auf Deutsch erscheinen. eine schlaflose Nacht bereitet. Welche Gedanken trieben ihn dabei um?

Es ist fünf Uhr früh am 24. Juni 2016. Das Datum könnte in die Geschichte eingehen, als der Tag, an dem klar wurde, dass das britische Volk (oder ein Teil davon) beschlossen hat, die Europäische Union zu verlassen. Dieser Entscheid wird eine Kettenreaktion auslösen, deren Folgen, dem farcenhaften Charakter des Unterfangens zum Trotz, weltweit und dramatisch spürbar sein dürften.

Die Brexit-Debatte im Vorfeld der Abstimmung fokussierte weitgehend die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts; und weil diese Folgen für beide Seiten so offensichtlich negativ sind, gingen viele davon aus, dass der gesunde Menschenverstand am Ende obsiegen würde. Jetzt aber, da sich das schiere Gewicht dieses Tages auf uns senkt, kann man sich nur schwer dem Gefühl entziehen, dass wir in einem bösen Traum gefangen sind – es müsste doch jeden Moment einer unserer Weisen vors Mikrofon treten und sich mit einem höflichen Lächeln für den Irrtum entschuldigen: Nein, natürlich nicht, diese Brexit-Narren haben nicht gewonnen, ihr dürft immer noch lachen, wenn der Name Nigel Farage fällt, alles ist in bester Ordnung.

Verhängnisvollerweise hat sich die ernsthafte Diskussion über den Brexit fast ausschließlich auf die ökonomischen Aspekte beschränkt. So spielte sich das eigentliche Drama in den trüberen, eher beschämenden Tiefen der nationalen Psyche ab – in einer Zone, die mit gesundem Menschenverstand und vernunftgeleitetem Diskurs nichts zu tun hat. Wären die dort kursierenden Missstimmungen auf die Höhe einer echten Debatte gehoben worden, dann hätten viele schamlose Lügen – insbesondere über die Immigration – entlarvt werden können. (Gewiss, wir gehen mittlerweile alle davon aus, dass Politiker lügen; aber selten haben sie so seelenvergnügt gelogen wie die Ukip und andere Akteure vor diesem Referendum.) Nun stehen wir vor der Tatsache, dass die Unterstützer des Brexit – ähnlich wie Donald Trumps Gefolgschaft in den USA – einer potenten Mixtur von Emotionen Beachtung verschafften, denen die Politik viel zu lange kein Augenmerk hatte schenken wollen.

Der Erfolg der Brexit-Kampagne bestätigt definitiv das Malaise der Arbeiterklasse und der unteren Mittelklasse insbesondere in England und Wales; sie leiden seit langem daran, dass sie in der Regierung nichts zu sagen haben, dass sie sich nicht auf eine eigene, respektierte Kultur berufen können und dass ihre wirtschaftlichen Horizonte eng geworden sind. Dieses Gefühl der Entrechtung wurzelt in mehreren Ursachen: Es gab in den letzten gut dreißig Jahren keine reale Alternative zur post-thatcheristischen Politik (New Labour war nie etwas anderes als eine Lightversion der Tories); die nationalistischen Strömungen in Schottland und Nordirland zerrten am Staatsgefüge (bereits spricht man dort über erneute Unabhängigkeitsbestrebungen, um in der EU bleiben zu können); das britische Kulturleben, das einst vom Selbstbewusstsein der Gemeinschaft getragen war, und die Pop-Kultur als ernstzunehmendes Ausdrucksmittel wurden kommerziellen Interessen geopfert. Gleichzeitig verlor die Arbeiterklasse mit Old Labour die Instanz, die ihre Anliegen auf der politischen Bühne verfocht.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten auf beiden Seiten der schottisch-englischen Grenze gelebt; dabei wurde mir klar, dass in Schottland der Widerstand gegen Westminster und die nationalistische Politik als einigende, bestärkende Faktoren wirkten, während in England viele Menschen nicht mehr genau wissen, wohin sie gehören und welche Rechte ihnen vorenthalten werden – und in dieser Grauzone gedeiht die hässliche Seite des Nationalismus. Dort geht es mehr um Xenophobie als um Nationalstolz, mehr um das, was man nicht hat, als um das, was man hat, mehr um Schreckgespenster als um den realen Schaden, den ein zementiertes Klassensystem und eine in Eton herangebildete politische Elite angerichtet haben.

In einem solchen Klima war es für die Brexit-Befürworter nicht schwer, die Irrtümer und Fehlleistungen der EU herauszustreichen und deren Erfolge zur reinen Augenwischerei kleinzureden. Allerdings waren die Briten insbesondere im Bereich der EU-Subventionen auch mit manifesten Fällen von Korruption und Zweckentfremdung konfrontiert: Systeme, die im restlichen Europa recht gut funktionierten, wurden hierzulande teilweise auf missbräuchliche Art umgesetzt. Nehmen wir etwa die Landwirtschaft: Ein britischer Betrieb ist durchschnittlich 100 Hektar groß, während auf dem Kontinent der Durchschnitt bei 15 Hektar liegt; eine Subvention, die für einen kleinen Bauernhof in Frankreich oder Italien lebenswichtig ist, kann in einem Land wie Großbritannien – wo Landbesitz häufig noch klar ein Privileg der oberen Klassen ist – schlicht in die falschen Hände kommen.

Schon vor drei Jahren schrieb George Monbiot im Guardian einen kritischen Beitrag zu diesem Thema. Darin heißt es etwa: „Wenn unsere Regierung sagt: ,Wir müssen den Landwirten helfen‘, dann meint sie eigentlich: ,Wir müssen den 0,1 Prozent helfen.‘“ Ein ansehnlicher Teil des Bodens hier gehört sehr wohlhabenden Leuten; darunter sind auch ausländische Superreiche – Scheichs, Oligarchen, Bergbaumagnaten. Sie zahlen möglicherweise in Großbritannien nicht einmal Steuern, streichen aber Subventionsbeiträge in Millionenhöhe ein. Sie sind die erfolgreichsten Wohlfahrtstouristen weltweit. Aber während sich Großbritannien in eine irreale Panik vor Immigranten hineinsteigert, die vorgeblich an die Fleischtöpfe unseres Sozialsystems drängen, wird über jene Herrschaften kaum je ein Wort laut.

Diese Problematik hat aber, genau genommen, nicht nur mit der EU zu tun. Hätte sie es nämlich gewollt, dann wäre es der britischen Regierung durchaus möglich gewesen, die Finanzströme zu kontrollieren. Ebenso wenig ist es allein der EU anzulasten, dass Westminster mit großzügigen Geldbeiträgen zur Hand war, als Landbesitzer und Unternehmer damit begannen, einige der unberührtesten Landschaften, die Großbritannien sein eigen nennt, mit Windturbinen vollzupflanzen; oft handelt es sich um Torfmoore oder ähnlich empfindliche Ökosysteme, wo derartige Interventionen zur Freisetzung von Treibhausgasen, zum Verlust seltener Pflanzen-, Tier- beziehungsweise Vogelarten und, in einigen Fällen, zu irreversiblen Schäden an der Struktur und der chemischen Zusammensetzung der Böden geführt haben.

Diese Fehlentscheide gehen auf eine Reihe von Ursachen zurück. Da beispielsweise keine nationale Politik für den Umgang mit erneuerbaren Energien existiert, liegt es im Ermessen der Landbesitzer, wo eine Windanlage erstellt werden soll – und sie werden sich naturgemäß für das weniger produktive „wilde“ Land entscheiden. In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch sind die Windfarmen ein direktes Resultat der von der EU oktroyierten Energiepolitik – und viele Unterstützer der Ukip und der Konservativen glauben, dass ihre geliebte britische Landschaft von „Europa“ auf dem Altar irgendwelcher arbiträrer Zielsetzungen geopfert werde.

Die Tatsache, dass sich auch Vertreter einer ökologisch nachhaltigen Politik gegen eine Förderung erneuerbarer Energien mit derartigen Folgekosten stellen, hat in jüngster Zeit zu merkwürdigen Allianzen mit EU-Gegnern geführt. Gleichzeitig haben andere Grüne mit ihrer Kritik an den Umweltschäden hinterm Berg gehalten – aus schierer Furcht, sonst auch dem Lager der bornierten „Little Englanders“ zugerechnet zu werden. Lieber tut man das Falsche, als der Rechten einmal recht zu geben.

Diese Dinge spielten beim Brexit-Entscheid sicherlich eine Rolle; aber wir wissen alle, dass der eigentliche Grund für den Fehlentscheid in der tiefen, irrationalen, aber leicht entflammbaren Angst vor dem „Anderen“ liegt. Dem Asylsuchenden. Dem Arbeitsmigranten. Dem Terroristen. Die Befürworter des Brexit haben diese Angst schamlos ausgereizt; sie warfen derart liederlich mit Unterstellungen und Schuldzuweisungen um sich, dass eine Parlamentarierin dafür mit ihrem Leben bezahlen musste und mindestens eine weitere Abgeordnete Todesdrohungen erhielt.

Letztlich beruhte die ganze Brexit-Kampagne auf der Instrumentalisierung von Ängsten – und die Ausgeburt dessen, was William Burroughs den „Ugly Spirit“ nannte, feiert nun ihren Erfolg (wenn das Wort angesichts der zu erwartenden katastrophalen Folgen überhaupt angebracht ist). Zu diesen Folgen dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit ein europaweiter Aufschwung anderer xenophober Rechtsaußenparteien gehören; und wenn die EU nicht rasch handelt, könnten sie versucht sein, dem Erfolg der Brexit-Kampagne nachzueifern.

Aus dem Englischen von Angela Schader,