AP Photo/Michael Probst

Bankenplatz

Euro-Hauptstadt will vom Brexit profitieren: Eine einmalige Chance für Frankfurt

von Michael Rasch / 24.06.2016

Gewünscht hat sich den Brexit wohl niemand. Doch nun will die Finanzmetropole Frankfurt sich bietende Chancen nutzen. Die Stadt hat durchaus Trümpfe gegenüber Konkurrenten.

Manch einer hat in Frankfurt im Vorfeld der Abstimmung der Briten über den Brexit eine Jahrhundert-Chance für den Fall des Austritts gewittert. Das dürfte wohl übertrieben sein, doch der Ausstieg Grossbritanniens aus der Europäischen Union (EU) kann für Frankfurt als Finanzplatz tatsächlich eine einmalige Gelegenheit sein. Gewünscht hatte sich die Abspaltung der Insulaner vom Kontinent niemand, zu gravierend sind wohl die politischen und ökonomischen Folgen für Deutschland und Europa. Doch wenn es nun so kommt, will man sich bietende Chance nutzen.

In der Londoner City, so die Rechnung, arbeiten rund 700 000 Menschen im Finanzsektor. Sollten nur 3% dieser Arbeitsplätze verschoben werden, beispielsweise nach Frankfurt, gäbe es 20 000 Zuzüger in die hessische Finanzmetropole. Vertreter des Immobiliensektors frohlocken bereits, wenngleich sie wissen, dass noch viel Wasser den Main hinunter fliessen wird, bis die Konditionen ausgehandelt sind und es tatsächlich zu Verschiebungen aus der City in andere Finanzplätze kommt. Leer stehende Büroflächen gibt es in Frankfurt noch einige, somit besteht Kapazität zur Aufnahme neuen Personals. Zudem sind mehrere Wolkenkratzer geplant oder schon im Bau. Laut verschiedenen Protagonisten des Finanzplatzes Frankfurt hätten etliche Banken bereits Pläne in der Schublade, wie sie mit einem Brexit umgehen würden. Namen nennen will freilich noch niemand.

Natürlich ist Frankfurt nicht der einzige Finanzplatz, der hofft, von einem Austritt der Briten aus der EU profitieren zu können. Konkurrenten sind beispielsweise Dublin, Paris und auch Luxemburg. Für Dublin spricht beispielsweise die Sprache sowie das günstige steuerliche Umfeld. Allerdings hat auch Frankfurt als «City of the Euro» einige Trümpfe. Sie ist Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der auch die europäische Bankenaufsicht angesiedelt ist. Zudem sind bereits jetzt viele Unternehmen aus der Finanzbranche mit grossen Vertretungen in «Mainhatten», wie die Stadt aufgrund der vielen Hochhäuser gern genannt wird – oder überlegen, dorthin zu gehen. So erwägt beispielsweise die UBS, ihre Europa-Zentrale nach Frankfurt zu legen. Hauptkonkurrent ist dem Vernehmen nach Luxemburg.

Der ehemalige stellvertretende Präsident der EZB, Christian Noyer, sagte zudem bereits in einem Interview zum Euro-Handel, bei einem Austritt könnten die Behörden der Euro-Zone nicht länger tolerieren, dass ein grosser Teil der Finanztransaktionen in Euro im Ausland abgewickelt wird. Insofern könnte auch die EZB dafür sorgen, dass Geschäfte nach Frankfurt (oder eine andere Stadt mit Sitz im Euro-Raum) verlagert werden müssen.

Interessant dürfte auch sein, wie sich die geplante Fusion zwischen Londoner Börse LSE und Deutsche Börse entwickelt. Vorgesehen war als rechtlicher Hauptsitz London. Dies dürfte noch einmal neu diskutiert werden, zumal aus dem Börsenrat in Frankfurt bereits Signale kommen, dass die Fusion bei einem Brexit an Attraktivität verlieren würde. Sollte der Zusammenschluss dennoch zustande kommen, könnte der EU-Austritt dafür sorgen, dass das Pendel stärker nach Frankfurt schlägt.

In einer jährlich erscheinenden Studie zur Entwicklung der Finanzplätze in der EU ist die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) jüngst zum Ergebnis gekommen, dass Frankfurt nach London die zweitwichtigste Finanzmetropole in der EU ist. Lange Zeit hatten sich Paris und Frankfurt einen Kampf um die zweite Position nach dem immer weiter enteilenden London geliefert. In den letzten Jahren hatte Frankfurt aber aufgeholt, nicht zuletzt dank der guten Standortbedingungen (Lebenshaltungskosten, Verkehrsanbindung) und des verbesserten wissenschaftlichen Umfeldes mit dem House of Finance an der Frankfurter Goethe-Universität und der Frankfurt School of Finance & Management.

Insgesamt herrscht in Frankfurt durchaus Realismus, was die Chancen durch den Brexit angeht, utopische Hoffnungen hegt fast niemand. Doch wenn man London durch die neue Realität ein paar Geschäfte abjagen kann, dann will man die Gelegenheit nutzen.