Finanzmärkte und Brexit: Es ist noch lange nicht vorbei

von Michael Schäfer / 01.07.2016

Kurz nach dem überraschenden Brexit-Votum sieht es auf den ersten Blick so aus, als ob sich die Aktienmärkte normalisiert hätten. Für eine Entwarnung ist es aber zu früh.

Die einen halten einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union für ein einschneidenderes Ereignis als den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Die anderen stufen ihn als vernachlässigbar ein, als einen „non-event“, angesichts eines Anteils der Insel von nur 3 Prozent an der globalen Wirtschaftsleistung. Nimmt man die Aktienmärkte als Gradmesser, scheinen diese vom zweiten Narrativ überzeugt zu sein. Auf den ersten Blick ist dort aus dem Elefanten nämlich wieder eine Maus geworden.

Obwohl die Verwirrung über das weitere Vorgehen nach dem Brexit-Votum kaum größer sein könnte, notieren wichtige Indizes wieder auf oder gar über dem Niveau, das sie unmittelbar davor hatten. Dies gilt insbesondere für den Londoner FTSE-100-Index, der erst überraschend wenig eingeknickt war und nun sogar mehr als 2 Prozent über dem Stand von vor dem Referendum notiert. Auch der Swiss-Market-Index hat die Kursdelle bereits wieder ausgeglichen.

Blickt man etwas genauer auf den britischen Aktienmarkt, so zeigen sich jedoch enorme Diskrepanzen. Die möglichen Konsequenzen eines Brexit wurden sehr wohl eingepreist. Während Aktien von Minenbetreibern und Erdölfirmen zweistellig zulegten, brachen jene von Banken, Immobilien- und Fluggesellschaften, die als Verlierer eines Brexit gelten, deutlich ein. Das gute Abschneiden des Londoner Leitindexes liegt vorab an seiner Zusammensetzung. Energie- und Minenwerte, aber auch defensive Konsumtitel haben darin ein weit stärkeres Gewicht als die Aktien der Brexit-Verlierer.

Dass noch lange keine Entwarnung gegeben werden kann, liegt auch daran, dass die Kurserholung zu einem guten Teil auf Sand gebaut ist. Die Anleger vertrauen nämlich wie so oft auf eine neuerliche geldpolitische Lockerung durch die Notenbanken. Dadurch werden aber nur bestehende Verzerrungen an den Finanzmärkten verstärkt.