Die Unsicherheit regiert

Folgen des Brexit: Das Volk gegen die Wirtschaftsexperten

von Gerald Hosp / 25.06.2016

Die kurzfristigen Reaktionen liefen nach dem Krisenszenario des Brexit-Drehbuchs ab. Die Unsicherheit wird noch lange auf der britischen Wirtschaft lasten.

Selten einmal sind sich Ökonomen so einig gewesen. Unabhängige Wissenschafter sowie nationale und internationale Institutionen wie die Bank of England, der Internationale Währungsfonds oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung warnten vor einem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs und prophezeiten erhebliche kurz- und langfristige Einbussen. Die Chefs vieler Grossunternehmen schrieben an ihre Mitarbeiter, um sie vom Nutzen der EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens für den eigenen Arbeitsplatz zu überzeugen. Besonders die Finanzbranche und die Exportwirtschaft gelten als Wirtschaftszweige, die den Austritt spüren werden.

Vielerorts verfingen die Warnungen nicht. Weder stimmten viele im Sinne ihres Portefeuilles ab, noch vertraute eine Mehrheit dem Status quo. In einer ersten Betrachtung des Abstimmungsverhaltens zeigt sich nicht nur, dass besonders ältere Britinnen und Briten für „Leave“, den Brexit, gestimmt haben. Es gibt auch ein Gefälle zwischen den Metropolen, insbesondere London, und dem übrigen England. Der Brexit war zum Teil ein Misstrauensvotum gegen die ökonomischen und politischen Eliten der Hauptstadt. Auch wenn die derzeitigen Beschäftigungszahlen so hoch wie seit den 1970er Jahren nicht mehr sind, nahmen in der vergangenen Zeit auch die prekären Arbeitsverhältnisse zu. Zudem stagnierten für lange Zeit die Reallöhne. Es werden nur die Kosten der starken Zuwanderung wahrgenommen. Globalisierungsängste mischen sich dabei mit dem Selbstvertrauen eines Landes, das einst einem Empire vorstand.

Die unmittelbaren Marktreaktionen auf den Brexit-Entscheid entwickelten sich nach Drehbuch, es fehlten jedoch die apokalyptischen Untertöne. Der Blitzableiter war wie erwartet vor allem das Pfund. Der Leitindex der Londoner Börse, der FTSE 100, ging zunächst zurück, erholte sich aber später wieder. Dies mag auch daran liegen, dass viele der Unternehmen im FTSE 100 multinationale Konzerne sind, die einen Grossteil ihrer Gewinne ausserhalb der Insel erzielen.

Die Unsicherheit, wie sich die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Grossbritannien entwickeln werden, wird aber noch länger auf den Märkten lasten. Es kommen – neben dem Rücktritt von Premierminister David Cameron – mögliche Auswechslungen im Kabinett hinzu. Die Ungewissheit dürfte dazu führen, dass die Unternehmen mit Investitionen und die Konsumenten mit Ausgaben zurückhaltend sind. Der starke Fall des Aussenwerts des Pfunds könnte zwar den britischen Exporten einen gewissen Schub verleihen, gleichzeitig werden aber die Importe teurer und der Inflationsdruck grösser.

Die Bank of England wird schon bald vor dem Dilemma stehen, entweder die Geldpolitik noch weiter zu lockern, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten, oder die Zinsschraube anzuziehen, um den Preisauftrieb zu bekämpfen. Dabei wird es darum gehen, welcher Effekt überwiegt. Wahrscheinlich werden auch die Kapitalkosten in Grossbritannien steigen. Dies alles wird Spuren im Wirtschaftswachstum hinterlassen.

Laut Ian Stewart, dem Chefökonomen von Deloitte in London, liegt die Konsensschätzung des Wachstums für dieses Jahr jetzt bei 1,4 Prozent, vor dem Brexit-Entscheid hatte sie bei 1,9 Prozent gelegen. Nächstes Jahr wird von einem Plus von 0,7 anstelle von 2,1 Prozent ausgegangen.

Wie es längerfristig weitergehen wird, hängt in hohem Masse davon ab, wie schnell die Handelsbeziehungen ausgehandelt werden und von welcher Art diese sind. Frühere Schätzungen zeigten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung zwischen 2 und 8 Prozent bis 2030 – selbst im Falle einer britischen Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum. Der Austritt Grossbritanniens aus der EU wird das Zusammenleben mit dem grössten Handelspartner erschweren, was auch auf die Produktivität drückt. Ökonomen aus dem Brexit-Lager verweisen aber auf die Stärke der britischen Wirtschaft und die Möglichkeiten ausserhalb der EU. Mit dem Brexit bricht aus wirtschaftlicher Sicht die Welt nicht zusammen. Die kurz- und mittelfristigen Kosten sind jedoch klarer identifizierbar als ein möglicher langfristiger Nutzen.