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Finanzplatz

Londoner City: Fall in Raten?

von Gerald Hosp / 29.06.2016

Londons Finanzplatz gerät durch den Brexit-Entscheid unter Druck. Ein Abgang von Banken wird prophezeit. Es gibt auch optimistische Stimmen.

„Großbritannien könnte eine Schweiz auf Steroiden sein“, meint ein britischer Investmentbanker in der Londoner City, der für den Austritt des Landes aus der EU gestimmt hat und ungenannt bleiben will. Die Hauptargumente für seine Wahl waren die Zurückgewinnung der Souveränität, das unterschiedliche Rechtsverständnis auf der Insel und auf dem Kontinent sowie die geringe wirtschaftliche Dynamik der Eurozone. Der Investmentbanker sieht als Vorteile des Brexit weniger Regulierung und niedrigere Steuern. Er zeichnet das Bild eines riesigen Offshore-Zentrums.

Rücktritt und Wegzug

Bei den Lobbyorganisationen der Londoner City klingt es anders. Die Finanzbranche ist einer der Wirtschaftszweige, die am meisten unter dem Brexit leiden könnten. Weil die Finanzinstitute im Jahr 2014 gut 12 Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung beitrugen und 11 Prozent des Steueraufkommens stemmten, ist dies von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung. Es gibt aber auch Stimmen, die einen schrumpfenden Sektor im Nachgang zur Finanzkrise als eine positive Nachricht sehen.

Nach dem Votum in Großbritannien legte der britische EU-Finanzkommissar Jonathan Hill sein Amt nieder. Der Brite hatte diesen Posten in der Kommission auch deshalb erhalten, weil die Kommission unter Präsident Jean-Claude Juncker London entgegenkommen wollte. Die City of London habe ihre Stimme in Brüssel verloren, meinte Hill in der Financial Times. Die EU-Finanzgesetzgebung, mit der sich Großbritannien auch nach einem Brexit auseinandersetzen muss, werde jetzt deutsch-französisch geprägt werden.

Offenbar soll auch die in London angesiedelte Europäische Bankenaufsicht (EBA) nach der Brexit-Entscheidung aus der Themsestadt abgezogen werden. Die EU-Behörde, die 159 Personen beschäftigt, hat über die Jahre aber an Bedeutung gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) verloren, die die Banken der Eurozone beaufsichtigt.

Vor allem amerikanische Investmentbanken haben aber schon im Vorfeld Überlegungen angestellt, im Falle des Brexit zumindest einen Teil der Aktivitäten zu verlagern. Auch für die Schweizer Großbanken UBS und CS, die von London aus EU-weit ihre Investmentbank-Dienste anbieten, stellt sich die Frage. Der britische Banker sagt, dass sein Institut in Notfallplänen Dublin als EU-Standort vorgesehen habe. Frankfurt, Paris oder Luxemburg werden auch immer wieder genannt. Keine der Städte dürfte aber in absehbarer Zeit die Tiefe und Breite des Londoner Finanzplatzes erreichen.

Ein Fragezeichen steht hinter dem neuen Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU. Vollständige Souveränität und Abkehr vom freien Personenverkehr sowie ungehinderter Zugang zum EU-Binnenmarkt sind schwerlich unter einen Hut zu bringen. Größte Sorge der Branche ist der Verlust der Vorteile des sogenannten „EU-Passes“, mit dem in der gesamten Union Geschäfte gemacht werden können, ohne dass eigens regulierte Niederlassungen mit Kapitalanforderungen in anderen Mitgliedsländern gegründet werden müssen. Will London dadurch weiterhin ein Sprungbrett für ausländische Banken für den Binnenmarkt bleiben, müssen die EU-Regeln übernommen werden, ohne sie beeinflussen zu können.

Wenn Großbritannien die EU verlässt und nicht Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) wird, erhält die Insel den Status eines Drittlandes. Mit einer EU-Richtlinie, die ab 2018 in Kraft treten soll, könnte ein Silberstreifen am Horizont aufleuchten, der in der City aber Skepsis weckt: Bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen für professionelle Anleger müssen Banken aus Drittstaaten keine Filiale in der EU errichten, wenn Brüssel die Regulierung des Drittstaates als gleichwertig anerkennt.

Bei Dienstleistungen an Privatkunden können die einzelnen EU-Staaten eine Niederlassung in ihrem Gebiet verlangen. Großbritannien dürfte dies wohl derzeit erfüllen, die Regeln für die Anerkennung, die auch politisch getrieben ist, könnten sich aber ändern. Zudem fallen nicht alle Finanzdienstleistungen unter die Regelung.

Gebundene Hände

Das Euro-Clearing, um das London vor dem Europäischen Gerichtshof hart gekämpft hat, wird wohl in die Eurozone gedrängt werden. In Großbritannien werden rund 45 Prozent der weltweiten Transaktionen in Euro abgewickelt. Ein Abzug würde den Verlust von Stellen bei sogenannten Hilfsdiensten beim Clearing und bei einigen Händlern bedeuten. In einer von TheCityUK in Auftrag gegebenen Studie wird der Rückgang der Aktivität der Finanzbranche insgesamt mit bis zu 9,5 Prozent bis 2020 beziffert, wenn es keinen speziellen Zugang zum Binnenmarkt geben sollte.

Es bleibt fraglich, wie groß der Wettbewerbsvorteil wäre, wenn die Regulierung ausschließlich in London erfolgt, zumal ein großer Teil der Finanzmarktregulierung auf globaler Ebene geschrieben wird. London muss zudem durch strikte Regeln signalisieren, die Risiken eines großen Finanzplatzes im Griff zu haben. Ideen wie eine Finanztransaktionssteuer werden aber sicherlich weniger in London als anderswo gewälzt. Steuerliche Anreize könnten helfen, neue Aktivitäten anzuziehen.

Wenig beachtet wurde, dass die Bank of England kein Anteileigner der EZB mehr sein wird. Auch wenn Zentralbanken gut zusammenarbeiten, um die Finanzstabilität zu erhalten, könnte dies den Anreiz zur Kooperation reduzieren, wenn es um die Abwicklung eines grenzüberschreitenden Instituts geht.