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Video-Kommentar

Macht der Brexit den Effekt der Steuerreform zunichte?

von Lukas Sustala / 30.06.2016

Wie wird der Brexit sich auswirken? Das hängt nach wie vor stark vom konkreten Verhandlungsergebnis ab. Doch Österreich hat konjunkturell weniger Spielraum als andere EU-Länder, um einen Brexit-Schock zu verdauen. Ein Video-Kommentar.

Endlich Aufschwung. So hofften es noch die Ökonomen von Nationalbank, Wifo und IHS in den vergangenen Wochen. Ihre Prognosen waren einhellig positiv. Nach Jahren des sprichwörtlichen Stillstands komme die österreichische Volkswirtschaft endlich langsam vom Fleck – dank Sonderfaktoren wie der Steuerreform und der neu angekommenen Flüchtlinge.

Alleine 2016 soll die Steuerreform 0,4 Prozentpunkte Wachstum bringen, weil die Menschen ihre Entlastung in mehr Konsum stecken.

Doch der Brexit droht nun das Wachstumsplus aufzuzehren. Immerhin soll die Euro-Zone, so schätzt es etwa Goldman Sachs, 2016 und 2017 um 0,5 Prozentpunkte weniger wachsen als zuletzt erwartet. Damit droht der Konjunktureffekt der Steuerreform zu 100 Prozent aufgefressen zu werden. Denn die Steuerreform soll laut OeNB 2016 und 2017 in Österreich das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte erhöhen. Wenn Goldman Sachs mit seiner negativen Schätzung Recht behalten sollte, fällt die heimische Wirtschaft also auf die konjunkturelle Kriechspur zurück.

Doch so weit muss es nicht kommen. Denn nicht alle Schätzungen sind so negativ wie jene von Goldman Sachs. Beim EU-Gipfel hat EZB-Präsident Mario Draghi gewarnt, der Brexit könnte das Wachstum in der Euro-Zone in den nächsten drei Jahren um 0,3 und 0,5 Prozent dämpfen. Europa könnte also mit nur 0,1 Prozentpunkten weniger Wachstum pro Jahr davonkommen. Davon geht auch Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Bank International in einer aktuellen Schätzung für Österreich aus.

Das alles hängt aber von dem Weg ab, den ein neuer britischer Premierminister beschreiten wird. Der kann sehr ambitioniert sein (EFTA-Mitgliedschaft, Zugang zum Binnenmarkt) oder eben nicht (reines Handelsabkommen). Je nachdem wäre Europa und Österreich von einem Wegfall des Handels mit Großbritannien betroffen.

Österreichs Exportindustrie dürfte einen Rückzug des Vereinigten Königreichs jedenfalls spüren. Mit 4,1 Milliarden Euro war das UK der achtwichtigste Exportmarkt, und verzeichnete zudem eine deutlich stärkere Dynamik in den vergangenen drei Jahren als der Rest der Welt.

In jedem Fall zeigt sich aber, dass auch die Steuerreform die heimische Wirtschaft noch nicht auf einen nachhaltigen, höheren Wachstumspfad gebracht hat. Dazu braucht es noch einiges mehr. Anfangen könnte man etwa hier, bei 1.007 Empfehlungen des Rechnungshofes.


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