Nach dem EU-Referendum: Unsicherheit für die britische Wirtschaft

von Gerald Hosp / 24.06.2016

Großbritannien hat sich für den Austritt aus der EU entschieden. An den Finanzmärkten geht es turbulent zu. Die Phase der Unsicherheit wird für längere Zeit anhalten.

Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird große wirtschaftliche Auswirkungen in der kurzen und mittleren Frist haben. Auch viele Ökonomen, die Befürworter des Brexit sind, gingen bereits zuvor zumindest von kurzfristigen Turbulenzen aus. Hauptgrund für die Marktbewegungen ist die Unsicherheit darüber, wie es in der Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und den übrigen EU-Staaten weitergehen wird und wie Unternehmen und Konsumenten darauf reagieren werden. Politische und ökonomische Unsicherheit wird für die nächste Zeit ein ständiger Begleiter sein. Dadurch dürften Investitionsentscheidungen der Unternehmen und das Konsumverhalten betroffen sein.

In ersten Kommentaren von Brexit-Befürwortern wurde zwar betont, dass Stabilität wichtig sei. Diese wurde jedoch unterschiedlich interpretiert. Einerseits hieß es, so schnell wie möglich zu einer Lösung mit der EU zu kommen. Andererseits gab es Stimmen, nichts zu überstürzen und Ruhe zu bewahren. Die Frage ist, wann (und ob) die britische Regierung die Mitgliedschaft formell gemäß dem Artikel 50 des Lissabonner Vertrages kündigt. Der Artikel besagt, dass ab dem Austrittsgesuch das Vereinigte Königreich noch für maximal zwei Jahre Teil der Union sein wird.

Das Beratungsunternehmen IHS Global Insight reduzierte bereits die Wachstumsprognose für die britische Wirtschaft von 2% auf 1,5% im laufenden Jahr. Der starke Fall des Außenwerts des Pfunds dürfte zwar den britischen Exporten einen Anschub verleihen, gleichzeitig werden aber die Importe teurer und der Inflationsdruck wird sich erhöhen. Die Bank of England wird vor dem Dilemma stehen, entweder die Geldpolitik noch weiter zu lockern, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu lassen, oder die Zinsschraube anzuziehen, um den Preisauftrieb zu bekämpfen. Dabei wird es darum gehen, welcher Effekt überwiegt. Die Zentralbank sagte in einer dürren Mitteilung, sie würde alle notwendigen Schritte unternehmen, um die Finanzstabilität zu bewahren.

Weitere Fragen betreffen auch die Reaktion der Regierung: Wie sehr wird die Haushaltssanierung durch die Entscheidung belastet? Finanzminister George Osborne hatte bereits zuvor davor gewarnt, dass die Austeritätspolitik verlängert werden müsse im Falle des Brexit. Die politische Zukunft von Osborne ist aber ungewiss. Aufgrund der Unsicherheit und einer geringeren Wirtschaftsaktivität dürften aber kurzfristig die Steuereinnahmen zurückgehen. Ein weiterer Punkt ist, ob Großbritannien von den Rating-Agenturen schlechter eingestuft wird.

Auf längere Frist werden neben der Art der Wirtschaftsbeziehung mit der EU auch die Handelsabkommen mit dem Rest der Welt von Bedeutung sein. Wird sich das Modell einer verstärkt deregulierten, liberalen Wirtschaft oder die Vision einer nach innen gewandten Insel durchsetzen? Auf alle Fälle dürften Jahre verstreichen, bis solche Abkommen abgeschlossen werden. London als ein weltweit führendes Finanzzentrum wird sich ebenfalls anpassen müssen. Voraussichtlich wird das Volumen an Euro-Transaktionen zurückgehen. Über alldem schwebt ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum in Schottland.