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Randnotiz

Nur Verlierer in der Billionenshow

von Lukas Sustala / 28.06.2016

Wie viele Billionen Euro und Dollar hat denn der Brexit schon vernichtet? Eine Randnotiz.

Es ist wieder einmal so weit. Finanzjournalisten werfen wieder mit den Billionen um sich. Wie die Financial Times heute auf Basis von Zahlen des Indexanbieters S&P Dow Jones Indices schreibt, habe das Brexit-Votum an den ersten beiden Handelstagen danach (Freitag, Montag) drei Billionen Dollar an Marktwert an den internationalen Börsen vernichtet.

Doch ganz so glasklar ist die Sache freilich nicht, wie der geneigte Zeitungsleser weiß. Beim Spiegel etwa sind es immerhin fünf Billionen Dollar, die da vernichtet wurden. Eine Fünf mit 12 Nullen dahinter, 5.000.000.000.000 Euro.  Auf der Titelseite der Wochenendzeitungen waren es wahlweise 5.000 Milliarden Euro (Der Standard) oder 4.500 Milliarden Euro (Wiener Zeitung). Was macht schon eine halbe Billion aus?

Eine Schätzung auf Spiegel Online
Eine Schätzung auf Spiegel Online

Credits: spiegel.de

Keine Frage, der Brexit hat tiefe Spuren an den Finanzmärkten hinterlassen. Die Aktienmärkte sind ein besonders sichtbares Opfer der Unsicherheit, lässt sich doch mit der Einschätzung von „Mr. Market“ jede Millisekunde eine Bestandsaufnahme zur globalen Gefühlslage anstellen. Doch dabei gibt es so manchen blinden Fleck:

1. Wo bleiben die Jubelmeldungen?

Es stimmt. Der MSCI World Aktienindex ist in den vergangenen Tagen stark im Kurs gefallen. In Euro gerechnet haben die globalen Aktienmärkte vier Prozent ihres Marktwertes eingebüßt, in Dollar gerechnet sogar sechs Prozent. Das ist für zwei Tage tatsächlich viel. Doch ohne Kontext und Einordnung sind die drei, vier oder fünf Billionen Dollar oder Euro an Marktwertvernichtung völlig irrelevant.

Wie sieht nun der Kontext aus? Die Aktienmärkte waren seit 2008 kräftig im Aufschwung begriffen. Im vergangenen Jahr hat bereits die Sorge vor einer Finanzkrise in China die Aktienmärkte abstürzen lassen, dieses Mal ist es eben der Brexit.

Oberflächlich betrachtet, ist der Brexit tatsächlich DAS bestimmende Event an den Finanzmärkten. Seit Jahresbeginn liegt der globale Aktienindex 6,5 Prozent im Minus.

Doch seit 2008 betrachtet sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Denn nach der schweren Krise haben die Aktienmärkte nahezu einen raketenhaften Aufstieg vollzogen, von einigen Ausnahmen (europäische Bankaktien, österreichische Börse) einmal abgesehen.

Der Weltaktienindex hat also eine turbulente Zeit hinter sich. Das wird besonders augenscheinlich, wenn man ein Chart ab 1986 betrachtet. Der Aktienmarkt war (und hier sind noch keine Dividenden eingerechnet) ein gutes Geschäft mit zwei massiven Korreukturen (2000, 2008). Die „Billionen“, die da in den vergangenen zwei Tagen zerstört wurden, hat es vor einem Jahr noch gar nicht gegeben. Tatsächlich unterscheiden sich die „Verluste“ bei einem Marktwert ganz erheblich von einem „Verlust“, wie ihn der Mann oder die Frau auf der Straße versteht. Im Alltag verbindet man mit dem Verlust die Vernichtung von einem klar definierten Wert, etwa der Diebstahl eines Hundert-Euro-Scheins. An der Börse wird aber der „Preis“ des Vermögens Tag für Tag neu festgesetzt, der „Wert“, etwa der Anteil an einem Unternehmen, ist immer derselbe.

Aber nicht umsonst gibt es die Börsenweisheit: Die Aktienmärkte steigen auf leisen Sohlen und fallen mit viel Getöse. Dass die Medien diesen Trend mit ihrer „Billionenversessenheit“ verstärken, darf nicht überraschen.  Die meisten Medien berichten eben von Bewegungen an den Börsen, wenn es nach unten geht, und so gut wie nie, wenn es nach oben geht. Doch kurzfristige Kursschwankungen sind nicht echte „Verluste“, sondern nur die Umverteilung zwischen Investoren, die hoch eingestiegen sind und jenen, die günstig einkaufen.

2. Wo bleiben die Anleihen?

Mehr noch. Die Aktienmärkte sind nur ein Teil der Finanzmarktmedaille. Ebenso gewichtig für Investoren weltweit sind aber die Anleihenmärkte – und hier vor allem der Markt für Staatsschulden. Und die verzeichnen gerade „dank“ des Brexit steigende Kurse. Seit Freitag ging es um 1,1 Prozent nach oben. Ganz abgesehen von anderen Anlageklassen, die noch gänzlich unberücksichtigt sind.

Der Fokus auf die „Billionen“ ist zwar journalistisch einleuchtend, aber wohl auch gefährlich. Wer immer nur von Aktien liest, wenn sie gerade fallen, verbindet mit „Finanzmärkten“ irgendwann nur noch Verluste.

Auch wenn sie langfristig die zentrale Anlageklasse sind, in der das Vermögen nachhaltig zu wachsen vermag. Vielleicht ist auch das ein Grund, wieso so viele Österreicher ihr Erspartes auf Sparbüchern verrotten lassen.


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