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Chancen und Risiken

Osteuropa nach dem Brexit: Was passiert mit den vielen Emigranten?

von Matthias Benz / 01.07.2016

Beim Brexit geht es für die östlichen EU-Länder um viel. Die Beziehungen zu Großbritannien sind besonders über die vielen Emigranten eng. Man versucht Klarheit über die Auswirkungen zu gewinnen.

Ist alles nur Panikmache? Diese Frage wird derzeit in Ostmitteleuropa heiß diskutiert, wenn es um die Auswirkungen des Brexit auf die Region geht. Besonders Bankökonomen sind mit pessimistischen Prognosen aufgefallen. So erwartet die Bank Austria – die UniCredit-Tochter ist das größte Institut in Osteuropa – erhebliche wirtschaftliche Einbußen. Für Länder mit einem starken Außenhandel wie Tschechien oder Ungarn könnte demnach das Wirtschaftswachstum bis Ende 2017 um einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. Dabei fiele vor allem ein indirekter Effekt über eine Eintrübung in der Eurozone ins Gewicht, mit der die Visegrad-Länder (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) eng verbunden sind.

Allerdings gibt es auch optimistischere Stimmen. Das renommierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) rechnet derzeit mit keinen größeren Effekten des Brexit. Die Osteuropa-Experten des WIIW haben deshalb am Donnerstag an ihrer Prognose festgehalten, dass das Realwachstum in den östlichen EU-Ländern bis 2017 bei 3 Prozent bleiben werde. Alles andere halte er schon ein wenig für Panikmache, sagte WIIW-Vizedirektor Mario Holzner. Man müsse schon kräftige Einbußen bei den Investitionen und beim Handel in Europa annehmen – obwohl der Brexit ja noch längst nicht vollzogen sei –, um zu starken Wachstumsrückgängen zu kommen.

Chancen beim Outsourcing

Ein Brexit würde der Region zweifellos auch neue Wachstumschancen eröffnen. Bereits heute lagern viele westliche Konzerne Backoffice-Tätigkeiten wie die Buchhaltung oder die Informatik nach Osteuropa in „Shared Service Center“ aus. In Polen, wo Städte wie Krakau oder Wroclaw (Breslau) führend auf diesem Gebiet sind, wird man britischen Banken sicherlich den Teppich ausrollen. Auch in der Industrie ist man stark, wie der Plan von Jaguar Land Rover zum Bau eines großen Werks in der Slowakei zeigt.

Kommen die Polen zurück?

Neben Wachstumsfragen interessieren in der Region die Folgen für die vielen Emigranten, die nach Großbritannien gezogen sind. Die Emigration ist ein Phänomen von großer Bedeutung: Rund 5 Prozent aller erwerbstätigen Balten (wie Litauer oder Letten) sind auf der Insel tätig (vgl. Grafik). Die zahlenmäßig größte Gruppe stellen mit rund 800.000 Menschen die Polen (anteilig 2 Prozent der Beschäftigten im Heimatland).

Wenn diese Menschen umgehend in die Heimat zurückkehren würden, wäre dies durchaus ein Problem für den heimischen Arbeitsmarkt, meint Holzner. Aber mit einem Exodus ist ohnehin nicht zu rechnen. Bis zu einem Brexit ändert sich für die Emigranten rechtlich nichts, und die Politiker aus den Visegrad-Staaten wollen mit den Briten hart verhandeln, dass ihre Landsleute auch nach einem Brexit ihren bisherigen Status behalten können.

Falls es zu einer langsamen Abwanderung kommen sollte, wäre dies wohl gut handhabbar. In vielen östlichen EU-Ländern ist die Arbeitslosenquote jüngst deutlich gesunken, teilweise herrscht bereits ein Fachkräftemangel. Wegen der starken Alterung der Bevölkerung ist man auch auf Rück- oder Zuwanderung angewiesen. Die Frage ist nur, ob die Emigranten auch tatsächlich heimkehren wollen. Laut Holzner würden viele eher nach Deutschland ausweichen, denn es handle sich um flexible und qualifizierte Personen, die mehr verdienen wollten als in der Heimat.

Von großer Bedeutung sind ferner die EU-Strukturhilfen. Die östlichen Mitgliedsländer erhalten in der Förderperiode 2014 bis 2020 im Schnitt die hohe Summe von 3 Prozent bis 4 Prozent des Bruttoinlandprodukts pro Jahr. Ein Großteil der öffentlichen Investitionen wird damit bestritten. Wenn Großbritannien als wichtiger Nettozahler in der EU wegfiele, könnten sich die EU-Hilfen verringern. Doch auch hier ist Panik wohl fehl am Platz. In der polnischen Regierung verweist man darauf, dass die Briten frühestens 2019 austreten könnten – und bis dann sei die laufende Förderperiode schon fast zu Ende.

Von Belang sind schließlich Währungsfragen. Die meisten EU-Staaten, die noch über eine eigene Währung verfügen, befinden sich in der Region. Großbritannien war für sie stets ein wichtiger Verbündeter gegen eine zu starke (Währungs-)Integration. Zwar haben sich die östlichen EU-Länder bei ihrem Beitritt zur längerfristigen Übernahme des Euro verpflichtet. Aber derzeit hat man gar keine Eile damit. Falls aus Brüssel Forderungen nach einer schnellen „Vollendung des Euro“ kämen, wäre Widerstand programmiert.