Nach dem Brexit

Streifzug durch London: Wut, Konsternation und leiser Triumph

von Gerald Hosp / 26.06.2016

Alt gegen jung, Metropole gegen Provinz: Das britische EU-Referendum hat Gräben aufgerissen. Die Suche nach der Identität geht weiter.

„Wir wollen noch ein Referendum“, brüllt ein junger, bärtiger Mann ins Megafon. Direkt gegenüber dem Parlament in Westminster, dem Herzstück der britischen Demokratie, steht unter dem strengen Blick der Statue von Winston Churchill eine Menge zusammen, die einer Selbsthilfegruppe gleicht. Das Megafon wird herumgereicht. Jeder, der will, darf über seine Gefühle zum Referendum sprechen, das mit einer Mehrheit für den Austritt Grossbritanniens aus der EU geendet hat. Der junge Mann redet sich in Rage: „Ich bin ein stolzer Londoner. Wir sind liberal. Wir lieben die EU. Wir lieben die Migranten.“ Die Menge, die vor allem aus Jüngeren besteht, applaudiert.

Megafon in zitternden Händen

Grossbritannien hat mit knapp 52 Prozent für den Brexit gestimmt. In London, Nordirland und Schottland hat sich aber die Mehrheit für ein Bleiben in der EU ausgesprochen, was die Sonderstellung der Hauptstadt innerhalb Englands zementiert. Von der Metropole aus wird das übrige England als Provinz betrachtet. In den 33 Bezirken Londons haben 60 Prozent für „Remain“, den Verbleib in der EU, votiert. In einer Petition an den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan (Labour) haben bereits mehr als 100 000 Bürger die Unabhängigkeitserklärung Londons und den Beitritt zur EU gefordert. In einer ernsthafteren, weiteren Unterschriftensammlung sprechen sich bereits mehr als zwei Millionen Britinnen und Briten für ein zweites Referendum aus. Die Zahl der Unterschriften ist bereits so gross, dass das Parlament die Anfrage behandeln muss. Weitere rechtliche Folgen hat die Petition aber nicht. Eine unmittelbare zweite EU-Volksabstimmung ist unwahrscheinlich und wäre auch demokratiepolitisch problematisch..

Die 15-jährige Jadelyn kommt an die Reihe. Mit zitternder Hand nimmt sie das Megafon und sagt mit leichten Tränen in den Augen, ihre Zukunft sei zerstört. Die Pensionisten seien mit leeren Versprechen und Lügen geködert worden, meint sie eloquent. Das Zuwanderungsproblem sei aufgebauscht. Im Gespräch erzählt der Teenager mit den blau gefärbten Haaren, dass die Grosseltern für den Brexit gestimmt hätten. Sie hätte aber nicht wählen gehen können. Um ihren Protest auszudrücken, ist Jadelyn zusammen mit ihrer Freundin, der 16-jährigen Rebecca, nach Westminster aus Surrey gekommen, das südöstlich von London liegt.

Michael English ist ebenfalls erbost. Der 52-jährige Mitarbeiter einer Reiseagentur sorgt sich um die Zukunft seiner zwei kleinen Töchter. Aus seiner Sicht hat seine ältere Tochter den besten Grund für das Bleiben in der EU geliefert, indem sie einmal gesagt habe: „Ich möchte nicht alleine sein.“ English schiebt auch den älteren Mitbürgern die Schuld in die Schuhe. Wer mehr als 75 Jahre alt sei, soll nicht mehr abstimmen dürfen, meint der Londoner. Oder das Wahlalter für die Jungen soll herabgesetzt werden. Tatsächlich gab es ein starkes Altersgefälle in der Abstimmung. Die Älteren stimmten mehrheitlich für den Brexit, die Jüngeren für das Bleiben. Ausschlaggebend war die Wahlbeteiligung. Deshalb muss sich die junge Generation auch selber an die Nase fassen.

Zufrieden, nicht voller Freude

Wie fühlt sich London nach der historischen Entscheidung an? Eine Zeitenwende lässt sich in den Strassen nicht ablesen. Die Touristen in der Innenstadt sind wie ehedem zahlreich, die Lokale voller gut gelaunter Menschen im Wochenendrhythmus. Erstaunlich oft hört man aber den Namen Boris wispern. Der konservative Boris Johnson, der frühere Bürgermeister der Stadt, war Aushängeschild der Brexit-Bewegung. Ihm werden Ambitionen unterstellt, das Amt des scheidenden Premierministers David Cameron übernehmen zu wollen.

Im Regierungsviertel Whitehall ist keine Europaflagge zu sehen. Stattdessen wurden neben dem Union Jack Regenbogenfahnen gehisst, als ob Grossbritannien einem bunten Bündnis beigetreten sei. Bei den Flaggen handelt es sich aber um ein Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, die am Wochenende den Höhepunkt der Veranstaltung „Pride in London“ feiert. Eine einsame Europaflagge steht ausgerechnet vor einem altehrwürdigen Pub, dem Barley Mow im Stadtviertel Marylebone. Die Frau hinter der Theke sagt lakonisch, dass man sich noch nicht dazu entschlossen habe, die Flagge weg zu räumen. Dies sei so endgültig.

Wenig sichtbar ist auch ein Triumphgehabe der Brexit-Befürworter. Die Aushängeschilder der Gewinnerseite schlugen bisher leise Töne an. Gareth Fielding sagt, er sei mit dem Ergebnis zufrieden, aber nicht voller Freude. Fielding hat ein eigenes Beratungsunternehmen in der Finanzbranche, lebte für einige Zeit in der Schweiz und ist Mitglied der rechtspopulistischen Partei United Kingdom Independence Party (Ukip), die ein Treiber der Brexit-Bewegung war. Er hätte es vorgezogen, Teil einer auf einen Handelsblock reduzierten Union zu bleiben. Die Zuwanderung sei aber unkontrollierbar geworden, die Kosten der Union würden steigen, die EU-Gesetzgeber seien ausser Rand und Band, und Grossbritannien habe immer mehr an Bedeutung verloren. Wenn sich die EU nicht verändern wolle, sei es eben Zeit zu gehen. Der joviale und traditionsbewusste Fielding meint auch, dass es jetzt eine Menge zu tun gebe. Es werde weder schnell noch leicht vonstatten gehen. Aus Fielding spricht das Selbstbewusstsein einer Nation, die auf ihre historische Grösse schielt.

Frage nach der Identität

Nuno Gama im Stadtviertel Fulham berichtet von einer Frau, die für den Brexit gestimmt habe und jetzt um ihren Arbeitsplatz fürchte. Offenbar wollte sie erschrecken, aber nicht erschreckt werden. Der 33-jährige Gama ist Concierge, Portugiese und seit elf Jahren auf der Insel. Das Ergebnis des Referendums kommentierte er mit den Worten: „Das ist Wahnsinn.“ Gama stammt von der portugiesischen Insel Madeira und wundert sich, was mit den vielen dort ansässigen Briten passieren wird. Er selbst kann sich gar vorstellen, wieder zurückzugehen. Aber derzeit wisse niemand etwas Genaues.

Auch zwei Freunde in einem Café in Marylebone loten Neuland aus. Erbittert wird um die Frage diskutiert, welcher britische Politiker das Format habe, mit der übrigen EU zu verhandeln. Einer von ihnen mit pakistanischem Hintergrund nennt Sadiq Khan, den neuen Londoner Bürgermeister mit ebenfalls pakistanischen Wurzeln. Der Freund, dessen Vorfahren aus Malaysia stammen, kontert: Khan sei zu wenig britisch, zu wenig loyal gegenüber der Queen. Er sei zu sehr in der pakistanischen Gemeinschaft verwurzelt. Das Gespräch wird hitziger und dreht sich um Zuwanderung und um die Bereitschaft zur Integration verschiedener Migrantengruppen, schliesslich um Identität. Dieser Frage geht gerade die ganze Nation auf den Grund.