Rücktritt von Ukip-Führer Nigel Farage

Verantwortung – für Brexit, Partei oder Land

Meinung / von Peter Rásonyi / 04.07.2016

David Cameron stellte Parteiräson vor Staatsinteresse, Boris Johnson persönliches Machtkalkül vor alles andere. UKIP-Führer Nigel Farage tat dagegen alles für Partei und Land, was er konnte.

„Die nächste Symbolfigur lässt die Briten im Stich“; „Farage drückt sich vor der Verantwortung“; „Verantwortungslose Zocker“. So lauteten die Schlagzeilen in deutschen Medien, die am Montag den Rücktritt von Nigel Farage, dem langjährigen Chef der United Kingdom Independence Party (UKIP), kommentierten. Das Fehlen von Verantwortung ist ein Leitmotiv, mit dem in Europa die spektakuläre Implosion der politischen Führung Großbritanniens bewertet wurde.

Allerdings stellt sich die Frage: Verantwortung wofür? Premierminister Cameron hat mit dem Ankündigen des Brexit-Referendums im Januar 2013 Risiko und Verantwortung übernommen – für die Wiederwahlchancen seiner Partei. Das hat sich ausgezahlt; es gelang damit, die aufstrebende Protestpartei UKIP im Zaum zu halten. Während diese an der Parlamentswahl 2015 nur den einzigen Sitz des konservativen Überläufers Douglas Carswell halten konnte, gewannen Camerons Tories gar eine absolute Mehrheit im Unterhaus – was ihnen niemand zugetraut hatte.

Von einem Premierminister erwarten die Bürger allerdings zu Recht mehr als Parteiräson. Cameron, der geborene Glückspilz, hat zum Wohle seiner Karriere und seiner Partei die Zukunft des Landes aufs Spiel gesetzt und die Wette verloren. Damit geht er als Hasardeur und Verlierer in die Geschichte ein, was ihn trotz demonstrativer Lockerheit seit der Rücktrittsankündigung schmerzen dürfte.

Von fragwürdiger Moral geprägt sind auch die Umstände bei Boris Johnson. Natürlich hatte sich Johnson, aus gleichem Holz geschnitzt wie sein zwei Jahre nach ihm durch die Kaderschmieden der britischen Oberschicht, Eton und Oxford, geschleuster Kommilitone Cameron, aus purem Machtstreben für den Brexit eingesetzt. Auch Johnson ist am eigenen Ehrgeiz und an seiner Spielernatur gescheitert, wohl aber kaum, wie oft behauptet wird, aus verlorenem Mut vor dem Brexit. Vielmehr fehlte dem egomanen Populisten schlicht die Gefolgschaft der konservativen Fraktion im Unterhaus. Diese wiederum hat mit ihrer mutigen Revolte gegen die von den Medien geschürte Popularität Johnsons Verantwortung bewiesen – für das Land, dem ein dubioser Premierminister erspart blieb, wie auch für die Partei und das eigene Wohl.

Völlig verantwortungslos handelt der Labourchef Jeremy Corbyn. Obschon die Mehrheit des Schattenkabinetts nach verlorener Brexit-Abstimmung zurücktrat und vier von fünf Labour-Abgeordneten ihm die Gefolgschaft versagten, klebt Corbyn an seinem Sessel. Er setzt damit die Partei einer Zerreißprobe aus und beraubt das Land einer funktionierenden Opposition – ausgerechnet zur Stunde größter Verunsicherung und Orientierungslosigkeit.

Im Vergleich mit diesen vermeintlich so honorigen und etablierten Politikern nimmt sich der schillernde UKIP-Führer Farage geradezu als Ehrenmann aus. Ewig mit Pint und Zigarette in der Hand und schiefem Grinsen im Gesicht posierend, inszenierte sich das heute erst 52-jährige Gründungsmitglied der 1993 ins Leben gerufenen Partei als Gegenpol zum Londoner Establishment. Damit führte Farage die Partei zu ungeahntem Erfolg. Dass er nach gewonnenem Brexit zum Zeitpunkt des grössten Triumphs – wie ein Sportstar – von der Parteiführung zurücktritt, ist nicht nur aus persönlicher Warte verständlich.

Es ist auch im Interesse der Partei, die sich nach dem großen Sieg neu ausrichten muss. Nur wenn sich die UKIP von der Ein-Mann- und Ein-Themen-Partei in eine neue Protestpartei mit neuen Zielen verwandelt, hat sie eine Zukunft. Dieser Zukunft stünde Farage, der Chaot und Exzentriker, nur im Wege. Nun braucht es Leute an der Spitze, die sich im Teamwork organisieren können und die das Wählerpotenzial nicht nur unter nostalgischen Rechtsnationalisten, sondern auch bei den desillusionierten Brexit-Wählern aus dem traditionellen, ländlichen Labour-Hinterland festigen können. Dafür gibt es viel bessere Führer in der Partei, denen Farage endlich Platz macht – sofern es diesmal beim angekündigten Rücktritt bleibt.

Farage muss sich nicht einmal vorwerfen lassen, er lasse das Land im Stich. Weder er noch seine Partei haben im politischen System Großbritanniens die geringste Chance, Regierungsverantwortung zu übernehmen, um das Land aus der EU zu führen. Farage hat alles für den Brexit getan, was er konnte.