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Tom Kummer

Alles nur geklaut 2.0

von Tobias Sedlmaier / vor 6 Tagen

Der Journalist Tom Kummer löste bereits mehrere Skandale mit gefälschten Interviews und Reportagen aus. Nun stellt sich heraus: Auch sein gefeierter Roman „Nina & Tom“ enthält Plagiate.

In den goldenen Jahren des Journalismus war Tom Kummer einer der begehrtesten Journalisten Deutschlands. Seine Karriere startete er raketenartig beim Magazin „Tempo“, ab 1993 berichtete er aus Hollywood unter anderem für das „SZ-Magazin.“ Sein Markenzeichen waren ein flotter Stil und die bewusst verschleierte Vermischung von Fakten mit Fiktion, eine Collagetechnik, die Kummer lapidar als „Borderline-Journalismus“ bezeichnete.

Im Jahr 2000 kam der Absturz Kummers durch einen Plagiatsskandal: Er hatte nicht nur einen Teil seiner zahlreichen Interviews mit Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Johnny Depp neu zusammengesetzt, sondern teilweise komplett erfunden. Als Konsequenz der Enthüllung mussten die damaligen Chefredaktoren des SZ-Magazins, Ulf Poschhardt, heute Chefredaktor der „Welt“, und Christian Kämmerling, gehen.

Dann blieb es jahrelang still um Tom Kummer. Ein kurzes Engagement bei der „Berliner Zeitung“ endete abrupt, als bekannt wurde, dass seine dort veröffentlichten Texte bereits zuvor erschienen waren. Ab 2013 schrieb er unter anderem für die „Weltwoche“ und auch dort wiederholte sich das alte Spiel mit den Plagiaten, wie die NZZ im Sommer 2016 aufdeckte.

Im März diesen Jahres erschien der erste Roman des selbstbekennenden „Anti-Journalisten“. „Nina & Tom“ ist eine krawallige, drogenselige und erotomanische Amour Fou zwischen dem autobiografisch gezeichneten Protagonisten, dem Journalisten Tom, und der burschikosen Nina, die schliesslich an Krebs stirbt. Das Buch wurde in manchen Rezensionen wegen seiner radikalen Offenheit und der schonungslosen Erzählweise gepriesen.

Nun lüftet sich der Schleier, den die Rezensenten nicht sahen oder sehen wollten: Jenseits aller literarisch eigenständigen Qualität enthält auch„Nina & Tom“ Plagiate. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Kritik feststellt, bedient sich Kummer ungeniert bei Kathy Acker, Frédéric Beigbeder oder Richard Ford mit teils wörtlichen Zitaten aus deren deutschen Übersetzungen. Weitere unausgewiesene Übernahmen dürften sich leicht finden lassen.

Was man aus der Plagiatsdebatte um Helene Hegemann gelernt hat: Das Abkupfern bei anderen Autoren entzieht sich jeglicher moralischen Bewertung und sollte stattdessen auf dem Spielfeld des ästhetischen Mehrwerts verhandelt werden. Oder wie es Tobias Kniebe in seiner SZ-Kritik ausdrückt: „Nichts wäre sinnloser, als einem Mann noch einmal Plagiate vorzuhalten, der schon mehrfach des Fälschens und Abschreibens überführt wurde und das Klauen schöner Sätze einfach als seine persönliche Montagetechnik begreift.“

Im Fall von Tom Kummer, der bereits 1996 in „Good Morning Los Angeles. Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit“ den Reiz und Rausch, aber auch das Risiko der Realitätsvernebelung offenlegte, hat sich die Technik mittlerweile in kindhafte Fischer-Technik verwandelt. Die Debatten darüber, was denn nun schon wieder geklaut sei, überlagern das durchaus vorhandene erzählerische Talent des Autors.

Ob justiziabel ist, was Kummer als literarische Technik ausgeben könnte, müssten Gerichte entscheiden. Einer moralischen Beurteilung enthebt sich das Verfahren ohnehin, da sich der Autor die habituelle Montage zum Markenzeichen gemacht hat. Literarisch hingegen ist die Methode vollkommen unergiebig, wenn das Spiel zwischen Eigen- und Fremdtext nicht transparent wird. Allenfalls dient das Buch so einer munteren Trophäenjagd.