Corinne Stoll / BAK

Pascale Kramer

Die Augen schreiben mit

von Martin Zingg / vor 6 Tagen

Menschen in Existenznot bevölkern die Werke der Schriftstellerin Pascale Kramer. Mit poetischer Genauigkeit zeichnet sie prekäre Daseinsverhältnisse. Nun erhält sie für ihr Werk den Schweizer Grand Prix Literatur.

Einmal lässt Alissa, durchaus mit Absicht, ihr Baby in der Tragetasche auf dem Rücksitz des Autos liegen und „vergisst“ es. Und kurze Zeit später wird sie dem Säugling einen Zettel auf den Bauch kleben und ihn allein in der Wohnung zurücklassen: „Tut mir leid, ich werde es niemals schaffen zurückzukommen.“ Sie fährt zu einem Hotel und nimmt sich ein Zimmer, Nachbarn kümmern sich irgendwann um das schreiende Kind. Und natürlich wird sie anderntags zurückkommen.

Alissa – der zentralen Figur in Pascale Kramers Roman „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ („L’implacable brutalité du réveil“, 2009, dt. 2013 bei Rotpunkt erschienen) – gelingt es nicht, die Familie zu verlassen, aber auch nicht, sich darin einzurichten. Es will ihr nichts mehr glücken, seit sie weiss, dass sie die Verantwortung für ihr Kind nicht übernehmen kann.

Wir sind in Kalifornien, in der Nähe von Los Angeles, Sherbourne Drive, im Innenhof leuchtet ein Swimmingpool. Auf dem Campus, das ist nicht lange her, war Alissa noch die attraktive, begehrenswerte junge Frau. Richard, mit dem sie inzwischen seit einigen Jahren verheiratet ist, warb um sie, und zusammen markierte man eine Weile lang das glamouröse Paar. Nun aber, nachdem sie Mutter geworden ist, scheint alles vorbei.

Zerrüttete Verhältnisse

„Warum ist es nicht mehr so schön wie vorher?“ Ob es früher wirklich schön war, gar „schöner“ als heute, diese Frage stellt sich irgendwann nicht mehr. Alissa ist als junge Frau und Mutter und Gattin bereits am Ende, und es ist mehr als eine postnatale Depression, die sie heimsucht. Sie ist nicht die Einzige, die in einer Krise steckt. Ihre Mutter liebt einen anderen Mann und lässt sich nun scheiden. Ein Freund ist eben heimgekommen aus dem Afghanistan-Krieg und ist buchstäblich zusammengeflickt worden. Er besteht nur noch aus Metallprothesen und wird oft handgreiflich.

Um sie herum ist alles prekär und zerrüttet. Freundschaften, die lange als stabil und verlässlich galten, entpuppen sich mit einem Mal als kontaminiert von Neid und Eifersucht. In Alissas Innerem tobt ein Orkan, gelegentlich macht sich dort aber auch lähmende Stille breit, eine Leere, die sie nicht verstehen kann – während doch äusserlich alles perfekt zu sein scheint. Ein amerikanischer Traum, der längst ein Albtraum ist. Und weit mehr als nur ein Familiendrama.

Pascale Kramer erzählt das mit äusserst sparsamen, sehr präzis gesetzten Zeichen. Aus vielen kleinen Beobachtungen, Details und Gesprächsfetzen fügt sich allmählich etwas zusammen, was bis zum Ende anhält: eine enorm dichte, beklemmende Atmosphäre. Einen Ausweg aus der Enge gönnt die Erzählerin ihren Figuren nicht, auch nicht einen alles mildernden Trost. Den gewährt sie in keinem ihrer Romane. Den schmalen Grat zwischen Untröstlichkeit und Trostlosigkeit kennt sie sehr genau.

Darum auch treibt sie nichts und niemand irgendeiner Moral in die Arme. Sie legt aber öfter einen Finger auf wunde Stellen: Pascale Kramer beweist seit ihren schriftstellerischen Anfängen einen untrüglichen Blick für instabile Situationen, für die kleinen Risse in der Gesellschaft, die Abgründe im Alltag und vor allem für die Katastrophen, die in jeder Familie lauern. Und fast immer sind es einfache Familien, um die es geht, gewöhnliche Menschen, die meist in der Provinz leben, an den Rändern.

1961 in Genf geboren und in Lausanne aufgewachsen, beginnt Pascale Kramer schon früh zu schreiben. Sie ist knapp zwanzig Jahre alt, als ihr erstes Buch erscheint, „Variations sur une même scène“ (1982), zwei Jahre später legt sie bereits ein weiteres Werk vor, „Terres fécondes“ (1984) – und dann folgt lange nichts mehr. Sie zieht 1987 nach Paris, baut dort eine Werbeagentur auf, und erst 1995 erscheint wieder ein Roman, „Manu“, für den sie den „Prix Dentan“ erhält, einen der wichtigsten Literaturpreise der Romandie.

Seither ist knapp ein Dutzend Prosawerke erschienen, darunter so eindrückliche Bücher wie „Retour d’Uruguay“ (dt. „Zurück“, 2004), worin der junge Adrien den entfernt verwandten, älteren Raphaël beobachtet, erst mit Bewunderung, schliesslich voller Angst, und dabei auf schmerzhafte Weise erfährt, was es bedeutet, erwachsen zu werden, und mit welchen Ambivalenzen dies verbunden ist.

Das Kind als Angelpunkt

In „Gloria“ (2013), ihrem bisher vorletzten Roman, wird Michel von Gloria eingeladen. Vor Jahren hat er sich beruflich um sie gekümmert, in einer Beratungsstelle, die sie gelegentlich aufsuchte, als sie sich noch auf der Strasse herumtrieb. Der Kontakt war damals schwierig, und trotzdem begibt sich Michel, den die Beratungsstelle inzwischen entlassen hat, zu Gloria. Daraus wird eine sehr problematische Begegnung, und wie so oft in den Werken von Pascal Kramer steht auch hier mit Glorias dreijähriger Tochter ein Kind im Mittelpunkt. Es sind Kinder, die vieles erst sichtbar machen.

Die Texte mögen ein kaltes Licht auf die Welt werfen, sie mögen bisweilen düster sein, ihre Autorin ist es keineswegs, im Gegenteil. Pascale Kramer ist eine überaus heitere und gesellige Person, von grosser Lebensfreude. Und sie engagiert sich, unmittelbar, indem sie mitwirkt an sozialen Projekten in Paris, etwa für Obdachlose. In der zeitgenössischen Schweizer Literatur ist sie eine singuläre Erscheinung, mit einem beeindruckenden Werk, das immer noch zu entdecken ist.