Ueslei Marcelino / Reuters

Michelle Obamas Abschied

First Lady der Pop-Kultur

von Andrea Köhler / 11.01.2017

Der Abschied von der ersten schwarzen Frau im Weissen Haus wird für die USA schmerzlich sein: Michelle Obama war glamourös, direkt, in jeder Lage stilsicher und flösste selbst ihren Gegnern Respekt ein.

Wenn Barack Obama am 20. Januar dem Weissen Haus den Rücken kehrt, wird die Nation nicht zuletzt um den Verlust ihrer derzeit beliebtesten Persönlichkeit trauern – um die Frau, die als First Lady nicht nur in der Modewelt zu einer Art Star avancierte. Michelle Obamas Popularität hat in den acht Jahren Amtszeit ihres Gatten alle seine Umfragetiefs ohne Anfechtung überstanden.

Wäre sie gegen Donald Trump angetreten, so konnte man letztens häufig hören, wäre die Wahl anders ausgefallen. In den Erhebungen vor dem Countdown zum Wahlentscheid hat die First Lady an Beliebtheit jedenfalls alle geschlagen: Donald Trump, Hillary Clinton, Bernie Sanders – und ihren eigenen Mann selbstredend auch. „Michelle Obama’s Turn“, titelte die „New York Times“ in ihrer letzten Wochenendausgabe.

Unbekümmert offen

Dabei hat die selbstbewusste Juristin diesbezüglich nie Ambitionen gezeigt. Wenn die Idee „Michelle for President“ gleichwohl in den Köpfen spukt, dann nicht zuletzt, weil sie in vielem das Image von Hillary Clinton konterkariert: Humorvoll, glamourös, warm und direkt, hat sie auch konservative Wähler und Wählerinnen für sich eingenommen.

Zwar wurde die unbekümmert offene Präsidenten-Gattin insbesondere in den Anfängen harsch kritisiert, doch rassistische Äusserungen wie jüngst etwa die des Trump-Verbündeten Carl Paladino gingen im Fall von Michelle Obama meistens nach hinten los. Paladino musste, wie vor ihm schon eine Bürgermeisterin aus West Virginia nach einem „Affen“-Vergleich, von seinem Amt beim Buffalo Board of Education zurücktreten. Es bedurfte freilich solch rüder Stimmen nicht, um daran zu erinnern, dass eine schwarze First Lady nicht allen willkommen war.

Mit vibrierender Stimme

Doch Michelle Obama flösste sogar dem bekennenden Frauenverächter Donald Trump Respekt oder wenigstens Vorsicht ein – und das, obschon die First Lady ihm (nicht nur) nach dem berüchtigten Grapsch-Video die Leviten gelesen hat. Mit vibrierender Stimme hat sie in einer bewegenden Rede ihre Fassungslosigkeit darüber zum Ausdruck gebracht, dass ein Mann, der mit seinen Übergriffen auf Frauen prahlt, fürs höchste Amt kandidieren könne. Es war nicht zuletzt ihren spürbaren Emotionen geschuldet, dass diese weltweit beachtete Ansprache einmütig als ihr stärkster Auftritt empfunden wurde.

Auch wenn ihr Mann sie in entscheidenden Fragen gerne zu Rate zieht, hat sich Michelle Obama nie öffentlich in die Politik eingemischt. An der Urteilskraft seiner Frau aber dürften auch jene Mitarbeiter kaum Zweifel hegen, die mit Michelle Obamas unkonventionellem Gebaren anfangs kaum glücklich waren. Als sie beim Einzug ins Weisse Haus unumwunden erklärte, sie sei nicht immer stolz auf ihr Land gewesen, wurde sie allerorten als „angry black woman“ gegeisselt; selbst der liberale „New Yorker“ zeichnete Michelle in einer Titel-Karikatur als Black-Panther-Aktivistin mit Afro-Krause und Gewehr im Anschlag.

Für eine Frau, deren Vorfahren Sklaven waren, gibt es freilich gute Gründe, mit dem Stolz auf ihr Land zu haushalten. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, verkörpert die in Harvard promovierte Juristin gleichwohl den American Dream. Diesem Umstand verdanken sich ihre Ausbildungsoffensiven für Mädchen, „Let Girls Learn“ oder „Reach higher“. Doch obschon sich die First Lady mit ihrem Einsatz für Veteranen-Familien oder ihrer Initiative gegen die grassierende Fettleibigkeit als engagierte Fürsprecherin für die sozial Schwachen profilierte, wollte sie vor allem als vorbildliche Mutter wahrgenommen werden.

Sackhüpfen im Weissen Haus

„Mom in chief“: Feministinnen haben ihr diesen selbstironischen Titel übelgenommen. Doch eine Frau wie Michelle Obama kann eine solche Bezeichnung für sich proklamieren, ohne den Vorwurf der Biederkeit fürchten zu müssen. Sie ist die eleganteste First Lady seit Jacqueline Kennedy – und in ihrer Garderobe noch origineller als die einstige Botschafterin der französischen Haute Couture, von der die Schauspielerin Natalie Portman im Film „Jackie“ gerade ein exquisites Porträt gezeichnet hat. Michelle Obama, die mit ihrer Stilsicherheit vielen jungen Designern ins Spotlight (und sogar der Billigmarke Target zu Aufmerksamkeit) verholfen hat, ist die Verkörperung der Devise „Trage, was du willst – solange du es mit Haltung tust“.

Die Frau, die von sich selber sagt, sie sei ein Produkt der Pop-Kultur, hat dieselbe jedenfalls taktisch klug genutzt, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen. Sie tanzte in Fernsehshows, machte dortselbst Liegestütz und übte mit Kindern Sackhüpfen, um ihre Kampagne „Let’s Move“ zu propagieren; selbst noch das Anpflanzen eines Gemüsegartens wirkte bei ihr richtig cool. Lassen wir die Spekulationen beiseite, was aus dem White House Garden bei einem bekennenden Fast-Food-Junkie im Amt übrig bleibt – Melania Trump kann man sich beim Jäten jedenfalls schwerlich vorstellen.

Ivanka statt Melanie?

Aller Voraussicht nach wird die künftige First Lady im Weissen Haus ohnehin nur die zweite Geige spielen. Zwar ist noch nicht klar, inwieweit Trumps Tochter Ivanka dem Vater offiziell zur Seite stehen kann, ohne den Nepotismus-Verdacht oder Interessenkonflikte mit ihrem weltweit operierenden Mode-Business heraufzubeschwören – so oder so aber ist kaum ein grösserer Kontrast vorstellbar als der zwischen den Damen an Trumps Seite und der Frau, die alle umarmte und das Weisse Haus für gesellschaftliche Randgruppen geöffnet hat.

Was immer von Barack Obamas Amtszeit bleiben mag – als familiäres Vorbild waren die Obamas in einem Land, in dem zerrüttete schwarze Familien epidemisch sind, nicht zu unterschätzen. Sie sei alt genug, um sich an Eleanor und Franklin D. Roosevelt im Weissen Haus zu erinnern, schrieb Gloria Steinem in der „New York Times“ – und an alle Präsidenten-Paare seither. Nie habe sie einen solch liebevollen Umgang und gegenseitigen Respekt wahrgenommen wie bei diesem First Couple. „Mom in chief“ und unbeugsame Advokatin des Gatten – das waren vielleicht die einzigen Rollen, an die sich Michelle Obama in den letzten acht Jahren nicht erst gewöhnen musste. Die „wahre Michelle“, die nicht von tausend politischen Rücksichten eingeengt wird, gilt es wohl noch zu entdecken.