Amir Cohen / Reuters

Der Koalitionsinstinkt

Im Kollektiv sind wir dümmer

von John Tooby / 17.02.2017

Wieso scharen sich Menschen mit Leidenschaft um Glaubensbekenntnisse und Vorstellungen, die aus rationaler Sicht unhaltbar sind? Der Evolutionspsychologe John Tooby sieht dahinter instinktive Reflexe.

Jeder Mensch – Wissenschafter nicht ausgenommen – trägt die gesamte Prägung unserer Spezies in sich. Das schliesst auch neuronale Programme ein, die sich eigens entwickelten, damit wir uns im Kontext von Koalitionen orientieren und bewegen können. Dieses Konzept ist in den letzten Dekaden gelegentlich unter dem Namen „Koalitionsinstinkt“ in der Diskussion aufgetaucht, aber einen fixen, einheitlichen Terminus dafür gibt es noch nicht.

Solche Programme befähigen und motivieren uns, Koalitionen aufzubauen und zu erhalten; uns ihnen anzuschliessen, sie zu unterstützen, anzuerkennen und zu verteidigen; aber auch, sie zu verlassen, sie aufzuspalten oder auszunutzen; ihnen zu misstrauen, sie abzulehnen und zu bekämpfen. Koalitionen sind Gruppen von Individuen, die von Zugehörigen wie von Aussenstehenden als Träger einer gemeinsamen, abstrakten Identität wahrgenommen werden; das bedeutet, dass sie tendenziell als Kollektiv agieren und gemeinsame Interessen verteidigen. Die Mitglieder vertreten in manchen Dingen dieselbe Geisteshaltung; auch andere Eigenschaften, die wir in der Regel mit einer Einzelperson assoziieren – etwa Status und Privilegien –, sind ihnen gemeinsam.

Beta statt Alpha

Warum sehen wir die Welt auf diese Weise? Schliesslich tun das die meisten anderen Spezies nicht und sind dazu auch nicht in der Lage – nicht einmal diejenigen, die lineare Hierarchien kennen. Bei den See-Elefanten etwa kann ein Alphatier andere Männchen von der Reproduktion ausschliessen, obwohl die Beta- und Gamma-Tiere rein physisch das Alphatier aus dem Feld zu schlagen vermöchten – wenn sie nur kognitiv zur Koordination fähig wären. Es gibt also beträchtliche Anreize zur Bewältigung der für das Handeln in Gruppen notwendigen Kalküle: Zwei sind stärker als einer, drei sind stärker als zwei, und so weiter – so beginnt der Wettlauf um mehr Mitglieder, effektivere Mobilisierung, bessere Koordination und inneren Zusammenhalt.

In unserer Vorgeschichte gewann die Entwicklung des neuronalen Codes, der die Lösung solcher Probleme ermöglicht, zunehmend an Gewicht gegenüber der Fähigkeit, erfolgreich um die Position des Platzhirschs zu wetteifern. Und so stammen wir – auf schicksalshafte Weise – ausschliesslich von denjenigen Individuen ab, die mit besseren Koalitionsinstinkten ausgerüstet waren. In dieser neuen Welt verschob sich die Macht von den einsamen Alphatieren auf jene, die in der Hierarchie tiefer standen, sich jedoch effizient zu koordinieren wussten.

Daraus entstand eine weitläufigere politische Landschaft mit neuen Möglichkeiten und Bedrohungen: Eine rivalisierende Gruppierung konnte sich auf Kosten unserer eigenen Faktion vergrössern, oder aber sie schrumpfte, weil man selbst am längeren Hebelarm war. Und auch das Gehirn musste sich auf die Anforderungen dieser komplexeren Realität einstellen, welche die ältere, individuelle überlagerte.

Es ist jedoch wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass diese „Realität“ allein aus den Zielsetzungen entsteht, die wir innerhalb unserer Koalitionen verfolgen, und dass sie keine davon unabhängige Existenz hat. Zudem neigen wir dazu, Koalitionen zu sehen, wohin wir nur schauen; wir projizieren sie auch dorthin, wo sie eigentlich keinen Platz haben, wie etwa im Reich der Wissenschaft. Wir sind besessen vom Konzept der Identität.

Macht der Masse

Die Evolution des Koalitionsinstinkts wurde in erster Linie dadurch angetrieben, dass eine solche Verbindung ihren Mitgliedern mehr Durchsetzungskraft im Konflikt mit Nichtmitgliedern verleiht. Diese Funktion erklärt eine Reihe von Phänomenen, die sonst eigentlich verblüffen müssten. In der Frühgeschichte war ein Individuum, das keiner Koalition angehörte, nackt und schutzlos allen anderen ausgeliefert; so eignet dem instinktiven Verlangen, einer Koalition anzugehören, eine existenzielle Dringlichkeit. Sie ist wichtiger – und auch ungleich älter – als jeder politisch bedingte Entscheid für eine Mitgliedschaft.

Je weiter sich die Kommunikation von der neutralen Wahrheit entfernt, desto besser funktioniert sie als Affirmation der Gruppenidentität.

Dies ist der Grund dafür, dass die Überzeugungen solcher Gruppen so seltsam sein können. Die Zielsetzungen einer Koalition werden so entwickelt, dass sie in erster Linie deren Mitgliedern zugutekommen (in Form von Dominanz, Status, Legitimität, Ressourcen, moralischer Autorität usw.). Deshalb kann es vorkommen, dass sogar Koalitionen, deren Ideologie – zumindest erklärterweise – das Wohl der gesamten Menschheit im Auge hat, sich häufig extremer Repression schuldig machen, die in krassem Widerspruch zu den von der Koalition behaupteten Werten steht.

Ideologie lebt unter anderem davon, den Gegner moralisch zu diskreditieren. Das heisst auch: Wenn erst einmal Konsens über eine Sache besteht (etwa dass Sklaverei unhaltbar ist), dann verliert diese Sache ihre Bedeutung als moralisches Argument, weil man sie nicht mehr dazu verwenden kann, den Rivalen in ein schlechtes Licht zu rücken. So hören wir immer wieder, dass es heute weltweit mehr Sklaven gibt als im 19. Jahrhundert. Aber weil man politische Gegner heute nicht mehr delegitimieren kann, indem man sie als Befürworter der Sklaverei hinstellt, gibt es keine starke abolitionistische Bewegung mehr. Mobilisiert wird dieser Tage mit anderen Anliegen: So sind etwa die Hüter politisch korrekter Sprache Legion.

Je extremer, desto besser

Um sich die Mitgliedschaft in einer Gruppe zu verdienen, muss man klar signalisieren, dass man diese und keine andere unterstützt und befürwortet. Richtet der Einzelne sich innerlich optimal auf dieses Ziel aus, dann wird er sich gut fühlen, wenn er im Sinne der gemeinsamen Geisteshaltung denkt und spricht – und ebenso, wenn er rivalisierende Gruppen attackiert und verunglimpft. Je weiter sich die Kommunikation von der neutralen Wahrheit entfernt, desto besser funktioniert sie als Affirmation der Gruppenidentität; daraus resultiert eine Polarisierung, die über die effektiven politischen Differenzen hinausgeht.

Eine Äusserung, die nicht über die faktische Wahrheit hinausgeht, taugt nämlich in der Regel nicht zum Signal der Abgrenzung gegen andere Gruppierungen, denn jeder andere könnte dieselbe Aussage machen, egal, zu welcher Koalition er sich bekennt. Wird dagegen ungewöhnlichen und exaltierten Vorstellungen Ausdruck gegeben – seien diese nun übernatürlicher Art (etwa die Idee, dass Gott zugleich eine und drei Personen ist) oder sei es irgendeine alarmistische oder durch pure Übertreibung befeuerte Behauptung –, dann drückt sich darin kaum je etwas anderes als Identität aus. Denn für Nichtmitglieder existiert keine äussere Realität, die sie veranlassen würde, solche Absurditäten von sich zu geben.

Das stellt die Wissenschaft vor ein Problem. Der Drang zur Koalition macht uns alle – Wissenschafter eingeschlossen – viel dümmer, wenn wir in unseren Kollektiven agieren, als wenn wir individuell handeln. Paradoxerweise ist eine politische Partei, die sich auf eine übernatürliche Glaubensvorstellung beruft, durchaus in der Lage, ihre Überzeugungen im Bereich der Wirtschaft oder der Klimapolitik zu ändern, ohne dass die Befürworter der Revision zu schlechten Parteimitgliedern abgestempelt werden.

Werden wissenschaftliche Fragen und Theorien moralisch aufgeladen, dann wird das wissenschaftliche Prozedere verletzt.

Aber diejenigen, deren Zugehörigkeit zu einer Koalition durch das gemeinsame Bekenntnis zu einer „rationalen“ wissenschaftlichen Überzeugung definiert wird – die haben ein Problem, wenn (wie es immer wieder geschieht) neue Forschungsresultate die Revision dieser Überzeugung erforderlich machen. Die Grundsätze der Koalition infrage zu stellen oder gar zu bestreiten, macht einen – noch wenn man es aus völlig rationalen Gründen tut – zu einem „schlechten“ oder unmoralischen Mitglied; und das kann Stellenangebote, Freundschaften und nicht zuletzt die so wichtige, durch die Gruppe gestiftete Identität kosten. Die Aussicht auf solche Konsequenzen hemmt jede Bereitschaft zum Umdenken.

Gift für die Wissenschaft

Eine Koalition mit Blick auf wissenschaftliche oder rein faktische Fragestellungen zu schliessen, ist verheerend, denn dabei kann der Drang zur wissenschaftlichen Wahrheitssuche plötzlich mit dem fast unbezwingbaren menschlichen Verlangen in Konflikt geraten, ein gutes Mitglied zu sein. Werden wissenschaftliche Fragen und Theorien moralisch aufgeladen, dann wird das wissenschaftliche Prozedere verletzt, oft mit tödlichen Folgen. Wer nicht den rivalisierenden Theorien, die seiner eigenen Überzeugung zuwiderlaufen, die beste und fairste Chance gibt, der wird weder wissenschaftlichen noch ethischen Massstäben gerecht.


John Tooby gilt zusammen mit seiner Frau Leda Cosmides als Begründer der evolutionären Psychologie; die beiden schufen und leiten gemeinsam das Center for Evolutionary Psychology an der University of California, Santa Barbara. Der Text beruht auf einem Aufsatz, den der Autor für www.edge.org verfasst hat. – Aus dem Englischen von as.