Mindaugas Kulbis / Keystone

Litauen auf dem Weg nach Europa

In der Erinnerungsschleife

von Judith Leister / vor 6 Tagen

Die Suchbewegung ihrer Heimat zwischen Ost und West prägt auch das Schaffen litauischer Autoren. Vieles dreht sich um Geschichte, wie an der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu erfahren sein wird.

Am Gediminas-Prospekt in Vilnius, dem früheren Lenin-Prospekt, reihen sich Mode-, Kaffee- und Hamburgerketten heute so interesselos aneinander wie in jeder anderen europäischen Hauptstadt. Doch noch immer stehen vor den Schaufenstern der Prachtstrasse Rentnerinnen und bieten Blumensträusschen für ein paar Euro feil.

Seit der Unabhängigkeit und dem Beitritt des baltischen Staates zur EU hat sich in Litauen eine neue Elite herausgebildet. Wer Geld hat, fährt proper gekleidete Kinder in komfortablen SUV herum oder bewohnt eines der geschmackvollen Holzhäuser, die in angesagten Stadtteilen wie Uzupis neu gebaut werden. Die sozialen Gegensätze sind schärfer geworden oder vielleicht auch nur endgültiger.

Autoren wie Laurynas Katkus, Eugenijus Alisanka oder Marius Ivaskevicius untersuchen die Brüche und Gräben, die das 20. Jahrhundert und die jüngste Vergangenheit im kollektiven Schicksal und in individuellen Lebensläufen hinterlassen haben. Die Loslösung von hergebrachten Narrativen und die Suche nach Identität, die Rolle Litauens in Europa und das Verhältnis zu Russland spielen eine zentrale Rolle. An der Leipziger Buchmesse haben sie diese Woche als Gastlandvertreter ihren Auftritt.

Eine gewisse Enge

In einer beliebten Buchhandlung am Gediminas-Prospekt mit Coffee-Shop, in der Studenten bei einem „Latte“ stundenlang hinter ihren PC brüten, treffe ich Laurynas Katkus, Jahrgang 1972. Er ist Lyriker und Essayist, hat Hölderlin und Walter Benjamin ins Litauische übersetzt. „Moskauer Pelmeni“ heisst sein neuer Essayband, der von seiner Jugend in Sowjetlitauen und im unabhängigen Litauen handelt.

Der Einfluss der Politik schon auf Kinderspiele kommt darin vor, die Vulgarität russischer Flüche, der kränkbare Stolz russischer Veteraninnen und die sowjetische Propaganda gegen litauische „Faschisten“ während der „Singenden Revolution“, aber auch aggressive Unterhaltungsformate und Verschwörungstheorien im russischen TV. Katkus spricht von einer „Hassliebe“ der Litauer zu Russland: „Es gibt trotz allem eine Nähe. Die Kinder meiner Generation in Vilnius sind praktisch zweisprachig aufgewachsen. Bei aller Ablehnung der Ideologie habe ich die russische Literatur immer geschätzt. Russische Intellektuelle besassen oft einen geistigen Horizont, den ich bewunderte.“

In Litauen stören Katkus mitunter eine gewisse Enge und ein Festhalten an Ideen aus der Vergangenheit. „Viele osteuropäische Länder haben in der Sowjetzeit Kraft aus ihrer Geschichte geschöpft“, sagt er. „Sogar in unserer Nationalhymne findet sich dieser Gedanke als Imperativ wieder. Aber dieses lange historische Gedächtnis kann verhängnisvoll sein. Wir müssen neue Lösungen finden.“

Andererseits hält Katkus nichts von der Amnesie, die manche Litauer befällt, wenn es um die eigene sowjetische Vergangenheit geht. In „Moskauer Pelmeni“ heisst es: „Eine Zensur des eigenen und des Lebens von anderen, bei der die ersten zwanzig (dreissig, vierzig) Jahre eliminiert werden, die vor dem Studium an der Sorbonne, der Karriere als Europolitiker oder erfolgreicher Geschäftemacher lagen. Hinter all dem verbirgt sich die alte litauische Neigung, sich das Leben ohne grosses Nachdenken leichter zu machen – alle Schuld an den Übeln der Vergangenheit und an den Problemen der Gegenwart werden dem Nachbarn in die Schuhe geschoben. Ungefähr so: Wenn Russland nicht wäre, dann wäre Litauen heute ein Hybrid aus Kanada und Finnland . . .“

Weniger kritisch geht der Lyriker Eugenijus Alisanka mit seinen Landsleuten um. In seiner Essaysammlung mit dem deutschen Titel „Risse. Streifzüge und Fluchtpunkte“ wählt er einen eher subjektiven, dabei sprachlich hoch elaborierten Zugang. Alisanka hat für uns ein Treffen im Gebäude des Schriftstellerverbandes, einem ehemaligen Adelssitz, arrangiert. Da gerade eine Tagung vorbereitet wird, finden wir erst in einem Kämmerchen mit vertrockneter Zimmerpflanze und trübem Blick auf den Hinterhof einen ruhigen Platz.

Alisanka wurde 1960 im sibirischen Barnaul geboren. Das ist der Ausgangspunkt von „Risse“, in dem Autobiografie und literarisches Zitat, wie der Autor sagt, ineinander übergehen. Wahr ist, dass Alisankas Grosseltern – beide Grosselternpaare – 1941 wie Tausende Litauer von den Sowjets nach Sibirien verschleppt wurden. Die Grossväter wurden sogar im gleichen Gefängnis arretiert, wo der eine als „Volksverräter“ erschossen wurde und der andere verhungerte. In diesem Umfeld lernten sich Alisankas Eltern kennen.

Mit der Rückkehr nach Vilnius und der Erinnerung des zweijährigen Eugenijus an einen goldenen Türknauf setzt das Buch ein. Die Familie lebte in einer Kommunalka mit Pumpe im Hof, auf einem alten städtischen Prozessionsweg, der ausgerechnet nach Felix Dserschinski benannt war. In den Höfen berauschten sich Menschen an Möbelpolitur und Selbstgebranntem, regelmässig musste ideologisch Farbe bekannt werden. Eine normale spätsowjetische Sozialisation, in der Sprache und Literatur bei dem Kind Produktivkräfte freisetzten – was jedoch eher subkutan entfaltet wird.

Surreales Memento mori

Von den Sommern der Familie auf dem Land erzählen die Texte – bald ernst, bald ironisch –, dem Militärdienst in Murmansk, dem Trampen ans Kaspische Meer, dem „Blutsonntag“ von 1991, als sowjetische Panzer den Austritt Litauens aus der UdSSR verhindern wollten, der selbstverständlichen „Europäizität“ Litauens – und einem grundsätzlichen Unbehagen an Interviews. „Risse“ treten nicht nur auf bei der Betrachtung des Ichs, auch die Sprache ist rissig und die Beziehungen zwischen Menschen: „Jedes Zuhause erwächst aus Rissen in Gräbern und unvollendeten Geschichten, nicht wahr?“

Dem Dramatiker Marius Ivaskevicius eilt der Ruf voraus, den Finger gern in die nationale Wunde zu legen. In seinem schlichten Studio in der Tatarenstrasse, unweit vom „Gediminas“, bildet eine alte Bahnhofsuhr ein surreales Memento mori. Dabei muss sich der 1973 geborene Autor um seine Produktivität keine Sorgen machen. Elf Stücke hat er inzwischen verfasst, die über Litauen hinaus aufgeführt werden.

Bekannt geworden ist Ivaskevicius mit zwei Romanen, die als erste postmoderne Werke Litauens gelten. Vor allem durch „Die Grünen“ (2002, dt. 2012), eine Parodie auf den Partisanenmythos der Nachkriegszeit, brachte er seine Landsleute gegen sich auf. „Ich galt als Nestbeschmutzer, weil ich ‹den Feind›, also die Sowjets, mit menschlichem Gesicht zeigte“, sagt Ivaskevicius. Sein grösster Erfolg ist „Madagaskar“ (2004), ein Stück, das die phantastischen Utopien der litauischen Vorkriegsintellektuellen dekonstruiert und ihre Gedanken ironisch fortspinnt. Es geht um die absurde, aber historisch verbürgte Idee, Litauen wegen der Bedrohung durch Deutschland, Polen und Russland nach Madagaskar zu verlegen.

Das Stück „Verbannung“ (2011), das ein Kritiker gar als „neues nationales Epos“ bezeichnet hat, fragt nach Identität mit Blick auf den Massenexodus von Litauern seit der Unabhängigkeit. Darin wird das düstere Bild eines osteuropäischen Prekariats gezeichnet, das sich in Westeuropa fremd und wertlos fühlt. In einer Schlüsselszene konstatiert ein Emigrant, der bei einer Entenjagd in England die toten Vögel aufsammelt, dass er wohl der neue Familienhund ist.

Als Reaktion auf die russische Invasion in der Ostukraine hat Ivaskevicius gemeinsam mit dem Regisseur Arpad Schilling „Das grosse Übel“ (2015) entwickelt – ein Spektakel um Krieg und Gewalt löst. Zu Beginn sitzt eine Familie in der Ostukraine beim Abendessen, als ein Körper aus einem Flugzeug aufs Dach fällt. Bei Vergewaltigung, homophoben Reden und Neonazi-Attacken läuft die Handlung dann systematisch aus dem Ruder. Das russisch- und litauischsprachige Stück läuft im Nationaltheater am Gediminas-Prospekt, über dessen Eingang eine Skulpturengruppe aus drei schwarz gekleideten Frauen eher an Sirenen erinnert als an Musen.

Laurynas Katkus: Moskauer Pelmeni. Essay. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2016. 114 S., Fr. 13.80. Eugenijus Alisanka: Risse. Streifzüge und Fluchtpunkte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Klak-Verlag, Berlin 2017. 272 S., Fr. 24.50.