"Demokratisierung" des Hasses

Masse, Meute, Mob

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.01.2017

Jede Massengesellschaft birgt Entrüstungspotenziale, die sich aggressiv bewirtschaften lassen. Herrschte in den Jahrzehnten nach 1945 lange innerer Friede, beginnen nun moralisch gestylte Meuten den Ton anzugeben. Ein Gastkommentar von Peter StrasserPeter Strasser ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Universität Graz. 2016 ist im Wilhelm-Fink-Verlag erschienen: „Ontologie des Teufels – Mit einem Anhang: Über das Radikalgute“.

Hass durchflutet dieser Tage die westlichen Demokratien, schwappt aus dem „Netz“ und verändert den Blick auf soziale Realitäten. Hass treibt die politischen Akteure an und vor sich her. Niemand weiss heute, ob dies der Anfang vom Ende des liberalen Rechtsstaats ist. Sicher scheint indessen, dass man sich ausführlicher mit den Erscheinungsformen des in Massengesellschaften massenhaft umlaufenden Hasses beschäftigen sollte. Denn in ihm wird eine Konstante der menschlichen Natur sichtbar, ohne deren Zähmung kein Gemeinschaftsleben denkbar ist.

Massen waren häufig Ausdruck des Protests, der soziale Gruppen, „Klassen“, zusammenschweisste, indem sie gegen eine Gesellschaftsordnung mobilmachten. Man mobilisierte gegen die Kapitalisten oder gegen die „Roten“ aller Couleur, zu denen bei den Nazis die Juden zählten. Mochten Ideologien auch eine Utopie mit sich führen – man denke an den klassenlosen Staat, ohne Ausbeutung und Entfremdung –, praktiziert wurde der Kampf, indem eine spezifische Form des Hasses auf die Strasse gebracht wurde.

Kollektives Ressentiment

In „Masse und Macht“ (1960) geht Elias Canetti so weit, das Verbot der allgemeinen Wehrpflicht, wie es die Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs in den „Schandverträgen von Versailles“ Deutschland diktierten, als die „Geburt des Nationalsozialismus“ zu bezeichnen: „Das Verbot der Armee war wie das Verbot einer Religion. Der Glaube der Väter war unterbunden, ihn wiederherzustellen, war jedes Mannes heilige Pflicht.“

Hass treibt die politischen Akteure an und vor sich her. Niemand weiss heute, ob dies der Anfang vom Ende des liberalen Rechtsstaats ist.

Ohne Canettis Diagnose auf eine psychohistorische Waagschale zu legen, darf gesagt werden, dass die Massenmobilisierung, die ein Volk in den Krieg – Bürgerkrieg oder nationalen Krieg – treibt, aus einem kollektiv gerichteten Ressentiment ihre Energie bezieht. Dieses Gefühl verbindet sich meist mit einer Heilserwartung, deren Bestialität (man denke an das von Hitler erträumte „Tausendjährige Reich“) nichts daran ändert, dass sie sich mit religiöser Inbrunst auflädt. Im Gegenteil! Die klassische Masse ist eine Verkörperungsform politischer Theologie.

Das moderne Massenphänomen ist ein Phänomen der Massengesellschaft. Diese birgt, aufgrund mannigfacher Mängel, Entrüstungspotenziale, die sich aggressiv bündeln und kanalisieren lassen. Doch nicht immer arbeitet die Zeit den Kriegsdemagogen in die Hände. Nach zwei Weltkriegen liess sich der Gang zu den Waffen nicht mehr als religiöser Kreuzzug oder eschatologische Schlacht überhöhen. Es trat ein, was Steven Pinker in seinem Buch „The Better Angels of Our Nature“ (2011) die Zeit des Langen Friedens nannte, trotz Hunderten lokaler Kriege, die nach wie vor das Antlitz der Welt verunstalteten.

Die PC-Falle

Nach 1945 schien es, als ob das westliche Demokratiemodell geeignet war, das Zeitalter des Hasses zu beerben. Die Epoche der grossen historischen Erzählungen sollte zu Ende sein, befand Jean-François Lyotard. Die Postmoderne liess die populären Massentheorien veraltet erscheinen. An die Stelle der ideologischen Auseinandersetzung sozialer Klassen trat der friedliche Parteienstreit, mit oder ohne „Sozialpartnerschaft“.

Die Demokratie sieht sich mit Legionen fragwürdiger Beiträge aus den Social Media konfrontiert.

Geht man allerdings davon aus, dass sich die menschliche Natur nicht grundlegend geändert hatte (das Stichwort von Thomas Hobbes lautet „homo homini lupus“), dann bedurften die Hasspotenziale neuer Aktionsfelder, die den neuen – diskursiven statt militärischen – Bedingungen angepasst waren. Tatsächlich machen bald nach der Zeit des Wiederaufbaus Aktivisten von sich reden, die der amerikanische Soziologe Howard S. Becker in seinem einflussreichen Werk „Outsiders“ (1963) als „moralische Unternehmer“, „moral entrepreneurs“, charakterisiert. Seine Paradebeispiele waren die Prohibitionisten, Abtreibungsgegner und Befürworter des Verbots von Cannabis.

Jede dieser Gruppen agierte mit einem Elan, der an kleinreligiöse Offensiven erinnerte. Man beschwor die eigene Sache als heilig und verteufelte alle Gegner. An die Stelle der „Codierung“ des Hasses im Sinne einer Grossideologie waren Kampfgebiete getreten, deren Akteure sich innerhalb des demokratischen Regelwerks bewegten. Sie machten auf allen institutionellen Ebenen Druck, bis hin zur Gesetzgebung. Die schwerbewegliche, aber richtungsstarke Massenoffensive war durch die Manöver kleiner Gesinnungstrupps, „Meuten“ – ihrem Wesen nach Hetzmeuten –, ersetzt worden. Diese drängten durch die Zurschaustellung moralischer Entrüstung ihre Opfer in ein asoziales Eck.

Das Modell des moralischen Unternehmers, der eine postmoderne Meute formiert, eignete sich vorzüglich, um Hasskampagnen als legitime Aktivitäten zum Schutz schwacher Gruppen zu bewerben. Mit der Verbreitung dieses Modells entsteht auch die Political Correctness, PC, die ein praktisch grenzenloses Feld zur Abarbeitung von „bad feelings“ bietet. Der Typus chauvinistischer Männlichkeit, das „male chauvinist pig“, eignete sich als ein breitflächiger Angriffspunkt.

Davon berichtet, auf dem Niveau der grossen amerikanischen Literatur, Philip Roths Roman „The Human Stain“ (2000). Dort wird ein angesehener Literaturprofessor zum Opfer einer Mischung aus feministischer Hetze und Kollegen-Opportunismus, weil er zwei dauerhaft abwesende Studentinnen, deren Hautfarbe er nicht kennt, als „ghosts“ bezeichnet – angeblich ein rassistischer Ausdruck für Schwarze.

Die PC-Falle hatte sich im Laufe der Zeit herausgebildet: Diejenigen, die traditionell zu den diskriminierten Gruppen gehörten, ob Andersfarbige, Minderheitsreligiöse, Frauen, Homosexuelle oder Behinderte, machten ausser ihrer rechtlichen Gleichstellung in erhöhtem Masse Sensibilitätsansprüche geltend. Es kam die Zeit der vorauseilend verletzten Gefühle. Heute redet man an den US-Eliteuniversitäten bereits von Wort-Triggern, die solche Gefühle auslösen könnten. Damit erweitert sich das Betätigungsfeld der Organisatoren moralisch gestylter Meuten.

In der Abwärtsspirale

Dass dadurch nicht bloss mehr soziales Feingefühl und Gerechtigkeit entstehen, sondern auch die Toleranzspielräume immer weiter eingeengt werden, kann denen nur recht sein, die unseren westlichen Kulturliberalismus ohnehin stets beargwöhnten: konservativen, reaktionären, klerikalen Gruppierungen. Sie alle machen ja dadurch auf ihre Anliegen aufmerksam, dass es ihnen gelingt, innerhalb des demokratischen Schutzraumes durch das Gesetz geschützte Moraloffensiven zu initiieren. Die Hetzmeute, gegen wen oder was auch immer, gegen den kleinen Mann von der Strasse mit Zigarette im Mund oder den „Gen-Gemüse“-Grosserzeuger, soll jedenfalls nicht offensichtlich als ein Angriff auf den demokratisch verbürgten Pluralismus erkannt werden.

Hier beginnt eine Abwärtsspirale, die sich zunächst in den „Wutbürgern“, grossenteils durchaus respektablen Feuilleton-Gestalten, ankündigt. Die Wut der Bürger, die sich gegen Trägheit und Korruption richtet, weicht jedoch rasch von den standardisierten Themen der „moralischen Unternehmer“ ab, ja diese selbst werden nun zum Angriffsziel einer „Wut“, die längst nicht mehr staatsbürgerlicher Sorge erwächst. Die Demokratie sieht sich mit Legionen fragwürdiger Beiträge aus den Social Media, dem globalen elektronischen Diskursuniversum, konfrontiert. In ihm steht man nicht mit Namen und Gewissen ein, man „postet“ anonym.

Gebundene Wut wird freigesetzt, kann massenhaft flottieren. Die PC-Meuten in moralischer Mission mutieren zum gesichtslosen Mob, der sagt, was „man“ sich denkt. Abgesehen von rasch auf- und abklingenden „Shitstorms“ entsteht eine Kultur des Mobbings aus dem namenlosen Dunkel. Treffen kann es jeden, der öffentlich sichtbar wird. So sind es etwa die Ausländer, denen man die „Fresse“ einschlagen möchte. Der elektronische Mob redet Klartext ohne Deckung durch eine ideologische Masse, ohne das „ethische“ Mandat des moralischen Unternehmers oder Wutbürgers.

Im Überlebenskampf

Durch die ungeheure Verstärkerwirkung der digitalen Medien sind die politischen Akteure gezwungen, sich in ihrem Überlebenskampf auf den neuen Mob einzustellen. Man sagt es nicht offen, aber es wird immer offensichtlicher: Alle Anstrengungen der Nachkriegsepoche, die im Menschen allzeit bereitliegenden Hasspotenziale in einen staatsbürgerlichen Diskurs, eine demokratische Streitkultur, einzubinden und zu transformieren, kommen langsam an ihr Ende. Wohin dieser Prozess führen wird, ist ungewiss.

Doch es ist eine Lehre aus der Geschichte, dass sich das politische Feld in zwei miteinander verzahnte Richtungen bewegt. Populistische Parteien werden den Mob immer skrupelloser für ihre Zwecke instrumentalisieren, während der autoritäre Überwachungsstaat zur Abwehr innerstaatlicher Zerfallsprozesse an Zuspruch gewinnt. Die „Demokratisierung“ des Hasses könnte bald schon einhergehen mit dem zunehmenden Hass auf alles Demokratische.

Peter Strasser ist Professor für Philosophie und Rechtsphilosophie an der Universität Graz. 2016 ist im Wilhelm-Fink-Verlag erschien: „Ontologie des Teufels – Mit einem Anhang: Über das Radikalgute“.