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Diskurskritik

Politisch unkorrekt – warum nicht?: Das Unbequeme macht uns stark

von Matt Ridley / 19.03.2017

In den USA und nun auch in England verstärkt sich die Tendenz, dass Hochschulen politisch nicht genehme Stimmen nicht zu Wort kommen lassen. Das schadet letztlich auch jenen, die solches betreiben.

„In einem freien Staat sollten auch die Zungen frei sein“, schrieb Erasmus von Rotterdam vor 501 Jahren. England war in dieser Hinsicht oft toleranter als viele andere Länder, aber auch hier waren die Menschen nie völlig frei, ihre Meinung zu sagen. Für Blasphemie und Unruhestiftung wurde man über Jahrhunderte hin belangt. Als Ken Clarke im Jahr 1961 Oswald Mosley, den Gründer der British Union of Fascists, zu einem Referat vor der Cambridge Union einlud, gab es einen Proteststurm: Das Gesetz hat Aufstachelung zur Gewalt stets – und richtigerweise – verboten.

Aber dass John Bercow als Sprecher des britischen Unterhauses Präsident Trump einen Auftritt vor dem Parlament verweigern will, kann nicht mit dem Risiko eines Aufrufs zur Gewalt begründet werden. Ebenso wenig greift dieses Argument bei der mittlerweile fast zur Routine gewordenen Praxis, kontroversen Rednerinnen und Rednern Auftritte an Universitäten zu untersagen. In solchen Fällen geht es lediglich ums Anstossnehmen. Die radikale Feministin Julie Bindel etwa durfte nicht an der Sheffield University auftreten, weil sie gegenüber sexuellen Minderheiten angeblich nicht genug aufgeschlossen war.

Importierte Maulkörbe

Der vom Online-Magazin „Spiked“ – einer Publikation mit marxistischem Hintergrund und libertärer Ausrichtung – publizierte Jahresbericht über Ausdrucksfreiheit zeichnet ein besorgniserregendes Bild. Fast zwei Drittel der Studentenvereinigungen und ein Viertel der Hochschulleitungen bekommen ein rotes Etikett verpasst; das heisst, dass sie Meinungen unterdrückt und auf dem Campus aktiv Zensur ausgeübt haben.

Im September 2015 verhinderte die Studentenunion in Oxford, dass bei einer Informationsveranstaltung für Erstsemestrige das Magazin „No Offence“ ausgelegt wurde, das sich als Fackelträger für Meinungs- und Ausdrucksfreiheit versteht. Im selben Monat verbot die University of East Anglia, dass in einem Restaurant gratis Sombreros verteilt würden, weil mexikanische Studierende dies als Affront hätten empfinden können. Eine proisraelische Haltung, die Tatsache, dass man die „Sun“ liest oder Abtreibungsgegner ist, kann einem ein Auftrittsverbot eintragen, aber nichts davon kommt einer Aufstachelung zur Gewalt gleich. Lediglich an drei Universitäten schalten sich die Administration und die Studentenvereinigungen nur gerade in wirklich gesetzwidrigen Fällen ein.

Die Unsitte, die Redefreiheit einzuschränken, wurde aus Amerika importiert, wo die Hochschulen zunehmend intolerant auf alles reagieren, was nicht einer engen orthodoxen Sicht entspricht. Nicholas Christakis, Professor in Yale, wurde 2015 von einer lärmenden Menge bedrängt, weil seine Frau wenig Verständnis für Leute bekundete, die ein Verbot von Halloween-Kostümen forderten. „Universitäten waren einst ein Freiraum, in dem nicht nur Reifeprozesse, sondern auch gewisse regressive Erfahrungen oder sogar Regelverstösse zugelassen waren“, hatte sie geschrieben. „Aber es scheint, dass sie zunehmend zu Orten der Zensur und der Verbote werden.“

Die University of California in Berkeley war 1964 Schauplatz der berühmt gewordenen Proteste des „free speech movement“, welches forderte, dass die Universität das Verbot politischer Aktivitäten auf dem Campus aufheben solle. Im Januar 2017 kam es an derselben Hochschule zu gewaltsamen Ausschreitungen, als Studenten – erfolgreich – den Auftritt eines homosexuellen, aus England gebürtigen Konservativen verhinderten, nämlich des Journalisten und Trump-Unterstützers Milo Yiannopoulos. Die Folge war, dass Yiannopoulos‘ Buch „Dangerous“ die Bestsellerlisten erklomm.

Ich habe mir einige seiner Auftritte online angesehen, um zu erfahren, warum sie die Gemüter so erhitzen. Yiannopoulos ist sprachgewandt, islamkritisch und schont Feministinnen und die Linke nicht; er bekundet kämpferische Lust, von dieser Seite ergangene Schmähreden gegen die Republikaner mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aber man tut sich schwer damit, eine Rechtfertigung für den oft geäusserten Vorwurf zu finden, er sei ein Faschist oder ein weisser Suprematist; und schon gar nicht, dass er seine Stellungnahmen mit einem Aufruf zur Gewalt verbinden würde.

Verarmter Diskurs

Warum diese Intoleranz? Wieso sind so viele Studierende derart darauf versessen, Meinungen, die ihnen nicht passen, zu verbieten, statt darüber zu diskutieren? Vor Jahren, als ich ein Buch über die Nature-Nurture-Debatte – die Frage, ob Erbanlagen oder das soziale Umfeld die Persönlichkeit prägen – verfasste, wurde ich auf ein Phänomen aufmerksam, dem nach wie vor viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Wenn Meinungsäusserungen unterdrückt werden, liegt das besondere Übel darin, dass die ganze Menschheit beraubt wird.

In kontroversen Themenbereichen neigen wir dazu, vor allem das zu lesen, was Leute, die ähnlich denken wie wir, über unsere Gegner schreiben. Selten wenden wir uns direkt der Quelle zu und nehmen zur Kenntnis, was wirklich gesagt wurde; so bekommen wir nur abwertende Karikaturen der anderen Meinung zu Gesicht, Strohmänner, die leicht zu hassen oder aus dem Feld zu schlagen sind.

Im Zeitalter der Social Media hat sich diese Tendenz noch verschärft, weil die Leute immer mehr in ihren politischen Filterblasen leben. Da Universitäten und Schulen konservative Lehrkräfte weitgehend aus ihrem Stab verdrängt haben, und da die Studierenden sich auf Twitter und Facebook vorab unter Gleichgesinnten bewegen, darf es nicht verwundern, dass viele von ihnen nie etwas anderes über Konservative gehört haben, als dass sie rassistisch, sexistisch und gefühllos seien. Beim Gedanken, dass man die freie Marktwirtschaft auch aus der Überzeugung heraus unterstützen könnte, dass sie der Kooperation und dem sozialen Wandel zuträglich sei, würde ihnen vermutlich der Grünkohl im Hals steckenbleiben.

In „Über die Freiheit“ führt John Stuart Mill aus, was solch zartbesaitete Naturelle anrichten: „Wenn Meinungsäusserungen unterdrückt werden, liegt das besondere Übel darin, dass die ganze Menschheit beraubt wird; die Nachwelt ebenso wie die Zeitgenossenschaft; und diejenigen, die nicht mit dieser Meinung einiggehen, noch mehr als diejenigen, die sie vertreten. Ist die Meinung zutreffend, dann entgeht ihnen die Möglichkeit, Irrtum durch Wahrheit zu ersetzen; ist sie verkehrt, dann verlieren sie ein kaum minder kostbares Gut, nämlich eine klarere Anschauung und einen lebhafteren Eindruck der Wahrheit, die aus ihrem Zusammenprall mit dem Irrtum resultieren.“

Die Linke und der Islam

Ein besonderes Problem stellt in dieser Hinsicht derzeit der Islam dar. Es überrascht – mich zumindest –, in welchem Mass die Linke sich generell mit Religionen solidarisiert, und gar mit einer, die so stark von einem konservativen Gesellschaftsverständnis dominiert ist und die so häufig mit der Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen assoziiert wird. In Studentenkreisen ist Islamophobie ein ebenso grosses Verbrechen wie die Ablehnung von Transgenders, und sie wird stärker geahndet als eine kritische Einstellung gegenüber dem Christentum oder dem Judentum. Man kann sich nach Belieben über die Mormonen lustig machen und sie in einem Musical vorführen, aber wehe, man spottet über den Koran.

Ein Beispiel ist der jüngst aufgeflammte Streit zwischen zwei Frauen. Raten Sie, welche von einer renommierten Universität ausgeladen wurde.

Ayaan Hirsi Ali ist eine Frauenrechtlerin somalischer Abkunft; sie hat Genitalverstümmelung am eigenen Leib erfahren und entkam einer Zwangsheirat nur durch die Flucht nach Holland. Sie wandte sich vom Islam ab, wurde Mitglied des niederländischen Parlaments und schrieb das Drehbuch für einen Film, dessen Regisseur von einem Islamisten ermordet wurde. Der Täter heftete einen Drohbrief an die Brust des Opfers, in dem er ankündigte, dass Hirsi Ali als Nächste an der Reihe sei. Sie fordert eine Reform des Islam.

Linda Sarsour ist eine amerikanische Muslimin, die den Hijab trägt und die Scharia verteidigt. Sie war Mitorganisatorin des Frauen-Protestmarschs am Tag nach der Inauguration von Donald Trump. Unlängst tauchte ein Tweet wieder auf, den sie 2011 abgesetzt hatte und in dem sie den Wunsch ausdrückte, Hirsi Ali und einer anderen Islamkritikerin die Vagina „wegzunehmen“, weil sie nicht verdienten, Frauen zu sein. Hirsi Ali entgegnete: „Nichts erniedrigt, degradiert und dehumanisiert Frauen mehr als die Prinzipien der Scharia. Und diese verteidigt Linda Sarsour.“

Nur wenige Feministinnen erhoben die Stimme für Hirsi Ali.

Aber unglaublich genug: Es war Ayaan Hirsi Ali, die 2014 wieder ausgeladen wurde, nachdem ihr die Brandeis University einen Ehrendoktor offeriert hatte. Die Episode stellt einen bewussten Versuch dar, Islamkritik als ein Äquivalent zu negativen Einstellungen gegenüber Frauen oder Minderheiten zu werten. Nur wenige Feministinnen erhoben die Stimme für Hirsi Ali. „Wir sind besorgt“, säuselte eine, „dass ihre Art, das Thema der Geschlechtergleichheit in islamischen Gesellschaften anzugehen, eher den Rassismus verstärken als den Sexismus abbauen wird.“

Diese Allianz linker Feministinnen mit dem Islam kann nicht andauern. Donald Trumps krasses Einreiseverbot mag sie neu befeuert haben, aber anderseits wachsen die Spannungen – und mit ihnen wächst auch das Publikum für Leute wie Milo Yiannopoulos.

Matt Ridley ist Autor (u. a. „The Rational Optimist“), Unternehmer, Abgeordneter des britischen Oberhauses (für die Tories) und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. – Aus dem Englischen von as.