BBC

Satire

Streit um „The Real Housewives of ISIS“: Pfeifen im Wald

von Marion Löhndorf / vor 7 Tagen

Ein BBC-Sketch, „The Real Housewives of ISIS“, reizt britischen Humor aus mit der Darstellung britischer Frauen, die sich Islamisten angeschlossen haben. Das sorgt für Streit darüber, was Satire darf.

Der englische Humor hat ja so einen guten Ruf. Als etwas essenziell Ironisches, aber doch irgendwie Nettes. Doch in Wirklichkeit ist das gar nicht so. Der englische Humor schlägt gern über die Stränge, provoziert, kann bösartig, politisch masslos unkorrekt und geschmacklos sein. Beispiele seiner – aus kontinentaleuropäischer Sicht – grenzwertigen Seite gelangen nicht so oft nach aussen, wie man denkt. Nun liegt aber doch ein Paradebeispiel vor, an dem selbst manch englischer Betrachter zu knabbern hatte.

Die BBC lancierte einen nur eineinhalb Minuten langen TV-Clip zur Serie „Revolting“ (ekelerregend) mit dem Titel „The Real Housewives of ISIS“ und entfachte damit einen Sturm in den Medien und im Internet. Der Minifilm ist eine Verballhornung der amerikanischen TV-Serie über reiche Müssiggängerinnen („The Real Housewives of Beverly Hills“). In dem darauf aufbauenden Satire-Sketch geht es um britische Frauen, die sich, übers Internet angelockt, Islamisten angeschlossen haben. Da denkt eine Hijab tragende Britin namens Afsana darüber nach, was sie zu einer anstehenden Hinrichtung tragen soll: „Und dabei sind es nur noch drei Tage bis zur Enthauptung.“ Eine andere führt ihren Freundinnen ihre Selbstmordweste vor wie ein Mode-Utensil: „Wie findet ihr das? Ahmed hat mich gestern damit überrascht.“ Während eine Sprecherstimme erklärt, das Leben mit dem IS sei voller wunderbarer Überraschungen, erscheint eine Frau im Bild, die auf Knien einen halbzerstörten Raum schrubbt und motzt: „Das brauchte ich in Birmingham nicht zu machen.“

Die Macher des Sketches, Joylon Rubinstein und Heydon Prowse, lassen britische Alltagsbanalität und IS-Brutalität aufeinanderprallen, Girlie-Smalltalk und Gewalt. Millionenfach wurde der Beitrag auf Youtube angesehen und heftig kommentiert. Viele Zuschauer meinten, das gehe zu weit. Die vom IS rekrutierten, einer Gehirnwäsche unterzogenen Frauen seien Opfer eines Gewaltsystems. Scherze darüber seien moralisch unzulässig. Zum Alltag der wirklichen Hausfrauen dem IS gehörten Vergewaltigung und Missbrauch. Menschliches Leiden werde für leichte Unterhaltung verharmlost – so die wesentlichen Argumente. Auch Vorwürfe, Islamophobie angeheizt und die Grenzen des guten Geschmacks übertreten zu haben, wurden laut. Rubinstein, einer der beiden Schöpfer des Clips, verteidigte sich: „Das Ziel ist Online-Grooming. Es geht um Menschen, die gegenüber dieser Art von Annäherung anfällig sind.“

Die ebenso zahlreichen Fürsprecher des Sketches beriefen sich im Wesentlichen auf die Meinungs- und Gedankenfreiheit. Humor sei subjektiv. Daher dürfe man diese Art von Satire nicht verbieten. Denn das sei nur einen Schritt weit davon entfernt, so die Tageszeitung „The Independent“, dass Nichtmuslime nicht mehr über Muslime schreiben dürften und umgekehrt. Auch Shiraz Maher, stellvertretender Direktor des International Centre for the Study of Radicalisation am Londoner King’s College, wiegelt ab: „Wir denken uns nichts bei Satiren über den Ku-Klux-Klan oder die Nazis, warum also nicht IS? IS will als Spieler und Staat ernst genommen werden, sie wollen Zustimmung, und die Comedy verwehrt ihnen das.“ Die BBC wollte sich gar nicht erst auf die Diskussion einlassen und liess lediglich ausrichten, es handle sich um Satire und der Sender habe eine reiche Geschichte in Bezug auf Satire. Comedians, so berichtete die Tageszeitung „The Guardian“, hätten Sorge geäussert, dass die Reaktion Teil der wachsenden Empörungskultur sei, die eine Gefahr für einen der erfolgreichsten Exportartikel Grossbritanniens darstelle: Satire. Doch darum muss man sich keine Sorgen machen. Comedy, Scherz und Satire gedeihen im Königreich wie eh und je. Und immer schon dienten makabre Spässe auch dazu, sich die Angst vor allem Möglichen vom Leib zu halten, vor Tod und Zerstörung zum Beispiel: als Pfeifen im Wald.