Keystone

Hommage

Zum Tod von Chuck Berry: Eintrittsbillett in eine neue Welt

von Jürg Zbinden / vor 6 Tagen

Schülerpartys und viel Langeweile: Wie Chuck Berry mir half, erwachsen zu werden.

Die Todesnachricht kam nicht unerwartet und doch überraschend. Anders als bei Elvis Presley, dem „King of Rock’n’Roll“, oder bei Michael Jackson, dem „King of Pop“. Ohne Elvis‘ Bedeutung zu schmälern – auch Chuck Berry hat den royalen Titel des Rock’n’Roll völlig zu Recht erhalten.

Die ersten Musiker, an die ich mich erinnern kann, waren Chuck Berry und Elvis. Ich verstand zwar so gut wie nichts von dem, was sie „schrien“ – meine Eltern und Grosseltern forderten mich jeweils unmissverständlich auf, das „Geschrei“ im Radio auszumachen. Aber das wenige, das ich verstand, elektrifizierte mich: Tadellos verstand ich Chuck Berrys „Rock and Roll Music“, lange bevor die juvenilen Superlative „mega“ und „cool“ in Schulhöfen herumgeisterten. Kaum weniger begeisterte mich „Roll Over Beethoven“. Den altehrwürdigen Herrn Beethoven irgendwie zu überrollen, das fand ich als Schüler völlig in Ordnung – seine Kompositionen kamen mir öde und schleppend vor.

Was ein Original ist

Chuck Berrys Damen „Maybelline“, „Little Queenie“ und „Carol“ imponierten mir ebenfalls. Vor allem die Preisung der Letztgenannten hörte ich gern. Soviel ich weiss, befanden sich damals vier Rock’n’Roll-Kassetten in meinem Besitz: je eine von Chuck Berry, Elvis Presley, Little Richard und Fats Domino. Doch mein unangefochtener Favorit war und blieb „Rock and Roll Music“. Es klang wie das Eintrittsbillett zu einer Welt, die auf mich wartete und auf die ich wartete. Ich mehr auf die Welt als umgekehrt, wie sich herausstellen sollte.

Leider erschloss sich mir die Redewendung „Da vergeht einem Hören und Sehen“ noch eine lange Weile nicht. Ich sah mich gezwungen, die Langeweile inmitten von Ostschweizer Landeiern mit Rock’n’Roll totzuschlagen. Dabei half Chuck Berry. Er brachte mir bei, was ein Original ist. Die Beatles lehrten mich, was man unter einem Cover versteht: „Rock and Roll Music“, gesungen im Quartett, ging durch als Coverversion. Ich muss gestehen, die Version der Beatles fand ich fast noch besser. Schliesslich war ich mittlerweile schon erwachsener und ging auf Schülerpartys, wo ich mir einbildete, mit meinen Fortgeschrittenen-Kenntnissen zu glänzen.

Verrat am Idol

Wenn die Pärchen eng umschlungen zu „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum (genehmigt) und „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“ von den Flippers (Hilfe!) über den Boden des Partykellers schlichen, trat ich als Spielverderber auf und begehrte vom DJ, er möge „Rock and Roll Music“ auflegen. Und zwar nicht irgendeine, sondern die von den Beach Boys! Dem Wunsch nach Erneuerung wurde in der Regel entsprochen. Die Klammeraffen liessen einander mehr oder weniger widerwillig los, um abzurock’n’rollen. Für diesen Verrat an meinem Jugendidol schäme ich mich heute leise und bitte um Verzeihung.

Übrigens haben nicht nur die Beatles und die Beach Boys „Rock and Roll Music“ gecovert. Äusserst hörenswert ist auch die raue Version von Humble Pie. Die „lebende Legende“ Chuck Berry soll für 2017 noch ein Album geplant haben, eins mit dem schlichten Titel „Chuck“. Auch eine World Tour stand auf dem Programm. Dass dem Gitarrengott mit 90 Jahren ein letzter Ententanz erspart blieb, mag ich ihm gönnen. Das Album hätte ich gekauft.