AP Photo/Pablo Martinez Monsivais

Rechte Trump-Berater

Brüder im Geiste

von Marie-Astrid Langer / 16.02.2017

Sie bereiteten den ideologischen Nährboden für Trumps Sieg, lange bevor dieser überhaupt kandidierte. Nun setzen seine Berater Miller und Bannon ihre Mission im Weissen Haus fort.

„Vom heutigen Tag an wird eine neue Vision in diesem Land regieren. Von diesem Moment an wird es immer heissen: America first!“ Die Rede des frisch vereidigten amerikanischen Präsidenten glich einem Donnerschlag, weil sie so gar nicht versöhnlich, so radikal nationalistisch war. Die Worte stammten jedoch nicht aus Donald Trumps Feder, sondern aus der seiner Berater. Es sind die gleichen beiden Männer, die auch das Dekret entwarfen, das die Einreise von Bürgern aus sieben vornehmlich muslimischen Ländern blockierte und weltweit Proteste auslöste. Stephen Miller und Stephen Bannon zählen zu den wichtigsten Beratern des neuen Präsidenten – Miller als „senior advisor“ und Redenschreiber, Bannon als Chefstratege und nun auch als ständiges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat. Doch die beiden prägen Trumps Kurs nicht erst seit dessen Amtsantritt. Seit Jahren zählen sie zu den treibenden Kräften der Bewegung, die den Milliardär ins Weisse Haus trug. Wie der Präsident waren auch Bannon und Miller lange Aussenseiter, von denen kaum jemand gedacht hätte, dass sie und ihr radikal-konservatives Gedankengut eines Tages im Zentrum der amerikanischen Staatsgewalt wirken würden.

Kinder demokratischer Eltern

Auf den ersten Blick wirken die beiden sehr unterschiedlich: hier der schlaksige Miller, dessen Kleidung – eng sitzender Anzug mit Einstecktuch und Krawatte – und fliehende Haarlinie leicht vergessen lassen, dass er erst 31 Jahre alt ist; da der mehr als doppelt so alte, übergewichtige und meist unrasierte Bannon, der seine Cargohose selbst für das Oval Office nicht ablegt.

Doch bei genauerem Hinsehen erscheinen Miller und Bannon fast schon seelenverwandt. Der Weg zum radikalen Konservatismus war beiden nicht in die Wiege gelegt, Bannon und Miller wuchsen jeweils in demokratischen Haushalten auf. In Millers Fall war es eine jüdische Familie in Santa Monica, Kalifornien, doch schon in der Highschool lehnte Miller die politische Haltung seiner Eltern ab. Prägend war für ihn, so schreiben es amerikanische Medien, die Lektüre des Buches „Guns, Rights, and Freedom“ des Chefs der Waffenlobby NRA (National Rifle Association). Zunehmend lehnte sich Miller gegen die Führung seiner Schule auf, schimpfte auf die spanischsprachigen Lautsprecherdurchsagen und die Akzeptanz Homosexueller.

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 schämte er sich für die betont islamfreundliche Haltung, die viele Amerikaner eingenommen hatten, wie Schulkollegen dem „Politico Magazine“ schilderten. „Usama bin Ladin hätte sich an unserer Schule willkommen gefühlt“, soll er gesagt haben. Verwandte Seelen fand Miller bei konservativen Radio-Talkshows, in denen er noch zu Schulzeiten Dutzende Male auftrat, um sich über den „ausser Kontrolle geratenen liberalen Bias“ zu beklagen.

Aggressiver Selbstvermarkter

Seinen Ruf als Provokateur pflegte er auch an der Duke-Universität in North Carolina, wo er Politikwissenschaften studierte. In seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Miller Times“ gab er die Schuld an 9/11 den nicht forcierten Zuwanderungsgesetzen, und er verteidigte die Invasion des Iraks. Während des Studiums freundete sich Miller über den konservativen Klub der Universität mit Robert Spencer an, der heute ein umstrittener Führer der radikal-konservativen Bewegung ist.

Stephen Miller, „senior advisor“ und Redenschreiber von Trump. (Bild: Kevin Lamarque / Reuters)

Studienkollegen von Miller betonen gegenüber amerikanischen Medien stets zwei Qualitäten: Er sei ein aggressiver Selbstvermarkter und ein Bombenwerfer. „Es wirkte konstruiert, er provozierte absichtlich und machte sich so einen Namen“, sagt ein Kollege aus den Zeiten bei der Campus-Zeitung. Ein anderer Studienfreund erinnert sich: „Man könnte sagen, er war die Trump-Kampagne zehn Jahre vor der Trump-Kampagne.“

Nach dem Studium, mit Anfang zwanzig, zog es Miller nach Washington, wo er in den Büros verschiedener konservativer Hardliner auf dem Capitol Hill arbeitete, unter ihnen der Senator aus Alabama Jeff Sessions, heute Trumps Justizminister. Schnell merkten Sessions und Miller, dass ihr Herz für das gleiche Thema schlug: die Beschränkung der Zuwanderung.

Im Jahr 2013 konnten die beiden dieser Leidenschaft freien Lauf lassen, denn ein gemeinsames Feindbild war geboren: Nach der Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2012 waren führende Republikaner zur Einsicht gelangt, dass sich die Partei gegenüber Zuwanderern öffnen müsste, um bei künftigen Wahlen mehrheitsfähig zu sein. Eine Gruppe von Republikanern, die „Gang of Eight“, der auch der Senator Marco Rubio aus Florida angehörte, erarbeitete eine Gesetzesreform, mit der der Kongress parteiübergreifend den Status von einst illegal Eingewanderten legalisieren sollte. Für Miller und Sessions war das Hochverrat. Sie taten sich mit dem „Kampforgan“ der amerikanischen Rechtsnationalisten zusammen, der Internetplattform „Breitbart“.

Bannon, der Banker

An dieser Stelle kreuzten sich die Pfade von Miller und Stephen Bannon, der damals Chefredakteur von „Breitbart“ war. Die Website bewarb die Idee, dass das republikanische Establishment die Amerikaner betrogen habe, dass durch Freihandelsabkommen das Volk verraten worden sei und Arbeitsplätze an Ausländer verloren gegangen seien – Gedanken, die auch Trumps Kandidatur prägten.

Bannon, heute 63 Jahre alt, war auf Umwegen in der rechtsnationalistischen Szene von „Breitbart“ gelandet: Aufgewachsen in einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie in Virginia, die Kennedy verehrte und Gewerkschaften angehörte, studierte Bannon an der Virginia-Tech-Universität und diente sieben Jahre in der Navy. Dort kam für ihn das republikanische Erwachen, wie er es in einem Interview mit „Bloomberg Businessweek“ formulierte: „Im Militär sah ich, was für einen Mist Jimmy Carter angerichtet hatte, und wurde zu einem grossen Verehrer Reagans.“ Nach dem Militärdienst las sich Bannons Lebenslauf zunächst wie der jener Eliten, die er heute so verabscheut: Studium an den Universitäten Georgetown und Harvard, anschliessend eine Karriere bei der Investmentbank Goldman Sachs.

„Michael Moore der Rechten“

Mit Goldman-Kollegen gründete er in den neunziger Jahren eine Investmentfirma, die sich auf die Medienbranche spezialisierte und die wenige Jahre später von der Société Générale gekauft wurde. Als frischgebackener Millionär frönte Bannon fortan seiner neuen Leidenschaft: politischen Dokumentationen, die ihm Spitznamen wie „Michael Moore der Rechten“ oder „Leni Riefenstahl der Tea-Party-Bewegung“ einbrachten.

Die Finanzkrise von 2008 war es letztlich, die seinen Hass auf politische und wirtschaftliche Eliten schürte. Bannon habe es als „grundlegend unfair“ betrachtet, sagte ein Familienfreund dem „Time Magazine“, dass hart arbeitende Bürger, unter ihnen auch Bannons eigener Vater, von Bankern übers Ohr gehauen worden seien, die der Staat wiederum gerettet habe. Für seine Wut fand Bannon bald ein Sprachrohr: die jüngst gegründete Plattform „Breitbart“.

Nachdem deren Gründer 2012 plötzlich verstorben war, rückte Bannon als Chefredaktor nach. Er heizte die Rhetorik des Portals mit Verschwörungstheorien an und erweiterte die Redaktion um ausländische Büros, Video- und Radiosparten, in denen er behauptete, Amerika sei „im Krieg mit den radikalen Jihadisten in aller Welt“ – ein Ausdruck, den auch Trump verwendet. Die einzige Waffe dagegen sei radikaler Nationalismus. „Unsere zentrale Überzeugung bei ‹Breitbart› lautet, dass wir im Krieg sind“, sagt Bannon.

Zuwanderung als Kernthema

Diese Überzeugung war es auch, die Bannon, Miller und Sessions zusammenbrachte. Im Sommer 2013 brüteten sie über Strategien, wie sie das Reformvorhaben der Republikaner stoppen könnten. Miller, der auf dem Capitol Hill gut vernetzt war, fütterte „Breitbart“ mit geleakten Informationen zu dem geplanten Gesetz, Sessions lobbyierte bei seinen Kollegen im Senat. Das Vorhaben der drei Männer ging tatsächlich auf: Die Einwanderungsreform scheiterte, weil sich der damalige Speaker des Repräsentantenhauses weigerte, das Gesetz zur Abstimmung zu bringen.

Bis heute betrachten Miller und Bannon die Zuwanderung als eines der existenziellen Probleme der USA. Diese Überzeugung brachte sie schliesslich ins Wahlkampfteam von Trump: Miller nahm Kontakt mit Trump auf, kurz nachdem dieser im Juni 2015 seine Kandidatur bekanntgegeben hatte. Senator Sessions legte ein gutes Wort für seinen Schützling ein, und innert weniger Monate stieg Miller zu Trumps Redenschreiber auf. Er jettete mit dem Kandidaten durch das Land und heizte bei Wahlkampfveranstaltungen die Massen an, bevor Trump die Bühne betrat. „Ich will, dass ihr so laut schreit, dass es die Konferenztische in Washington zum Beben bringt!“, rief er den Trump-Fans etwa im Juni 2016 in Las Vegas zu.

Zu jener Zeit stiess auch Bannon zum Team Trump, als neuer Wahlkampfmanager. Sein Vorgänger hatte noch versucht, Trump den Mund zu verbieten. Bannon – der ebenso frei von der Leber weg redet wie der Präsident – ermunterte ihn, an seinen kontroversen Aussagen und dem nationalistischen Kurs festzuhalten. Diesem Rat folgt Trump offenbar bis heute. Rivalisierende Flügel im Weissen Hauslma. ⋅ Zu behaupten, Stephen Miller und Steve Bannon seien Puppenspieler, an deren Strippen Donals Trump tanze, würde deren Einflusssphäre überschätzen. Tatsächlich wirken auf den Präsidenten verschiedene Interessengruppen ein. Neben dem rechtsnationalistischen „Breitbart“-Flügel, zu dem auch der inzwischen zurückgetretene Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn und die Beraterin Kellyanne Conway gehören, gibt es etwa einen „Washington-Flügel“: Diesem gehören Trumps Stabschef, Reince Priebus, und andere Figuren des republikanischen Establishments an, etwa der Speaker des Repräsentantenhauses, Paul Ryan. Auch die Familie, als dritter Pol, hat bekanntermassen einen grossen Einfluss auf den Präsidenten, insbesondere Trumps älteste Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner, dem als „senior advisor“ eine feste Rolle im Weissen Haus zukommt. Jüngst berichteten verschiedene Medien, zwischen den drei Flügeln sei ein Machtkampf ausgebrochen: Laut Aussagen von Mitarbeitern im Weissen Haus bekämpfen sich speziell Bannon, Priebus und Kushner gegenseitig. Diesem Eindruck versuchen Bannon und Priebus entgegenzuwirken: In einem Interview mit dem „New York Magazine“ von vergangener Woche beteuerten die beiden ihre Sympathie füreinander. Ob harmonisch oder feindselig – wenn Trump rivalisierende Mitarbeiterstäbe unter sich vereinte, wäre das ein altbekanntes Muster. Bereits im Wahlkampf und davor als Geschäftsmann kultivierte er Machtkämpfe unter sich mit der Absicht, dass sich der Stärkere durchsetzen werde, wovon auch er letztlich profitieren würde. Nur eines verlangt er laut eigenen Aussagen von allen Mitarbeitern: absolute Loyalität.