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Korruption in China

Eine Bombe, die nicht zündet

von Matthias Müller / vor 4 Tagen

Das Live-Interview eines chinesischen Tycoons wird abgebrochen – gerade als er über Korruption in Chinas Politik erzählen will.

Zur Abwechslung sind es einmal nicht die nordkoreanischen Machthaber, die mit einer Bombe drohen. Aber der chinesische Tycoon Guo Wengui, der seit 2014 in den USA und in Grossbritannien lebt, hat die chinesische Elite mit ähnlichem Vokabular gleichsam in Unruhe versetzt. Der Immobilien-Milliardär hat angekündigt, in einem Interview mit dem staatlich finanzierten, aber unabhängigen amerikanischen Sender Voice of America (VOA) mit Informationen über korrupte Familienmitglieder führender chinesischer Kommunisten eine „Atombombe“ zu zünden.

So weit sollte es jedoch nicht kommen. Die Live-Übertragung des auf drei Stunden angesetzten Gesprächs wurde am Mittwoch nach 80 Minuten überraschend beendet. Zum Zeitpunkt des Abbruchs wollte sich Guo Wengui über die Familie des obersten Korruptionsbekämpfers in China, Wang Qishan, äussern. Diesem selbst wird zwar keine Bestechlichkeit vorgeworfen, doch Guo bezichtigt Teile der Familie von Wangs Frau, korrupt zu sein. VOA teilte zunächst mit, aus „bestimmten Gründen“ müsse die Sendung beendet werden. Kurze Zeit später liess der Sender laut „New York Times“ wissen, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Man habe ursprünglich zunächst nur eine Stunde ausstrahlen wollen. Als man bemerkt habe, dass die Sendung länger als geplant dauere, sei sie unverzüglich beendet worden. Teile des Interviews würden jedoch noch ausgestrahlt, fügte eine Sprecherin des Senders an.

Guo WenguiChinesischer Immobilien-Milliardär (Bild: PD)

Zur Fahndung ausgeschrieben

Allerdings war mit dem abrupten Ende der Übertragung das Kind schon in den Brunnen gefallen. In den sozialen Netzwerken kursierten die wildesten Gerüchte. Eine Lesart lautete, dass das chinesische Aussenministerium seinen Einfluss in Washington geltend gemacht habe. So soll der VOA-Korrespondent in China bereits am Montag vom Aussenministerium vorgeladen worden sein. Die Botschaft habe gelautet, bei den Vorkommnissen rund um Guo Wengui handle es sich um eine interne chinesische Angelegenheit. Der Vorfall könne Auswirkungen auf die Verlängerung der Journalisten-Visa von VOA haben; ein beliebtes Druckmittel der Behörden, um ausländische Medien einzuschüchtern. Mitte der Woche hat Peking nun auch den Druck auf Guo Wengui erhöht. Laut dem chinesischen Aussenministerium hat ihn die Internationale kriminalpolizeiliche Organisation (Interpol) zur Fahndung ausgeschrieben.

Bei der „Roten Ausschreibung“ handelt es sich um ein Ersuchen von Interpol, Guo Wengui – vorläufig – festzunehmen, um ihn an China auszuliefern. Laut der „South China Morning Post“ wird Guo Wengui vorgeworfen, den einstigen stellvertretenden Minister für Staatssicherheit Ma Jian mit umgerechnet rund 8,7 Millionen Franken bestochen zu haben. In dem Gespräch mit VOA hatte Guo Wengui jedoch seine Unschuld beteuert. Der Tycoon mit einem geschätzten – aber derzeit eingefrorenen – Vermögen von umgerechnet 17,4 Milliarden Franken verfügt nach eigenen Angaben über elf Pässe und dürfte seine Wohnorte in den USA und Grossbritannien bewusst ausgewählt haben: Beide Länder haben kein Auslieferungsabkommen mit China. Guo Wengui wird als freundlicher, stets lächelnder Zeitgenosse beschrieben, der jedoch im geschäftlichen Umgang skrupellos sein soll. Seine Karriere in der Immobilienbranche begann er in den neunziger Jahren in seiner zentralchinesischen Heimatprovinz Henan. Bereits damals soll er über enge Kontakte mit den Behörden verfügt haben; dazu zählte auch der Parteichef in der Provinzhauptstadt Zhengzhou, der 2007 wegen Korruption im Zusammenhang mit Verkäufen von Bauland zum Tode auf Bewährung verurteilt wurde.

Gutes Näschen, gute Kontakte

2002 zog es Guo Wengui dann in die chinesische Hauptstadt. Sein Vermögen zeigt zwar, dass er über ein gutes Näschen für Geschäfte und über noch bessere Kontakte verfügt. Allerdings soll er auch in Peking Praktiken angewandt haben, die tief blicken lassen. Im Ringen um ein Grundstück in der Nähe des Olympiastadions setzte er den damaligen stellvertretenden Bürgermeister Pekings mit einem heimlich gedrehten Video, das dessen aussereheliche Affäre belegte, unter Druck. Guo Wengui erhielt das Land und konnte noch vor Beginn der Olympischen Sommerspiele 2008 den luxuriösen Gebäudekomplex Pangu Plaza fertigstellen. Die Idee für das Video soll er von Ma Jian erhalten haben, der später zum stellvertretenden Minister für Staatssicherheit aufstieg. Allerdings endete dessen Karriere 2015 abrupt. Er sitzt inzwischen wegen Korruption im Gefängnis. Dort würden Chinas Machthaber auch gerne Guo Wengui sehen. Dessen geschäftliches Gebaren wirft zwar einige Fragen auf. Allerdings ist man sich in China sicher, dass er über detailliertes Wissen verfügt, welche wirtschaftlichen Machenschaften die Familien der politischen Elite betreiben. Vor dem anstehenden 19. Parteikongress im Herbst dieses Jahres kann Staatschef Xi Jinping, der als Korruptionsbekämpfer in die Geschichtsbücher eingehen will, nicht daran gelegen sein, dass die führende politische Schicht im chinesischen Einparteistaat in Misskredit gerät.