Elisa Caldana via MFH

Gewalt gegen Journalisten

Italienischer Reporter in der Türkei will in den Hungerstreik treten

von Daniel Steinvorth / vor 4 Tagen

Seit elf Tagen sitzt der italienische Journalist Gabriele del Grande in türkischer Haft. Ein Anwalt wird ihm bisher verweigert. Jetzt will er aus Protest gegen seine Haftbedingungen kein Essen mehr anrühren.

Reporter in der Türkei, dem zurzeit grössten Journalisten-Gefängnis der Welt, leben gefährlich. Betroffen von Einschüchterungen und Polizeiwillkür sind vor allem türkische Staatsbürger. Doch auch ein europäischer Pass bietet keine Garantie auf Schutz, wie der prominente Fall des deutsch-türkischen «Welt»-Journalisten Deniz Yücel zeigt. Auch Gabriele del Grande, ein italienischer Journalist und Menschenrechtsaktivist, wird mittlerweile seit elf Tagen in türkischer Haft festgehalten – ohne Anklage, ohne rechtlichen Beistand, ohne konsularische Betreuung.

Unbequeme Recherchen?

Del Grande wurde am 10. April an der türkisch-syrischen Grenze von der Polizei verhaftet. Der 34-jährige hatte dort für ein Buchprojekt über den Krieg in Syrien und die Entstehung der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) Interviews mit Flüchtlingen geführt. Das Thema Fluchtbewegungen beschäftigt den Historiker und Orientalisten seit über zehn Jahren. Del Grande dokumentierte schon 2006 die Schicksale von Migranten und Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa, lange bevor sich eine breitere Öffentlichkeit dafür interessierte. Auch die NZZ berichtete über seine Arbeit.

Warum der Italiener jetzt in der südtürkischen Provinz Hatay festgenommen wurde, ist unklar. Laut der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum (MFH), einer deutschen NGO, wurden Del Grande bisher keine konkreten Vorwürfe gemacht. Seine Verhaftung stehe jedoch «in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Arbeit», zu der er immer wieder verhört worden sei. Unbequeme Recherchen über die Rolle Ankaras im Syrien-Krieg, nicht zuletzt über die mutmassliche Unterstützung islamistischer Milizen, haben schon manchen in der Türkei den Job gekostet, haben Journalisten wie Can Dündar ins Gefängnis oder ins Exil getrieben.

Italiens Deniz Yücel

Seit seiner Verhaftung konnte Del Grande weder mit Anwälten noch mit der italienischen Botschaft sprechen, auch von seinen Mitgefangenen wurde er isoliert, sein Handy wurde beschlagnahmt. Erst am 18. April wurde ihm ein erstes und bisher einziges Telefonat mit seiner Frau in Italien gewährt. Darin, so berichtet die MFH, habe der Journalist angekündigt, in den Hungerstreik zu treten, um gegen die menschenrechtswidrigen Umstände seiner Haft zu protestieren. Er bitte alle, sich dafür einzusetzen, dass seine Rechte respektiert werden.

In Del Grandes Heimat bleibt dieser Appell nicht ungehört, seit Tagen finden hier Solidaritätsaktionen und Kundgebungen statt, Politiker fordern seine Freilassung, fast alle Tageszeitungen berichten. Gabriele Del Grande, so scheint es, ist Italiens Deniz Yücel.