François Lenoir / EPA / Keystone

Regierungsumbildung in Kanada:

Mit Stehvermögen gegen Trump

von Jörg Michel / vor 6 Tagen

Kanada will sich mit einer Kabinettsumbildung gegen den neuen amerikanischen Präsidenten wappnen. Die neue Aussenministerin Chrystia Freeland soll dabei eine Schlüsselrolle spielen

Seit der Wahl von Donald Trump blickt man in Kanada mit Sorge auf den Nachbarn im Süden. Die linksliberale Regierung unter Premierminister Justin Trudeau hat mit dem neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump nur wenig gemein, ob beim Aussenhandel, dem Klimaschutz oder der Einwanderungspolitik. Doch Kanada ist auf ein gutes Verhältnis den Vereinigten Staaten angewiesen – und hat sich jetzt gewappnet.

Nach nur rund einem Jahr im Amt hat Trudeau überraschend seine Regierung umgebildet, um ein konstruktives Verhältnis zur neuen amerikanischen Regierung aufzubauen und die kanadischen Interessen gegenüber Trump zu wahren. Kanada folgt damit auf Mexiko, wo vor wenigen Tagen ebenfalls die Regierung umgebaut wurde.

Im Mittelpunkt steht die bisherige Handelsministerin Chrystia Freeland, die jetzt zur Aussenministerin befördert wurde. Die 48-jährige Abgeordnete aus Toronto löst den bisherigen Amtsinhaber Stéphane Dion ab, der in Kanada als zu blass und harmlos galt und dem es nicht zugetraut wurde, Trump notfalls etwas entgegenzusetzen. Weitere Wechsel gab es in den Ministerien für Arbeit, Frauen, Zuwanderung und zur Reform der demokratischen Institutionen.

Freeland gilt in Kanada als politische Aufsteigerin. Die Journalistin und Wirtschaftsexpertin hatte sich zuletzt bei den zähen Verhandlungen mit der EU über das Freihandelsabkommen Ceta einen Namen gemacht, das sie trotz großer Widerstände mit Biss durchboxte und unter hohem persönlichen Einsatz zur vorläufigen Unterzeichnung gebracht hatte.

Nun wird es ihre wichtigste Aufgabe sein, Brücken zu Trump zu bauen und die überlebenswichtigen Handelsinteressen Kanadas zu wahren. Der künftige amerikanische Präsident hatte das mit Kanada und Mexiko abgeschlossene Freihandelsabkommen Nafta im Wahlkampf scharf kritisiert und mit einer Kündigung des Vertrags gedroht. Für Kanada wäre das problematisch, denn das Land wickelt rund drei Viertel seines Aussenhandels mit den USA ab und teilt mit den Vereinigten Staaten die längste Landgrenze der Welt.

Ein Gegenpol zu Trump dürfte Freeland auch beim heiklen Thema Russland bilden: Freeland ist ukrainischer Abstammung und gilt als scharfe Kritikerin des Kreml. Vor drei Jahren hatte Präsident Wladimir Putin deswegen gegen sie und weitere kanadische Politiker im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt ein Einreiseverbot verhängt, das noch immer in Kraft ist.

An Stehvermögen und Kompetenz mangelt es Freeland nicht. Die Mutter von drei Kindern hatte lange als Wirtschaftskorrespondentin für Blätter wie die «Financial Times», den «Economist» oder die «Washington Post» geschrieben, unter anderem auch aus Kiew, Moskau und New York. Russisch und ukrainisch spricht sie fliessend. Als Managerin beim Wirtschaftsdienst Thomson Reuters in den USA knüpfte sie Kontakte zu jener globalen Finanz- und Wirtschaftselite, in der sich auch Trump und viele seiner Minister bewegen.

Unterstützt werden soll Freeland dabei von François-Philippe Champagne, einem liberalen Abgeordneten aus Québec, der von ihr das Handelsressort übernimmt. Der gelernte Anwalt stammt ebenfalls aus der internationalen Wirtschaftswelt, wo er unter anderem für den Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB gearbeitet hatte.

Nun soll Champagne der Aussenministerin den Rücken frei halten und sicherstellen, dass der Freihandelspakt mit der EU nicht aus dem Blick gerät und womöglich noch im letzten Moment an den Widerständen in Europa scheitert. Mit Ceta verfolgt Kanada ein Ziel, das unter Donald Trump noch wichtiger geworden ist: Das Land wirtschaftlich unabhängiger von den USA zu machen.