Henning Kaiser / EPA

Ditib

Moscheenverband: Zwischen Seelsorge und Spionage

von Ulrich Pick / 16.02.2017

Der Islamverband Ditib war lange Zeit ein willkommener Gesprächspartner für den deutschen Staat. Jetzt steht er im Verdacht, für die türkische Regierung Gemeindemitglieder bespitzelt zu haben.

Die beschaulichen Orte Betzdorf und Fürthen im Westerwald sind über Nacht zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt. Denn hier, im Nordosten von Rheinland-Pfalz, soll der türkische Islamverband Ditib in Deutschland lebende Anhänger der Gülen-Bewegung bespitzelt haben. Unter der Überschrift „Avrasya surasi reporu“ (Bericht des Eurasien-Rates) haben Ditib-Imame Informationen an den türkischen Religionsattaché in Köln geleitet. In den Papieren, die der NZZ vorliegen, werden mehrere Personen nebst ihren familiären Herkunftsorten in der Türkei genannt. Im Schriftstück aus Betzdorf wird eine der Personen sogar als „Rädelsführer“ bezeichnet. Unter der Notiz aus Fürthen heisst es: „Diese Namen wurden den zuständigen Institutionen des Staates und den Auslandsvertretungen mitgeteilt.“

Razzia bei vier Imamen

Die Spitzeleien in den Moscheen von Betzdorf und Fürthen sind kein Einzelfall. Insgesamt soll der Islamverband in mehr als drei Dutzend Fällen Informationen für die Regierung in Ankara gesammelt haben. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz bestätigte vergangene Woche, dass allein in Nordrhein-Westfalen und im Norden von Rheinland-Pfalz dreizehn Imame tätig waren. Am Mittwoch wurden daraufhin die Wohnungen von vier Imamen polizeilich durchsucht. Nachdem der Grünen-Politiker Volker Beck im Dezember Anzeige wegen Spionageverdacht gestellt hatte, nahm die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Ermittlungen auf.

Inzwischen ist eine intensive Diskussion darüber entbrannt, wie mit dem Verband umgegangen werden soll. Mehrere Bundesländer sind auf Distanz gegangen und lassen prüfen, ob die Ditib noch ein geeigneter Partner für die Einführung des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ist. Denn nicht nur in Betzdorf und Fürthen, von wo die beiden spitzelnden Imame unterdessen zurück in die Türkei gegangen sein sollen – angeblich, um sich vor Strafverfolgung zu schützen –, herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens.

Dabei war die Ditib über lange Jahre ein willkommener Gesprächspartner, wenn es um die Integration muslimischer Bürger ging. Der Verband, der über 900 Moscheen in Deutschland unterhält, galt lange als Vertreter eines gemässigten Islams – wenngleich in vereinzelten Ditib-Moscheen Jugendliche Sympathien für Salafisten zeigten. Ins Zwielicht geriet die Ditib aber erst, als sie teilweise offensiv die Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan vertrat. So wurden Bundestagsabgeordnete vom Fastenbrechen im Ramadan wieder ausgeladen, da sie die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet hatten.

Verlängerter Arm Ankaras

Seit dem türkischen Putschversuch im Juli betreibt die Ditib darüber hinaus gezielt Stimmungsmache gegen Anhänger Gülens. In einer für ihre deutschen Moscheen von der Kölner Zentrale herausgegebenen Freitagspredigt heisst es: „Die Menschen wurden durch Instrumentalisierung der religiösen und nationalen Werte belogen, um die eigenen Ziele und teuflischen Pläne zu verwirklichen.“ Gülen-Anhängern verwehrte man den Zugang zu Ditib-Moscheen mit der Begründung, sie seien Vaterlandsverräter. Auf der Website des Islamverbandes wurden sie mit Attributen beschrieben, die man bisher nur aus der türkischen Innenpolitik kannte: Sie seien eine „Terrorgruppe“ ohne Moral und mit „krankhafter Struktur“.

Seit ihrer Gründung 1984 ist die Ditib der deutsche Arm des Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) in Ankara, das direkt dem Regierungschef untersteht. Die knapp 1000 Imame in Ditib-Moscheen sind mehrheitlich türkische Staatsbeamte. Sie werden nur für eine begrenzte Zeit nach Deutschland entsandt, weshalb sie oft nur über geringe Sprach- und Landeskenntnisse verfügen. Zwar beteuert die Ditib, sie sei unabhängig, doch die Diyanet hat auf den meisten Ebenen ihres deutschen Ablegers eigene Leute positioniert. So kann Ankara bei wichtigen Personal- und Strukturfragen mitreden.

Wie stark der Einfluss aus der Türkei ist, beschreibt die Frankfurter Islam-Expertin Susanne Schröter: So sei der Vorsitzende des Ditib-Vorstands Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten in der türkischen Botschaft in Berlin. Alle Vorstandsmitglieder würden von einem Beirat vorgeschlagen, der der Religionsbehörde untersteht, und fast alle Mitglieder des Beirats seien Religionsattachés und Vertreter von Generalkonsulaten. Gerade die Attachés bildeten eine wichtige Scharnierfunktion zwischen türkischer Politik und Seelsorge in Deutschland. Denn die Ditib-Imame sind ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig. So ist es auch kein Zufall, dass die Vorbeter aus Betzdorf und Fürthen ihre Informationen dem Kölner Generalkonsulat zukommen liessen. Die dominante Stellung zeigte sich auch vor einigen Monaten in Hessen, als der dortige Ditib-Landesvorsitzende ausgewechselt wurde. Dem zuständigen Attaché soll er zu liberal gewesen sein.

Erschwerte Integration

Die Diskussion zeigt, dass in Deutschland innertürkische Konflikte ausgetragen werden. Und sie zeigt, dass die Politik Fragen nach der Finanzierung von Moscheen und Imamen zu lange vor sich hergeschoben hat. Kritiker wie der Freiburger Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi bemängeln, dass die Integration von Muslimen unnötig schwierig bleibe, solange die Imame aus dem Ausland finanziert würden. Die Vorbeter richteten sich eher nach ihren Geldgebern als nach den Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft. Der deutsche Justizminister Heiko Maas forderte von der Ditib deshalb, sich von der Türkei loszusagen. Wie die Ditib-Moscheen dann bezahlt werden, sagte er nicht. Ein alternatives Finanzierungskonzept gibt es nicht. Um es zu finden, sind die Politiker, aber auch die Muslime in Deutschland gefordert – zumal nicht klar ist, welche weiteren Islamverbände noch aus dem Ausland finanziert werden.

Ulrich Pick ist Redakteur beim SWR in Mainz, er war zuvor ARD-Korrespondent in Istanbul.