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50 Jahre nach dem Militärputsch in Griechenland

„Natürlich wurde gefoltert“

von Marco Kauffmann Bossart / vor 4 Tagen

Am 21. April 1967 fuhren in Griechenland Panzer auf. Zwei Opfer und ein Offizier, der nichts bereut, erzählen.

Seit drei Monaten holen Nikos Kaplanis die Erinnerungen wieder ein. Wie ihn Polizisten aus der Zelle holten, stundenlang mit Holzknüppeln auf seine Füsse einprügelten, bis er die Zehennägel verlor und keinen Schritt mehr gehen konnte. Wie sie ihn durch das Vernehmungszimmer schleiften, langsam aus einem Fenster bugsierten, an den Beinen festhielten und „Wer?“ brüllten. Kaplanis gehörte einer illegalen kommunistischen Jugendorganisation an. Die Folterer verlangten Namen anderer Mitglieder und wiederholten die Tortur während zweier Wochen.

Nikos Kaplanis Ehemaliger Untergrundaktivist (Bild: PD)

Der 67-Jährige schreibt es seinem hektischen Berufsleben zu, dass er über Jahrzehnte verdrängen konnte, wie er im Februar 1974 auf einer Polizeiwache in Thessaloniki misshandelt wurde. Kaplanis – Jeans, rosarotes Hemd und ein blauer Veston – spricht ruhig und gefasst, trinkt zwischendurch einen Schluck Espresso und lacht schelmisch auf. Nur einmal ringt er um Fassung. Kaplanis erzählt, wie ihn ein Polizist mit dem Holzstab sexuell demütigen wollte, aber von einem anderen gestoppt wurde. Jetzt, nach seiner Pensionierung, da er Zeit zum Nachdenken hat, verfolgen ihn die traumatischen Erlebnisse.

Marxismus verboten

Sieben Jahre vor seiner Festnahme, am 21. April 1967, hatten sich junge Offiziere an die Macht geputscht. Sie rechtfertigten den Staatsstreich mit der Gefahr einer kommunistischen Machtübernahme. Die Junta verbot politische Parteien, zensierte die Medien und verbannte Regimegegner auf unwirtliche Inseln. „Alles, was irgendwie den Marxismus streifte, war verboten, bis zur Musik“, erzählt Kaplanis in einem Café in Exarchia, dem Athener Stadtteil, dessen Häuser ausnahmslos mit Graffiti versprayt sind und der als Rückzugsgebiet krawallfreudiger Anarchisten gilt. Kaplanis, aufgewachsen in einer bürgerlichen Familie in Patras, hat für die Anarchisten ebenso wenig übrig wie für die Linksregierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Eine Partei ohne Identität, lästert der Altlinke.

Nach dem Staatsstreich reiste Kaplanis nach Italien, wo sich viele Regimekritiker vor der Militärjunta versteckten. Er kehrte als Aktivist einer kommunistischen Untergrundorganisation zurück und sollte in Thessaloniki Mitglieder werben, eine Widerstandsbewegung gegen die Diktatur aufbauen. „Mit Flugblättern und nicht mit Bomben“, versichert Kaplanis und zieht aus einer vergilbten Kartonmappe mit Matrizen vervielfältigte Pamphlete hervor: antifaschistische Slogans und ideologische Wegleitungen eines sowjetischen Politbüromitglieds, die damals im Untergrund verteilt wurden. Nachts hörte er Deutsche Welle, um zu erfahren, was im Land tatsächlich passierte.

Zum Verhängnis wurde Kaplanis ein Kurier, der Nachschub an Propagandamaterial aus Athen nach Thessaloniki transportierte und nicht bemerkte, dass er beschattet wurde. Namen anderer Mitstreiter habe er auch unter Folter keine preisgegeben. Aber die Sicherheitskräfte nisteten sich in der Wohnung ein und nahmen Bekannte fest, die nach Kaplanis‘ Festnahme unwissend an dessen Haustür klingelten. Er blättert durch seine Kartonmappe, setzt seine Lesebrille mit der Stärke 2,5 auf und zeigt eine Foto: Wie auf einer Klassenfoto posieren Kaplanis und andere Genossen im Militärgefängnis von Thessaloniki. Sie entstand zwei Monate vor dem Fall des Regimes, im Mai 1974. Aufbewahrt hat er auch eine Quittung der Gefängnisverwaltung: mit aufgedrucktem Phönix und einem bajonettbewehrten Soldaten – das Emblem der Junta.

Anna Filin Tochter eines Kommunistenführers (Bild: PD)

Verlorene Jahre

Anna Filin organisierte vom Ausland aus den Widerstand gegen das Obristenregime. Die Tochter eines bekannten Kommunistenführers studierte in Italien Architektur, als in Athen Panzer auffuhren. Zwei Jahre später zog sie nach Westberlin weiter, eine Art Zwangsexil. Ihr Vater, der schon in den fünfziger Jahren wegen seiner Parteimitgliedschaft im Gefängnis gesessen hatte, war verhaftet worden. „Es wäre zu gefährlich gewesen, nach Griechenland zurückzukehren.“ Nur zweimal reiste Filin in ihre Heimat – mit einem gefälschten italienischen Pass. Ihre Mutter hielt es für zu riskant, sich mit Anna zu treffen. Die damalige Widerstandskämpferin sitzt heute für die regierende Syriza-Partei im Parlament.

Sieben gestohlene Jahre nennt Filin die Zeit unter den Obristen, eine bleierne Periode, die ihre Familie stark belastete. Filin, graziös, mit schulterlangem blondem Haar, erzählt vom Juli 1973. Ihr Vater war während der „Liberalisierungsphase“ der Obristen freigekommen. Doch dieser zaghafte politische Frühling endete abrupt, als Dimitrios Ioannidis, der berüchtigte Chef der Militärpolizei (ESA), die Macht an sich riss. Neue Verhaftungswellen setzten ein. Filins Vater gelang die Flucht, als die Polizei an die Haustür trommelte. Ihr Onkel, er litt an Herzschwäche, starb unter ungeklärten Umständen an einem Infarkt. Das unter der Militärdiktatur begangene Unrecht sei nie ausreichend gesühnt worden, sagt Filin, die wegen ihrer Exiljahre in Berlin gut Deutsch spricht. „Einige Folterer versahen nach dem Sturz weiter ihren Dienst.“

Takis Nikolopoulos Ehemaliger Junta-Offizier(Bild: PD)

Idealisten, die foltern

Ebenfalls in Athen, in einem Restaurant in der Altstadt, stellt sich ein ehemaliger Junta-Offizier für ein Gespräch zur Verfügung: Takis Nikolopoulos, Oberst bei der damaligen Königlichen Marine und ein Vertrauensmann von ESA-Chef Ioannidis. Einleitend bedauert Nikolopoulos, dass die heutige Jugend nicht wisse, warum sie als junge Offiziere eine Revolution begonnen hätten. Revolution – so nennt er den Staatsstreich hartnäckig. „Sehen Sie, wir waren Idealisten, wir wollten den Staat erneuern“, sagt Nikolopoulos, ein schlanker, grossgewachsener Mann im dunkelblauen Veston mit goldfarbenen Knöpfen. Als geradlinigen Trupp, dem nach Jahren der Misswirtschaft, der Streiks, kommunistischer Unterwanderung und politischer Flügelkämpfe ein Staat ohne Korruption vorschwebte, umschreibt Nikolopoulos die Gruppe von 100 Offizieren, die in die Putschpläne eingeweiht waren.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Coup plagen den rüstigen Pensionär, der eine Ausbildung an einer amerikanischen Militärakademie durchlaufen hatte, keine Zweifel. „Unsere Revolution machte Griechenland stärker, und die Wirtschaft prosperierte.“ Dass Regimegegner gefoltert wurden, bestreitet der Oberst im Ruhestand nicht. „Natürlich wurde gefoltert“, sagt Nikolopoulos einmal, als referierte er über eine anerkannte medizinische Behandlungsmethode. Aber das hätten doch auch demokratische Länder getan, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen: Türken, Briten, auch Schweizer, behauptet der Marineoffizier und zieht kräftig an seiner E-Zigarette. Als plötzlich eine ältere Frau auftaucht und Socken verkaufen will, steckt Nikolopoulos ihr einen Euro zu. Sie zieht weiter.

Wenn der ehemalige Offizier Fehler einräumt, dann sieht er diese auf der militärisch-strategischen Ebene. Ioannidis, ein rücksichtsloser Hardliner, stürzte nicht nur Juntachef Georgios Papadopoulos, sondern zettelte 1974 auch einen verhängnisvollen Putsch in Zypern gegen Präsident Makarios an. Damit provozierte er die türkische Invasion auf der Mittelmeerinsel und einen kurzen Krieg zwischen Griechenland und der Türkei. Die dadurch hervorgerufene Teilung Zyperns gehört zum bitteren Erbe der Junta-Revolutionäre. Der Marineoffizier Nikolopoulos findet zwar kritische Worte für den Coup auf Zypern, aber die Verantwortung sieht er primär bei den Amerikanern. Sie hätten auf den Putsch hingewirkt, um den als Kommunistenfreund verschrienen Erzbischof Makarios loszuwerden. Nikolopoulos beklagt, dass Griechenland amerikanischem Druck nachgegeben und sich zurückgehalten habe, statt die Türken von der Mittelmeerinsel zu vertreiben. „Es wäre ein Leichtes gewesen, die Türken zu zerstören“, glaubt Nikolopoulos – im Gegensatz zu den Militärhistorikern.

Das Debakel auf Zypern leitete das Ende der „Revolution“ ein, das Obristenregime kollabierte. Nikolopoulos wurde in den militärischen Ruhestand versetzt. Nur die obersten Juntamitglieder und die Folterknechte mussten ins Gefängnis. Nikolopoulos begann ein zweites Leben, wie er seine Karriere als Broker im Reedereigeschäft nennt. Er pendelte zwischen Dubai, Oman und London und überreicht dem Journalisten eine Visitenkarte mit vier Firmennamen und dem Titel Kapitän.

Ungesühnte Folter

Kaplanis, der Zahnarzt, blieb sein Leben lang seinen linken Wurzeln treu, doch trat er aus der moskautreuen KP aus. Nach dem Kollaps des Militärregimes kehrten griechische Kommunisten aus dem sowjetischen Exil in ihre Heimat zurück. Ideologisch vom Kreml geschult, beanspruchten sie eine Führungsrolle – zum Missfallen von Mitgliedern wie Kaplanis, die während der Diktatur in Griechenland ihre Haut riskiert hatten. Dass seine beiden Folterer beinahe ungeschoren davongekommen sind, empört ihn noch heute. Der eine verbüsste elf Monate im Gefängnis, der andere setzte sich nach Brasilien ab. „Es hat sich nie jemand entschuldigt.“ Aber schon verfliegt in Kaplanis‘ Gesicht der Ärger. Als hätte er einmal beschlossen, niemals in Bitterkeit zu verfallen. Nur vergessen kann er nicht. Griechenlands sieben Jahre unter der Militärjunta21. April 1967: Oberst Georgios Papadopoulos und eine Gruppe von Offizieren der mittleren Führungsebene putschen sich an die Macht. Der Staatsstreich verläuft unblutig. Es werden aber Tausende verhaftet – unter ihnen Abgeordnete, Minister, Intellektuelle, Linke – und viele in Straflagern eingesperrt. Das Regime zensuriert die Medien, verbietet politische Parteien und untersagt Kundgebungen. König Konstantin II. sieht sich gezwungen, die „revolutionäre Regierung“ zu vereidigen. Dezember 1967: Ein vom König orchestrierter Gegenputsch misslingt. Er flieht mit seiner Familie nach Rom. Mai 1973: Auf dem Zerstörer „Velos“ ereignet sich eine Meuterei königstreuer Marineoffiziere. 31 Verschwörer setzen sich mit dem Schiff nach Italien ab. Juni/Juli 1973: Die Militärführung erklärt Griechenland zur Präsidialrepublik. Juntachef Papadopoulos wird Staatspräsident und lässt die Monarchie in einem Referendum im Juli 1973 abschaffen. Die Obristen versprechen eine Öffnungspolitik und entlassen politische Gefangene. Dennoch verschärfen sich die Studentenproteste. November 1973: Die Räumung des Polytechnikums von Athen mit Panzern fordert zahlreiche Tote. Der Chef der Militärpolizei, Dimitrios Ioannidis, stürzt Juntaführer Papadopoulos und verhängt den Ausnahmezustand über das Land. 15. Juli 1974: Ioannidis initiiert auf Zypern einen Putsch gegen Präsident Makarios und provoziert damit eine Invasion türkischer Truppen auf der seither geteilten Mittelmeerinsel. Die Junta ordnet eine Mobilmachung an, die allerdings chaotisch verläuft. 23. Juli 1974: Marinechef Petros Arapakis erklärt die Militärregierung für abgesetzt. Einen Tag später kehrt Konstantinos Karamanlis aus dem französischen Exil zurück und übernimmt die Regierungsverantwortung. August 1975: Anklage wegen Hochverrats gegen Papadopoulos und 19 Mitverschwörer. Die Todesurteile gegen vier führende Juntamitglieder werden später in lebenslange Haft umgewandelt.