Jonathan Ernst / Reuters

Ode an die Demokratie

Obamas letzte Rede als Präsident: Aufmunterung zum Abschied

von Peter Winkler / 11.01.2017

Vor fast 20 000 Anhängern hielt der abtretende Präsident Barack Obama keine Leistungsschau der letzten acht Jahre ab. Vielmehr war es eine Ode an die Demokratie und die Vielfalt.

Natürlich durfte eine Portion Eigenlob nicht fehlen. Als Präsident Barack Obama am Dienstagabend vor fast 20 000 begeisterten Anhängern in einer rund 50 Minuten langen Rede das Ende seiner achtjährigen Präsidentschaft einläutete, liess er keinen Zweifel daran, dass er sich nicht allzu viel vorwerfen wird. Amerika gehe es besser als bei seinem Amtsantritt, verkündete er selbstsicher und wandelte seinen berühmten Schlachtruf aus dem Jahr 2007 ab: „Yes, we can. Yes, we did.“

Doch natürlich weiss auch Obama, dass Donald Trump in weniger als zehn Tagen den Amtseid abzulegen plant, und nicht einmal er selber kann das Ergebnis der Wahl im November als Zustimmung zu seiner Politik interpretieren – auch wenn seine persönlichen Beliebtheitswerte erstaunlich hoch sind. Obama tat, was ihm stets am leichtesten fiel: Er münzte die Abschiedsrede in eine Art Wahlkampfrede um, stellte rhetorische Wegzehrung bereit für all jene, die den kommenden vier Jahren mit Sorge entgegenblicken.

Mit Bezügen zur amerikanischen Gründungsgeschichte stellte Obama die Sorge um die Demokratie ins Zentrum seiner Rede, jene Staatsform, in welcher die Bürgerinnen und Bürger – „we the people“ – das höchste politische Amt bekleideten. Er habe in seiner Zeit als Sozialarbeiter in Chicago auch gelernt, dass Wandel nur dann eintrete, wenn das Volk diesen einfordere und erstreite. Mit einem der häufigen, oft unterschwelligen, manchmal aber auch nur schlecht verhüllten Seitenblicke auf die kommende Ära Trump räumte Obama ein, Fortschritt verlaufe nie linear, sondern in Auf- und Abwärtsbewegungen. Auch wenn man manchmal das Gefühl habe, auf zwei Schritte vorwärts folge einer zurück, sei es eindeutig, dass der lange Bogen in der amerikanischen Geschichte nach vorne zeige.

Obama ging ausgiebig auf Gefahren von aussen und von innen ein, die in seinen Augen der Demokratie auflauern. Darunter fielen für ihn krasse Einkommensunterschiede, welche die lebenswichtigen Bande der Solidarität zu zerreissen drohten. Zu ihnen zählte er auch gespannte Rassenbeziehungen, die das gegenseitige Ausspielen von Bevölkerungsgruppen im Sinn einer Politik des Teilens und Herrschens begünstigten.

Während eine Demokratie vom Wettstreit um Ideen, um die Prioritäten bei den Zielen und um die Wege dahin lebe, werde ihr mit dem Rückzug in gesellschaftliche Gruppen von Gleichgesinnten, mit der selektiven Wahrnehmung und der Verweigerung von Tatsachen und vernünftigen Argumenten das Grab geschaufelt. Wer Tatsachen verleugne, schade zudem nur sich selber, rief Obama aus. Die Realität finde immer einen Weg, sich zurückzumelden.

Obama beschwor seine Landsleute, das Gute in ihren Mitmenschen zu erkennen, das er auf seinen Reisen kreuz und quer durch das Land immer wieder erfahren habe. Die amerikanische Demokratie, forderte er kühn, müsse den grundlegenden Anstand des amerikanischen Volks spiegeln. Die Vereinigten Staaten hätten sich immer durch ihre Vitalität und ihre Vielfalt ausgezeichnet. Die Zuwanderung, die heute viele mit Angst erfülle, habe Amerika nie geschwächt, sondern immer gestärkt.

Auffällig war, dass Obama bei allem Beschwören der kulturellen Diversität, der ethnischen, sozialen und kulturellen Minderheiten, zum ersten Mal auch prominent jene „weissen Werktätigen mittleren Alters“ zur Sprache brachte, welche bei Trumps Sieg im November eine Schlüsselrolle gespielt hatten. Er gestand ein, dass diese Bevölkerungsgruppe von aussen oft als jene wahrgenommen werde, die sämtliche Privilegien in der Tasche habe, während ihnen in Tat und Wahrheit der wirtschaftliche, kulturelle und technologische Wandel den Boden unter den Füssen wegziehe. Fast im gleichen Atemzug verurteilte er aber auch den Versuch, alle wirtschaftlichen Verteilungskämpfe als Ringen zwischen einer hart arbeitenden weissen Mittelschicht und schmarotzenden Minderheiten darzustellen.

Während Obama sich mit dem grösseren Teil seiner Rede keine neuen Freunde machte, sondern vor allem jenen, die im November unterlagen, Mut zusprechen wollte, schlug er in den letzten Minuten andere, persönlichere Töne an. Mit Tränen der Rührung bedankte er sich bei seiner Gattin Michelle und seinen zwei Töchtern Malia und Sasha für die Opfer, welche diese in den langen Jahren seiner politischen Karriere gebracht hätten. Von allem, was er erreicht habe, erfülle ihn die Tatsache, dass er der Vater seiner Töchter sei, mit dem grössten Stolz. Obama verlieh damit einem vorbildlichen Familienleben im Weissen Haus, das skandalfrei blieb und stets authentisch wirkte, einen angemessenen Schlusspunkt – wobei die jüngere Präsidententochter wegen einer Prüfung an ihrer Schule zu Hause in Washington geblieben war.