Jonathan Ernst / Reuters

Abschiedsrede in Chicago

Obama sorgt sich um die Demokratie

von Peter Winkler / 11.01.2017

Der abtretende amerikanische Präsident zeigt noch einmal, warum er als guter Redner gilt. Und er macht seinen Anhängern in seiner eindringlichen Abschiedsrede Mut für die kommenden Jahre.

In Chicago, wo er seine politische Karriere begonnen hatte, hat sich Barack Obama am Dienstagabend in einer rund 50 Minuten langen Rede vor rund 20 000 Anhängern nach fast acht Jahren im Amt als Präsident der Vereinigten Staaten verabschiedet. Obama versuchte zwar auch, eine positive politische Bilanz seiner zwei Amtszeiten zu ziehen. Mehr Zeit und kreative Energie verwendete er aber darauf, die amerikanische Demokratie zu ehren und, daraus abgeleitet, den Blick mit Optimismus nach vorne zu richten.

Bürger haben das höchste Amt

Er setzte sich über weite Strecken den Hut des Staatsrechtsprofessors auf und ging ausgiebig auf die Gefahren ein, die der amerikanischen Demokratie drohten. Meist unterschwellig, manchmal aber auch nur schlecht verhüllt, stand seine Rede im Schatten, den die Amtsübernahme Donald Trumps in zehn Tagen vorauswirft. Es schien, als wolle Obama all jenen, die dieser Präsidentschaft mit Sorge entgegenblicken, Mut für die nächsten Jahre mitgeben.

Mit Bezug auf die Gründerväter sprach Obama ausgiebig von der Verantwortung, die jede Bürgerin und jeder Bürger mit dem eigenen Engagement für das Gedeihen der Demokratie trage. In seiner Zeit als Sozialarbeiter in Chicago habe er gelernt, dass Wandel, der vor acht Jahren im Zentrum seiner Botschaft gestanden hatte, nur dann eintrete, wenn das gewöhnliche Volk ihn einfordere und erstreite, erklärte Obama. Das wichtigste Amt in einer Demokratie sei darum jenes des Bürgers.

Gefahren für die Demokratie

Zu den akuten Gefahren, die der Demokratie drohten, zählte Obama krasse wirtschaftliche Ungleichheit, vergiftete Rassenbeziehungen, die Angst vor Veränderung und das Wirken autoritärer Regime. Das Abschotten in Zirkeln Gleichgesinnter und die Verweigerung des Gesprächs über diese Zirkel hinaus, die selektive Wahrnehmung und die Ablehnung von Wissenschaft und Realität befeuerten die Polarisierung. Die Demokratie sei ein Streit der Ideen, fuhr er fort, und man könne sich sehr wohl um die Priorität der Ziele und die Wege dahin streiten. Doch die Probleme, wie etwa die Klimaveränderung, einfach abzustreiten, verbaue sämtliche Lösungsmöglichkeiten. Und die Realität habe es an sich, sich nicht längerfristig verleugnen zu lassen.

Er habe in seinen acht Jahren als Präsident immer wieder erfahren, wie grundlegend gut die Menschen seien, sagte der Präsident. Er forderte, dass die Demokratie den Anstand ihrer Bürgerinnen und Bürger spiegle. Die grundlegenden Merkmale der USA sei die Vitalität und die Diversität ihrer Einwohner. Neuzuzüger hätten Amerika nie geschwächt, sondern immer gestärkt.

Neue Töne

Gerade mit diesen Themen setzte Obama einen klaren Gegensatz zum künftigen Präsidenten Trump, den er aber auch vor Buhrufen aus dem Publikum in Schutz nahm, als er erneut eine reibungslose Amtsübergabe versprach. In einer deutlichen Reaktion auf die – für die Demokraten – katastrophale Wahlniederlage im November kam Obama auch auf die weissen Werktätigen mittleren Alters zu sprechen, die von aussen ein scheinbar privilegiertes Leben führten, aber in Wirklichkeit mit dem rasanten Wandel und dem Verlust ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen hätten. Er zählte sie, die für Trumps Sieg eine Schlüsselrolle spielten, erstmals offen zu jenen, die trotz den Erfolgen seiner Präsidentschaft bei der Bekämpfung der Wirtschaftskrise und der Rückkehr zu einem breiten Wachstum am Wegrand zurückgelassen worden seien.