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Präsidentenwahl

„Operation Trump“: Hacken und Erpressen

von Klaus-Helge Donath / vor 6 Tagen

Beobachter in Russland zweifeln nicht an den Einmischungsversuchen des Kreml bei der US-Präsidentenwahl. Doch wie weit diese reichten, sorgt für Diskussionen.

Das sei „Schundliteratur“, meinte Wladimir Putins Pressesprecher Dmitri Peskow am Mittwoch. Die Rede war von einem Bericht des Senders CNN, wonach amerikanische Geheimdienste den designierten Präsidenten Donald Trump vor russischen Diensten gewarnt hätten. Letztere verfügten über „kompromittierendes Material“, um ihn allenfalls „zu erpressen“, hiess es da.

Die Informationen sollen aus dem Anhang des jüngst von den amerikanischen Geheimdiensten vorgelegten Hacker-Berichts stammen. Das umfangreiche Dokument wurde Dienstag am späten Abend auf der Website „Buzzfeed“ veröffentlicht. Es enthält pikante Details über Trumps Finanzgebaren und sexuelle Vorlieben. Ein Video mit Prostituierten in einem Moskauer Etablissement fand ebenfalls Erwähnung. Darüber hinaus soll es auch Kontakte zwischen Vertretern Trumps und Russlands im Wahlkampf gegeben haben, um „Angelegenheiten im gegenseitigen Interesse“ zu klären. Die amerikanischen Geheimdienste bestätigten die Richtigkeit dieser Angaben bisher jedoch nicht. Peskow wies die Anschuldigungen zurück, Russland hätte schon im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen belastendes Material gegen Trump gesammelt: „Das ist eine Ente, absolut fabriziert und völliger Blödsinn“, so der Kremlsprecher.

Der frühere Chef des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB Nikolai Kowaljow äusserte sich ähnlich: Kompromittierendes Material über jemanden zu sammeln, der wie Trump 2013 einen Schönheitswettbewerb in Russland veranstaltet habe, sei für niemanden von Interesse, spielte Kowaljow den Verdacht herunter. Nun greift nicht nur der russische Geheimdienst auf Überwachungspraktiken innerhalb der Intimsphäre zurück und wartet auch nicht unbedingt auf einen konkreten Anlass. Innenpolitisch werden Gegner häufiger Opfer amouröser Leidenschaften.

Der Kreml machte es sich einfach und tat die Vermutungen als Hirngespinste der amerikanischen Elite ab, die mit der Niederlage in der Präsidentenwahl nicht umgehen könne. Die Verlierer wurden dargestellt, als seien sie fast von Sinnen.

Nach der jüngsten Veröffentlichung des Hacker-Berichts schien der Kreml Donald Trump nicht weiter in die Ecke treiben zu wollen. Jetzt sieht sich der Kreml dennoch genötigt zu reagieren. Sicherlich ist es Zufall, wenn Trump und Peskow zum gleichen Vokabular greifen, um Verdachtsmomente zurückzuweisen. Beide sprachen von einer „Hexenjagd“.

Russische Beobachter weisen noch auf eine andere Parallele hin. Die Behauptung, Trump hätte die Wahlen nur gewonnen, weil Russland sich virtuell eingemischt habe, erinnere an den unumstösslichen Glauben der russischen Führung, die Sowjetunion sei 1991 zugrunde gegangen, da die USA sich eingemischt hätten, meint der Publizist Maxim Trudoljubow von der russischen Zeitung „Wedomosti“. Der Gedanke, dies zurückzuzahlen, sei der politischen Führung schon häufiger gekommen.

Auch andere Köpfe in Russland zweifeln nicht an Moskaus Einmischungsversuch. Sie sind jedoch skeptisch, welche Auswirkungen die Intervention tatsächlich hatte. Militärfachmann Alexander Golts hält dies für eine vernachlässigbare Grösse im Promillebereich. Er bezweifelt sogar, dass Russland zu weiteren Eingriffen technisch in der Lage wäre. Wie für viele Analytiker spiegelt die Wahlniederlage Clintons auch für ihn eine tiefe Krise zwischen Volk und Elite.

Fjodor Lukjanow, Herausgeber des Magazins „Russia in Global Affairs“, gibt zu bedenken, dass die USA mit dem Schuldvorwurf an Russland der heimischen Demokratie Schaden zufügten. Die Cyberkriege würden gefährlicher, so der kremlnahe Lukjanow. Es sei ratsam, an Gepflogenheiten aus den ersten Jahren des Kalten Krieges anzuknüpfen, als nukleare Rüstungsvereinbarungen getroffen wurden. Bisher sei es Russland gewesen, das andere für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht habe. Nun zöge der Westen gleich.

Sicherheitsexperte Andrei Soldatow vom Nachrichtenportal agentura.ru geht davon aus, ohne Kenntnisse des Kreml hätte der Eingriff nicht durchgeführt werden können. Dort greife man gerne auf „informelle Hacker“ zurück, die nicht mit Regierungsinstitutionen in Verbindung gebracht werden könnten. Das Auslagern garantiere geringe Risiken und niedrige Kosten. Darf man dem letzten „Trump-Bericht“ glauben, so muss Wladimir Putin über die bescheidenen Resultate der Operation gegen die Demokratische Partei im Sommer empört gewesen sein. Dies soll Sergei Iwanow – Putins langjährigem Vertrauten und Befürworter der Operation – im August die Stelle gekostet haben.