Bizarre Mussolini-Verehrung

Tanzen in faschistischem Ambiente

von Karin A. Wenger / vor 6 Tagen

Eine römische Schule plante einen Ball im Stil der faschistischen Epoche. Die Eltern wehrten sich zwar erfolgreich gegen die Durchführung, dennoch widerspiegelt die Episode die Banalisierung des Faschismus in Italien.

Es klingt wie ein verfrühter Aprilscherz. Eine Sekundarschule in Rom versandte Anfang Woche ein Rundschreiben an Eltern und Schüler. Betreff: Grosser Ball unter dem Motto „die faschistische Epoche“, angekündigt für den 1. April 2017. Die Direktorin teilte mit, der Tanzabend solle das historische Erbe der Schule hervorheben, die in den dreissiger Jahren von Benito Mussolini eingeweiht wurde. Damit die Ausstattung möglichst authentisch sei, würden historische Bilder ausgestellt, und es werde Musik aus der Zeit des faschistischen Regimes gespielt. Dresscode: mindestens ein thematisch passendes Accessoire.

Auf dem Einladungsflyer für den Ball ist unter anderem ein Bild abgedruckt, das Mussolini auf der Treppe der Schule zeigt.

Der Ball, heisst es, solle den Schülern als „einzigartige Erinnerung an einen besonderen Abend“ zurückbleiben. Im Kopf des Schreibens thront das Logo des italienischen Bildungsministeriums, im Text steht, dieses habe dem Projekt zugestimmt. Eine Aussage, die später dementiert werden sollte.

Souvenirs mit Mussolinis Glatzkopf

Was in Deutschland ein Skandal wäre, sorgt in Italien für mittelmässige Empörung. Auf Facebook fordern einige den Rücktritt der Direktorin. Es finden sich aber auch humoristische Kommentare und gar solche, die darauf hinweisen, dass Mussolini in Italien viel Gutes bewirkt habe. Der Mythos des Modernisierers lebt in Italien auch mehr als siebzig Jahre nach dem Tod des Duce weiter. Schulen, Strassen und Postämter habe er bauen lassen – und selbst die Züge seien während seiner Regentschaft pünktlich gefahren, wird in Italien erzählt.

Der Geburts- und Bestattungsort Mussolinis, der Italien von 1922 bis 1943 regierte, ist mittlerweile zum Pilgerort geworden. Bis zu 100 000 Personen besuchen jährlich Predappio, eine Gemeinde in der Emilia-Romagna mit rund 6300 Einwohnern. Der geneigte Besucher kann Büsten, Pullis oder Flaggen mit faschistischen Symbolen erwerben. Auf Feuerzeugen, Münzen oder Kalendern prangen Mussolinis Glatze und sein markantes Kinn. Der Duce-Kult hat Konjunktur. Zwar gibt es in Italien Gesetze, welche die Apologie des Faschismus verbieten, doch wo kein Kläger, da kein Richter.

Auch politisch ist der Duce kein Tabu

Selbst für Politiker ist Schönrederei der faschistischen Verbrechen möglich, ohne dass sie ernsthafte Konsequenzen fürchten müssen. Im Jahr 2003 sorgte der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit der Äusserung für Schlagzeilen, Mussolini sei für keinen einzigen Toten verantwortlich und die Straflager und Gefängnisse des Regimes seien „Ferienlager“ gewesen.

Die Banalisierung des Faschismus hat viel damit zu tun, dass Italien dieses Kapitel der eigenen Geschichte nie ernsthaft aufgearbeitet hat. Viele Italiener kennen die Vergangenheit des Landes nur lückenhaft, das historische Wissen ist gering. Die Giftgasangriffe auf die ehemaligen Kolonien Libyen und Äthiopien sind beispielsweise wenigen ein Begriff. So stützt sich das vermeintliche Wissen vor allem auf Gerede.

Empörte Eltern wehren sich

Die Idee von Feststimmung mit faschistischer Note löste indes in Rom wenig Vorfreude seitens der Eltern aus. Empört meldeten sie sich bei der Schule, so dass sich die Direktorin genötigt fühlte, bereits am Folgetag ein weiteres Rundschreiben zu verschicken. Sie schrieb, die Absicht sei nie gewesen, eine Epoche aufzuwerten, die vom italienischen Volk bereits indiskutabel verurteilt worden sei. Es habe sich um ein geschichtliches Forschungsprojekt mit kulturellem Wert gehandelt. Um Missverständnisse zu vermeiden, werde auf die Durchführung des Balls verzichtet.

Das italienische Bildungsministerium vermeldete, man habe bloss ein Vorhaben unterstützt mit dem Titel „Die Geschichte zurückverfolgen: Die faschistische Epoche in unseren Schulen“, von einem Ball sei nie die Rede gewesen.

Die Schuldirektorin scheint übrigens ein unglückliches Händchen mit Rundschreiben zu haben. 2015 war ein Brief in Umlauf geraten, in welchem sie die Eltern vor neuen Inhalten im Lehrplan warnte. Sie kritisierte unter anderem die Lehre der Gleichheit der Geschlechter und den Sexualkundeunterricht.