Ahn Young-joon / Keystone

Trumpologie

Trump und die Atomgefahr aus Nordkorea: Wunschdenken hilft nicht gegen Kim

Meinung / von Andreas Rüesch / 06.01.2017

Der künftige Präsident der USA verkündet salopp, dass er eine atomare Bedrohung durch Nordkorea nicht dulden werde. Wahrscheinlicher ist, dass sich auch Trump an dieser Knacknuss die Zähne ausbeisst.

Der überraschende Wahlausgang in den USA hat einer neuen „Forschungsdisziplin“ zum Durchbruch verholfen – der Trumpologie. Ihr Vorbild ist die Kremlologie, die zur Sowjetzeit aus Informationshäppchen in der „Prawda“ oder der Sitzordnung an Revolutionsfeiern Rückschlüsse auf interne Machtverhältnisse zog. Trumpologen haben den Vorteil, dass sie sich nicht durch langfädige Redetexte durcharbeiten müssen, sondern sich auf Tweets in 140 Zeichen Länge – das wichtigste Kommunikationsmittel ihres Studienobjekts – konzentrieren können. Doch diese Kurznachrichten haben es punkto Rätselhaftigkeit in sich.

So bezog sich diese Woche eine Mitteilung des künftigen Präsidenten auf die Ankündigung Nordkoreas, bald eine Atomrakete zu testen, die auch Amerika erreichen könnte. „Wird nicht passieren“, fügte Trump salopp hinzu. Was der New Yorker Showman damit meinte, ist nicht klarer als ein Communiqué aus dem Kreml. Wollte er seine Landsleute beruhigen, dass eine solche Interkontinentalrakete nie in den USA einschlagen werde? Bestritt er einfach die technologischen Fähigkeiten der Nordkoreaner? Oder wollte er geloben, dass er als Präsident schon einen blossen Test dieses Missils verhindern werde? Darüber liesse sich endlos spekulieren.

Sicher ist eines: Was auch immer Trump gerade durch den Kopf gegangen sein mag – es zeugt nicht von einer ernsthaften Beschäftigung mit der nordkoreanischen Gefahr.

Sicher ist eines: Was auch immer Trump gerade durch den Kopf gegangen sein mag – es zeugt nicht von einer ernsthaften Beschäftigung mit der nordkoreanischen Gefahr. Diese ist real, und sie lässt sich nicht einfach wegwünschen. Das Regime in Pjongjang hat bewiesen, dass es trotz internationaler Isolation sein Atomprogramm beharrlich weiterzuentwickeln vermag. Die Sprengkraft seiner unterirdischen Atomexplosionen nimmt kontinuierlich zu. Amerikanische Geheimdienste gehen davon aus, dass Nordkorea inzwischen eine weitere technologische Schwelle überschritten hat, die Miniaturisierung von Atomsprengsätzen, eine Voraussetzung für die nukleare Bestückung von Raketen. Um die Drohung eines Atomschlags gegen die USA glaubwürdig zu unterstreichen, fehlt dem Regime von Kim Jong Un noch eine verlässliche Trägerrakete. Aber auch hier deutet die Fülle von Tests im letzten Jahr auf beträchtliche Fortschritte hin. Die nukleare Erpressbarkeit Amerikas rückt daher rasch näher.

Dass Trump dieses Szenario abwenden möchte, ist löblich, aber um glaubwürdig zu sein, muss der neue Präsident mehr bieten als lapidare Beschwichtigungen. Ist er gut beraten, so wird er die Idee eines Präventivschlags gegen Nordkorea ebenso verwerfen wie seine Vorgänger. Denn das Risiko eines Grosskriegs über die innerkoreanische Grenze hinweg wäre immens. Skepsis ist auch gegenüber dem Standardwerkzeug der amerikanischen Nordkorea-Politik angebracht, Sanktionen. Diese sind zwar nötig, um Kim auf dem Weg zur Atomwaffe möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Aber Washington betrügt sich seit Jahren mit verfehlten Hoffnungen auf China: Peking wird niemals Hand zu Sanktionen bieten, die das Regime in Pjongjang ernsthaft gefährden könnten. Es bleibt die theoretische Möglichkeit, dass Trump an eine Verhandlungslösung glaubt. Doch dem Autor von „The Art of the Deal“ dürfte rasch klarwerden, dass Kim sein Atomarsenal um keinen Preis aus der Hand geben wird. Denn für ihn ist die Bombe offenkundig die beste Garantie für das Überleben seines Regimes.