Steve Przybilla

Nicht genug Dolmetscher

Wenn auf dem Amt die Worte fehlen

von Steve Przybilla / 10.01.2017

In Deutschland gibt es zu wenig Dolmetscher für die Sprachen, die die meisten Flüchtlinge sprechen. Im Umgang mit den Behörden kann dies eine entscheidende Rolle spielen. Nun werden auch Flüchtlinge ausgebildet.

In seiner Heimat hat Sobhi Mahmoud als Englischlehrer und Fussballtrainer gearbeitet. Nun sitzt er mit zehn anderen Geflüchteten in einem Klassenraum und büffelt deutsche Vokabeln. Die Lehrerin erklärt den Unterschied zwischen „Recht“ und „Berechtigung“. Ein Duden liegt auf dem Tisch. Mahmoud blickt konzentriert an die Tafel. Dann spricht er leise mit seinem Nachbarn: „Deutsch ist viel schwieriger als Englisch“, sagt der 40-jährige Syrer – in nahezu akzentfreiem Deutsch.

Sprachmittler als Notlösung

Die Europa-Berufsschule in Weiden in Bayern macht etwas, was es sonst kaum in der Bundesrepublik gibt: Sie ermöglicht Geflüchteten eine Dolmetscherausbildung. Mahmoud, dem Englischlehrer, konnte nichts Besseres passieren. „Ich helfe sowieso schon im Jobcenter und bei anderen Behörden“, sagt der Syrer. Wieso er nach nur einem Jahr so gut Deutsch spricht? „Man muss sich anstrengen“, antwortet er und grinst. „Meine Kinder sind sogar noch besser. Die sprechen richtig Deutsch – nicht nur Bayrisch.“

Natürlich sind solche Erfolge nicht die Regel. Doch für Menschen wie Mahmoud, die sowieso schon ein Sprachtalent haben, können Ausbildungen wie in Weiden einen Einstieg ins Arbeitsleben bedeuten. Auch der Staat profitiert erheblich von den neu gewonnenen Dolmetschern, denn längst nicht nur Ingenieure und IT-Profis werden als Fachkräfte benötigt: Je mehr Menschen nach Deutschland flüchten, desto grösser wird der Bedarf an qualifizierten Dolmetschern.

Ob beim Asylantrag, im Jobcenter oder beim Arzt: Fast immer haben Neuankömmlinge Probleme mit der Verständigung. Kaum ein Sachbearbeiter spricht Arabisch, geschweige denn Farsi oder Paschtu. Doch der Berufsstand, der helfen könnte, macht sich rar. Gerade für seltene Sprachen gibt es schlicht zu wenige professionelle Dolmetscher. An den Hochschulen, die Dolmetscher und Übersetzer ausbilden, sind Studiengänge für Englisch und Französisch gang und gäbe. Für die arabische Sprache hingegen hat sich lange kaum jemand interessiert; in der Folge gibt es nur sehr wenige entsprechende Dolmetscher. Von Januar bis Oktober 2016 wurden der Bundesagentur für Arbeit 812 offene Stellen im Bereich „Dolmetscher/Übersetzer“ gemeldet – 62 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2015. Doch Sobhi Mahmoud und seine Klassenkameraden, die jetzt ihre Ausbildung angefangen haben, werden ihren Abschluss zum staatlich geprüften Dolmetscher frühestens in drei Jahren erhalten. Ob der Bedarf dann noch da ist, weiss wiederum niemand. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) greift deshalb zu einer umstrittenen Notlösung. Um liegengebliebene Asylanträge möglichst schnell zu bearbeiten, stellt die Behörde massenhaft Laiendolmetscher ein. Mehr als 7800 sogenannte „Sprachmittler“ helfen dem Bamf derzeit bei der Bearbeitung von Asylgesuchen. Wie viele von ihnen selbst Geflüchtete sind, weiss die Behörde nach eigenen Angaben nicht. Es heisst dort lediglich: „Sprachmittler können ihre Bewerbungsunterlagen jederzeit an das Bundesamt senden.“

Einen staatlichen Abschluss müssen sie dafür nicht mitbringen. Die Stellenanzeigen des Bundesamtes sprechen lediglich von „Sprachsicherheit in Wort und Schrift“. Kenntnisse zu rechtlichen und medizinischen Begrifflichkeiten sind allenfalls „wünschenswert“ – ein weit dehnbarer Begriff. Auffällig ist, dass das Bamf selbst keine Dolmetscher anstellt. Stattdessen vereinbart es Honorarverträge, wodurch die freiberuflichen Helfer deutlich geringer entlohnt werden als festangestellte Dolmetscher. Laut Bamf liegt das Stundenhonorar zwischen 25 und 35 Euro. Gerichtlich bestellte Dolmetscher verdienen in Deutschland mindestens 70 Euro pro Stunde.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisiert diese Praxis. Bereits im Mai 2016 warnte sie vor schlechter Bezahlung, fehlenden Qualifikationen und mangelnder Kontrolle. „In diesen [Asyl-] Anhörungen geht es um alles“, hiess es in der Pressemitteilung. „Was dort zu Protokoll genommen wird, ist die entscheidende Grundlage für die Zuerkennung eines Schutzstatus.“ Es sei absurd, dass die sprachliche Eignung von Dolmetschern im Rahmen der Honorarverhandlung geprüft werde. „Wenn jemand auf Deutsch über sein Honorar verhandeln kann, dann ist dies die erste und unter Umständen einzige Qualifikation.“

Eine Machtposition?

Bis heute habe sich an dieser Praxis nichts geändert, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer des Vereins. „Das Bamf hat immer noch keine Idee, wie Qualitätsstandards hergestellt werden sollen.“ Hinzu kommt, dass deutsche Sachbearbeiter die Angaben der Dolmetscher kaum überprüfen können. Diese erhalten dadurch eine enorme Machtposition. So berichtete das Politmagazin „Report München“ von einem Jesiden, der in seiner Unterkunft geschlagen worden war. Bei der Anhörung des Opfers machte sich der Dolmetscher offenbar mit den Tätern gemein – und übersetzte absichtlich falsch. In einem anderen Fall billigte ein Dolmetscher islamistische Anschläge. Das Bamf räumte den Vorfall später ein und beendete die Zusammenarbeit mit der Honorarkraft.

Wie oft es zu solchen Extremfällen kommt, ist nicht bekannt. Sie zeigen jedoch das Grundproblem auf: Laien können viel Schaden anrichten, wenn sie nicht richtig ausgebildet sind. Monika Eingrieber vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) formuliert das Problem wie folgt: „Jeder, der ein paar Worte ausländisch spricht, kann sich Dolmetscher nennen. Diese Laien sind gefährlich.“

Selbst diejenigen, die nichts Böses im Schilde führten, könnten grossen Schaden anrichten. „Sie verstehen das Behördendeutsch oft nicht“, sagt Eingrieber. Von 8000 Mitgliedern, die in ihrem Verband organisiert sind, sprächen nur 150 Arabisch. Auch Dolmetscher für andere Sprachen seien nicht ausreichend auf dem Arbeitsmarkt vertreten. So hätten die Universitäten in Berlin und Saarbrücken ihre entsprechenden Fachbereiche geschlossen. „Manchmal dolmetschen deshalb sogar Kinder beim Bamf, weil niemand anderes zur Verfügung steht“, sagt Eingrieber.

Zur Schadensbegrenzung bietet der Berufsverband nun selbst einen Grundkurs für Laiendolmetscher an. Besonders viel Raum bekommt dabei ein Thema, das in diesem Job äusserst wichtig ist: Neutralität. „Manchmal füllen die Dolmetscher bei den Behörden gleich selbst die Formulare aus“, sagt Eingrieber. „Das geht aber gar nicht. Die wichtigste Regel lautet, sich nicht einzumischen, auch nicht im positiven Sinn.“ All das müsse jedoch erst erlernt werden – am besten in einer professionellen Ausbildung, notfalls eben über einen Crashkurs.

Technische Hilfsmittel

Politisch ist bei dem Thema bisher nicht viel passiert. Das Bamf steht seit längerem unter Druck, offene Asylverfahren zu beenden. Laut offiziellen Daten der Behörde, der Asylgeschäftsstatistik, waren im November rund 491 000 laufende Verfahren noch nicht entschieden. Langwierige Dolmetscherkurse und -überprüfungen könnten die Wartezeiten weiter in die Länge ziehen.

Die Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg (Grüne) hakte trotzdem nach. Im Frühjahr 2016 erkundigte sie sich im Rahmen einer kleinen Anfrage bei der Bundesregierung, wie das Bamf die Sprachkenntnisse von Dolmetscheranwärtern überprüft. Die Antwort lautete: „Die sprachliche Eignung wird im Rahmen der Honorarvereinbarungen (diese werden auf Deutsch geführt) und der ersten Einsätze vor Ort geprüft.“ Gesonderte Sprachprüfungen gebe es nicht.

Passiert sei seitdem kaum etwas, klagt Amtsberg. „Das Bundesamt müsste die Problematik aktiv angehen“, fordert die Grünen-Politikerin, räumt aber zugleich ein: „Es gibt keine einfache Lösung.“ Als ersten Schritt schlägt sie eine bessere Bezahlung der Dolmetscher vor. Denn nur wenn die Arbeitsbedingungen attraktiver würden, meldeten sich auch qualifizierte Bewerber. „Leider gibt es zurzeit andere Prioritäten“, sagt Amtsberg. Der schnelle Abschluss der Asylverfahren sei dem Bundesamt am wichtigsten. Es gehe aber um menschliche Schicksale, betont die Abgeordnete. „Die Verfahren dürfen nicht nur schnell um jeden Preis sein.“

Fortschritte erhofft sich das Bamf durch den Einsatz technischer Hilfsmittel. Seit März 2016 kommen sogenannte Videodolmetscher zum Einsatz, die per Internet in die Aussenstellen der Behörde zugeschaltet werden. „Die Kapazitäten der Hubs und die Anzahl der angeschlossenen Bedarfsaussenstellen werden kontinuierlich ausgebaut“, schreibt das Bundesamt auf seiner Website. Passend dazu hat die Behörde auch gleich ein Werbevideo ins Netz gestellt. Doch ganz so schnell wird die Abhilfe auch mit dieser Methode nicht kommen. „Wir machen das über geschützte Umgebungen mit Verschlüsselungstechnik“, stellt der IT-Abteilungsleiter im Video klar. Und fügt hinzu: „Sehr aufwendig.“ Kurs für Laiendolmetscher stp. ⋅ Der Berufsverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) bietet Fortbildungen für Laiendolmetscher an. Die Kurse richten sich an Personen, die ohne einschlägige Ausbildung bereits als Sprachmittler arbeiten, zum Beispiel bei Behörden oder im Gesundheitswesen. Inhalt: Neben grundlegenden Dolmetscherfähigkeiten vermittelt der Kurs einen Einblick in gute Gesprächsführung und den Umgang mit ethischen Fragen. Der Kurs dauert je nach Einsatzbereich (Soziales, Behörde, Asyl) zwischen einem Tag und einer Woche. Voraussetzungen: Kursteilnehmer sollten mindestens eine Sprache sprechen, die derzeit relevant ist („Flüchtlingssprache“). Zudem müssen sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, also mindestens auf Niveau B2 sein. Termine werden individuell vereinbart. Die Kosten für Gruppenschulungen beginnen bei 1000 Euro. Da kaum ein Laiendolmetscher diesen Betrag selbst aufbringen kann, richtet sich das Angebot hauptsächlich an Hilfsorganisationen und Behörden, die ihre Laiendolmetscher weiterbilden möchten.