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Facebook-Debatten

Sie wünschen, wir spielen (nicht)

Meinung / von Julia Herrnböck / 21.11.2015

Diese Woche haben wir auf NZZ.at unsere interaktive Karte mit Angriffen auf Flüchtlinge mit den neuesten Daten aus dem Innenministerium abgeglichen und aktualisiert. 17 Fälle sind es in diesem Jahr, angefangen vom Verdacht der Brandstiftung bis zu Körperverletzung und einer Bombendrohung. Das zu schreiben reichte, um auf Facebook eine rege Diskussion über einseitige Berichterstattung auszulösen. 

Die Facebook-Kommentare folgten wie das Amen im Gebet: Unser Artikel blende Ausländerkriminalität und Straftaten von Flüchtlingen aus. Es ist ein überschaubarer Kreis gleicher Personen, der stets zu diesem Thema postet. Medien beschönigen die Probleme der Flüchtlingskrise – das ist die Kernbotschaft. In diesem Fall sei das der linksradikalen Einstellung der Autorin – also mir – geschuldet, meint Alexandra G. („Nichts anderes erwartet man von einer Standard-Redakteuse“). Ein anderer User identifiziert das neoliberale Umfeld als Schuldigen. Einer ruft zum „Angriff“ gegen die Autorin auf. Einig werden sie sich jedenfalls nicht.

Immer aber ertönt die Aufforderung an die Redaktion, die Verbrechen der „Asylanten“ aufzulisten. Inhaltlich wird alles mögliche vermischt: die Terrorbedrohung durch IS, der Ausverkauf europäischer Werte durch Merkel und Co, steigende Arbeitslosenzahlen, Unterdrückung der Frau im Islam, Lügenpresse und das angebliche Verbot für die Polizei über Plünderungen zu sprechen.

Gerücht versus Beleg

Alexandra G. hat in einer ähnlichen Diskussion vor einigen Wochen behauptet, über die steigenden Fälle von sexueller Gewalt in Österreich durch Flüchtlinge würde nicht berichtet. Noch dazu gebe es kaum Konsequenzen für die Täter. Damals habe ich sie gebeten, konkrete Hinweise zu schicken. Es kam eine Mail mit dem Betreff „Vergewaltigungen Asylanten“, die eine bunte Sammlung von Links zu rechten Blogs und Artikeln enthielt.


Credits: Screenshot

In manchen dieser Berichte geht es um die Gefahr für alleinstehende Frauen in Flüchtlingsquartieren, ein sehr reales und drängendes Problem. Aber sind diese Berichte aus deutschen Lagern, die Frau G. geschickt hat, ein Beleg für vertuschte Übergriffe auf Frauen in Österreich? Nein. Dass Asylwerberinnen gezwungen sind, mit vielen fremden Männern auf engstem Raum zusammenzuleben, ist ein eigenes Thema.

Auch die Konflikte, die sich zwischen den Bewohnern der Quartiere entwickeln, sind real: Es sind zehntausende Menschen, die in einer echten Ausnahmesituation leben. Druck erzeugt Spannung, und auch darüber müssen wir reden. Das hat alles nichts mit den Gerüchten und Mythen zu tun, Asylwerber in Österreich würden Straftaten begehen und keiner schreibe darüber.

Journalismus funktioniert nicht auf Zuruf

Jeder belegbare Fall steht im Boulevard und selbst da fantasiert sich ein Chefredakteur die Details zusammen, die weder Polizei noch Staatsanwaltschaft bestätigen wollen. Jedenfalls ist Frau G. jetzt sauer, dass ihre zahlreichen Hinweise nicht zu einer Geschichte geführt haben.

So funktioniert Journalismus nicht. Es wird nicht auf Zuruf geschrieben oder gesendet, was jemand hören will. Ein anderer User interpretiert die Frage nach seinen Quellen als Faulheit der Redaktion. „User Engagement“, das endlich als notwendig erkannte Interagieren mit dem Publikum bedeutet nicht: Sie wünschen – wir spielen.

Der Diskurs über die Konsequenzen aus der Flüchtlingskrise ist so substanziell und wir müssen ihn ehrlich und offen führen. Ohne ein paar Grundsätze wird das schwierig:

  • Für rassistisch motivierte Gewalt interessieren sich nicht nur „Gutmenschen“, sondern auch der Verfassungsschutz. Die Dokumentation und Analyse von geplanten Angriffen auf Flüchtlinge, Helfer und Einrichtungen hat Relevanz für die Staatssicherheit.
  • Wer die ganze Geschichte dazu gelesen hat, sieht vielleicht die Notwendigkeit, über die Qualität und Verfügbarkeit der Daten zu diskutieren – es gibt keine gesicherten Zahlen, wie viele Asylberechtigte in Österreich leben. Ab dem Zeitpunkt der Anerkennung wird ihr Status nicht mehr erfasst, egal ob sie Opfer oder Täter sind. Zahlen garantieren eine sachliche Grundlage und die werden wir in den kommenden Jahren dringender brauchen denn je.
  • Eine solche Dokumentation ist keine Aufrechnung, ob Asylwerber oder Rechtsradikale mehr Straftaten begangen haben.
  • Warum sollte es unter Flüchtlingen statistisch weniger Menschen geben, die kriminell werden, psychisch krank oder pädophil veranlagt sind als beim Rest der Welt?
  • Für Vorfälle jeglicher Art gilt es, Belege und Quellen anzuführen. Diese müssen überprüfbar sein.
  • Einzelfälle sind kein Beweis für strukturelle Phänomene.
  • Wenn wir von Verdachtsfällen schreiben, halten wir die Sorgfaltspflicht ein. Dann gibt es noch keine Anklage.
  • Wenn die Polizei ein Gerücht dementiert, heißt das nicht, es gibt eine Pressesperre.
  • Plünderungen in großen Supermarktketten, für die es weder Augenzeugen gibt, die weder von der Exekutive oder Filialleitern bestätigt werden können, haben ziemlich sicher nie stattgefunden.
  • Genauso wenig wie es DEN Flüchtling gibt, gibt es DIE Medien.
  • Wer Autoren beschimpfen will, soll wenigstens ein Probe-Abo kaufen.