„Ich bin 33 Stunden durchgelaufen“

von Yvonne Widler / 13.04.2015

Manfred Steiner ist in seinem Leben bereits 40 Marathons und 40 Ultramarathons gelaufen. Egal ob eiskalte minus 40 oder brütend heiße 48 Grad, egal ob Halluzinationen, Schmerzen oder beängstigende Selbstgespräche: Er hat nie aufgehört zu laufen. 

Es ist der 3. Februar 2013. Um 10.30 Lokalzeit in Whitehorse, Kanada, ein Ort gelegen am Yukon River, startet der Oberösterreicher Manfred Steiner einen Lauf von 700 Kilometern durch Kanadas Wildnis. Er schleppt einen Schlitten hinter sich her, der mit überlebensnotwendigem Gepäck vollgestopft ist: ein Schlafsystem für minus 40 °C, Verpflegung, Ofen mit Zündmaterialien, Wäsche zum Wechseln, GPS, Stirnlampen, Reservebatterien, Schneeschuhe. „Aber was ist los beim Start? Es ist zu warm, nur knapp unter 0 Grad. Das bedeutet: tiefer sandartiger Schnee, eine wahnsinnige Anstrengung, den Schlitten zu ziehen“, schreibt Steiner in sein Reisetagebuch. Kurz danach steht da: „Vor Erreichen von Checkpoint 33 ist der Braeburn Lake zu queren, und ich bin jetzt zu leicht angezogen. Das Thermometer fiel auf minus 25 °C.“

Heute treffen wir Manfred Steiner auf seiner Terrasse im oberösterreichischen Wels. Die ersten Frühlingstage erlauben es, endlich wieder draußen zu sitzen. Steiner sitzt gut gelaunt im roten T-Shirt vor uns und greift sich an den Bauch. „Ich bin gerade sehr untrainiert, ich habe zugenommen.“ Untrainiert heißt im Falle des Extremsportlers: Seit zwei Tagen kein Sport. Sonst trainiert der 51-Jährige fast täglich.

Manfred Steiner hat zwei Passionen: das Fliegen und das Laufen. Als Junge war ihm egal, welche Lehre er machen sollte, Hauptsache am Flughafen. Dort arbeitet er immer noch, mittlerweile in leitender Position, und ist beispielsweise für das Enteisen der Flugzeuge verantwortlich.

Beim Laufen haben es ihm mittlerweile die Ultrastrecken in den lebensfeindlichsten Gebieten angetan. Er war beim Niagara Falls Marathon dabei, ist den Everest Marathon mitgelaufen, beim Vertical Cup die Streif hinaufgerannt oder eben die 430 Meilen beim Yukon Arctic Ultra, wo es bitterkalt war und Steiners Nasenspitze gefroren ist.

Am 11. Juli 2011 fiel in Badwater der Startschuss zur größten Herausforderung seiner bisherigen Sportkarriere. Vor ihm lagen 135 Meilen (217 km) Wüstengebiet bei einer Temperatur von 48 °C und ständigem Gegenwind.

Der sogenannte Spartathlon gehört für Steiner zur Krönung seiner Läuferkarriere. Ein Rennen über eine Strecke von 246 km, das von Athen bis nach Sparta führt und in 36 Stunden absolviert werden muss. Von den 350 Startern erreichte Steiner als 31. Läufer das Ziel – in einer Zeit von 32:30:02. „Ich bin 33 Stunden durchgelaufen. Es ist schwer zu erklären, man ist in einer anderen Welt. Man schaltet auf einen Überlebensmodus. Das Ziel ist fokussiert – je nach Strategie.“ Wenn Steiner läuft, dann läuft er und will sich von nichts ablenken lassen. Musik hören kommt nicht infrage, auch nicht beim Training. „Das stört mich. Mir geht dann der Bezug zur Umgebung ab und ich kann nicht auf mich hören. Ich bin so stark auf meinen Körper und die nächsten Schritte konzentriert. “

Wenn Steiner durch eine Stadt läuft, macht er Sightseeing auf seine Art. „Ich schaue mir die Stadt an. Bei guten Läufen sind so starke Emotionen dabei. Einer meiner schönsten Läufe war London, vom Anfang bis zum Ziel gesäumt mit Menschen, die dich anfeuern, da lässt man sich nicht hängen.“

Das sogenannte Running High hat Steiner noch nie erlebt, aber dafür hatte er Halluzinationen. „Das war in Kanada im Winter bei den zwei Läufen in der eisigen Kälte. Da habe ich einen Campingbus mit Menschen gesehen, da war aber keiner. Mir war das schon bewusst, dass das nicht real ist. Außerdem habe ich Gespräche geführt, mit jemandem, den ich mir eingebildet habe. Nachts dachte ich, im Schlafsack liegen noch zwei andere drinnen.“

Es ist kaum zehn Jahre her, dass ein Bekannter zu Manfred Steiner gesagt hat: „Da gibt es so Wahnsinnige, die rennen da rauf.“ Er sprach von einem Rennen rauf zum oberösterreichischen Prielschutzhaus, auf 1.420 Meter höhe. Einen Monat später ist Steiner da raufgerannt. Seither kommt er nicht mehr davon los, wollte immer mehr. Nach den Marathons folgten die Ultramarathons.

Eines seiner größten Ziele ist es, die Major Six zu laufen. Drei hat er schon: Berlin, London und New York.

Chicago, Boston und Tokio fehlen noch.