Text: Florian Guckelsberger | Fotos: Rajiv Raman | März 2016

NEULAND




Vor fünf Jahren begann Syriens Revolution, der folgende Krieg trieb Millionen Flüchtlinge ins angrenzende Jordanien. Streifzüge durch ein Land, dessen Gegenwart etwas über Europas Zukunft verrät.
Anfang 2016 machte Jordanien der Welt ein verzweifeltes Angebot. Man werde, versprach Regierungssprecher Mohammad Momani, jedes Land logistisch unterstützen, das sich bereit erklärt, mehrere Tausend im syrisch-jordanischen Niemandsland ausharrende Flüchtlinge aufzunehmen. Angenommen hat das Angebot niemand und so sitzen dort heute rund 27.000 Syrer fest. Jordanien ist an die Grenzen seiner Belastbarkeit gestoßen.

Das Angebot zur Hilfe war ein ernüchtertes. Es war die Aufforderung eines Landes, auf dessen sechs Millionen Staatsbürger nach jüngster Volkszählung rund drei Millionen Flüchtlinge kommen. Darunter allein 1,3 Millionen Syrer. Ein Land, das eine unglaubliche Herausforderung meistern muss, für das sich der Rest der Welt erst zu interessieren begann, als Fotos einer an den Strand gespülten Kinderleiche Schlagzeilen machten.
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Länder mit den meisten registrierten Flüchtlingen weltweit, je Einwohner.
Die Wüsten des Nahen Osten sind reich an Dramen. In einem Europa, das an sich selbst und seinem Umgang mit hunderttausenden geflüchteten Syrern verzweifelt, sind solche Geschichten aber nur selten mehr als Randnotizen. Es sind Schicksale, die zu kurz im Rampenlicht stehen, um im öffentlichen Bewusstsein bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dabei lässt sich aus der arabischen Gegenwart ein Blick auf Europas Zukunft extrahieren.

Denn Gewaltmigranten, die noch in kalten Wintermonaten zu tausenden an unseren Küsten und Grenzen anbranden, sind Treibgut der Globalisierung. Ihre Flucht schlägt eine direkte Brücke zwischen dem Krieg in Syrien und Europa. Wir sind uns näher, als die geografische Entfernung suggeriert. Die Globalisierung hat uns zu Nachbarn gemacht.

Es dient deshalb dem aufgeklärten Eigeninteresse Europas, die Situation dort verstehen zu wollen. Wir müssen zuerst den Geschichten der Menschen im Nahen Osten lauschen, wenn wir die Chancen und Risiken von Massenmigration verstehen wollen. In der jordanischen Wüste liegt ein Ort, der viel über die Brutalität des syrischen Bürgerkriegs erzählt, aber auch etwas über die zähe Ausdauer und den ungebrochenen Willen der Geflüchteten verrät. Dieser Streifzug durch Jordanien beginnt in Zaatari, dem größten Flüchtlingslager der Region.
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Die Flüchtlinge

Wenn es Abend wird, ziehen sie auf den Telefonhügel. Die letzten Strahlen der untergehenden Wüstensonne reflektieren in den einfach verglasten Scheiben der Wellblechcontainer und tauchen Zaatari in prächtige Farben. Für Sekunden übertünchen sie die Tristesse dieses Ortes. Am Hügel angekommen, recken die syrischen Flüchtlinge ihre Arme gen Himmel, das Handy in der Hand. Sie jagen unsichtbare Wellen und hoffen, dass sich ihre Geräte in das syrische Mobilfunknetz einwählen und sie mit ihren Geliebten auf der anderen Seite der Grenze sprechen können.

Zaatari ist eine Art Schaufenster zur syrischen Flüchtlingskrise. Hier lässt sie sich bestaunen, die Hilfsbereitschaft der Jordanier und die Zähheit geflohener Syrer und die schnurrende Maschinerie der Gebergemeinschaft. Ein Lager so groß, dass man es aus dem Weltraum sehen kann. So verzweigt, dass seine Straßen Namen tragen. So bedeutend, dass es einen eigenen Twitter-Account mit 14.000 Followern hat.

Manchmal, wenn ein Nordwind weht, trägt die Wüstenluft syrischen Kriegsdonner ins Lager. Es ist die Titelmusik einer Tragödie, vor der die Menschen hier geflohen sind und die sie unbarmherzig verfolgt. Es sind Bomben, die in der nur 60 Kilometer entfernten syrischen Stadt Daraa fallen. Ein Ort, der als Keimzelle der syrischen Revolution gilt und aus dem mehr als die Hälfte der 80.000 in Zaatari lebenden Menschen stammen. Sie hören, wie ihre Heimat zermahlen wird, während sie auf dem Telefonhügel stehen und auf gute Nachrichten von daheim hoffen.
Wer Syrien kennt, weiß, dass dort das Paradies liegt.
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Ahmad
flüchtete aus Damaskus
Ahmad ist einer von ihnen. Müde Augen blicken durch seine schief sitzende Brille aus billigem Draht. Die gereichte Hand ist rau, seine Haltung gekrümmt. Stoffe hat er verkauft in Syrien, ein Haus hat er besessen. Jetzt saugt sich der billige Teppich auf dem Boden seines undichten Wohncontainers voll Wasser, sobald es regnet und wenn es trocken bleibt, dringt Sand in jede Ritze.

„Jeder der Syrien kennt, weiß, dass dort das Paradies liegt.“ Die Augen des alten Mannes füllen sich mit Tränen, sein neben ihm sitzender Sohn starrt auf den Boden. Allein sein Enkel krabbelt fröhlich brabbelnd durch den Raum. Er ist nur eines von mittlerweile 5.000 Neugeborenen, die in ihrem Leben nie etwas anderes als Zaatari gesehen haben.
Als das Lager im Sommer 2012 eröffnete, benannten die Jordanier es ganz pragmatisch nach dem nächstgelegenen Ort. Wer heute Zaatari hört, denkt an das größte Flüchtlingslager Jordaniens, nicht den kleinen Ort mit Moschee, Luftwaffenbasis und den weltberühmten Namen. Unscheinbar liegt das Dorf neben dieser Stadt, die innerhalb weniger Monate in seiner Nachbarschaft entstand. Stadt, das ist ein Wort, das Jordaniens Behörden nicht gerne im Kontext Zaataris hören; doch wären nicht die im Lager stehenden Stahltürme der Überlandleitung Beleg seines improvisierten Charakters, man könnte Zaatari für eine solche halten.

Zaatari, zu Hochzeiten das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt, ist das bekannteste seiner Art. Nur anderthalb Autostunden von der jordanischen Hauptstadt Amman entfernt, wurde es auch dank seiner guten Anbindung Pilgerort zahlreicher Prominenter. Neben Politikern schwebten Musiker, Schauspieler und Könige in Zaatari ein und wieder aus. Hände schütteln, Köpfe tätscheln, Betroffenheit signalisieren.

Niemand kann hinterher sagen, er habe von nichts gewusst. Und doch: Die meisten Lagerbewohner fühlen sich vom Rest der Welt vergessen.
Ich werde Zaatari nicht verlassen, mein Platz ist hier.
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Anwar
Organisiert ein Zirkus-Projekt für die Kinder im Lager
In Anwars Stimme, einem zu schnell gealterten Mittzwanziger, schwingt Bitterkeit, wenn er zwischen langen, tiefen Zügen an seiner Zigarette spricht. Von verzweifelten Familien und krebskranken Freunden, deren Behandlung weder die Vereinten Nationen noch eine der Dutzenden im Lager arbeitenden Hilfsorganisationen übernimmt.

Doch Zaatari ist kein Ort ohne jede Hoffnung, im Gegenteil. Wer sich durch das Containermeer treiben lässt, der sieht, wie hier neues Leben entsteht. Zurückgeworfen auf das Nötigste haben Zaataris Bewohner Improvisation zur Kunstform erhoben. Anwar, der Kettenraucher, führt stolz durch den Innenhof, den er für sich und seine Familie durch geschickt verbundene Wohncontainer und ein als Dach dienendes Stück Wellblech geschaffen hat. Wer zu ihm will, muss den Kopf leicht einziehen und unter frisch duftender Wäsche hindurch schlüpfen, an seinem ebenfalls aus Wellblech bestehenden Waschraum vorbei.

Sein Traum, sagt Anwar, ist es, einen Zirkus in Zaatari aufzubauen. Vor der syrischen Revolution hat er in Damaskus mit einem französischen Artisten vom Cirque du Soleil gearbeitet. Jetzt trainiert er ein paar Dutzend Kinder, übt mit ihnen Flickflack und Überschlag, Salto und Handstand. In den Räumen eines von den UN geförderten Frauenprojekts laufen die vielleicht 6–9-jährigen Flüchtlinge mit konzentrierter Miene an, heben ab, landen auf der Matratze und klatschen sich ab, wenn der Trick gelingt. Ihre Mütter sitzen am Rand der Halle und bedenken sie mit jenem Blick, den jeder kennt, der seine Familie schon einmal zur Zeugnisverleihung mitgenommen hat.

Zum Training darf nur kommen, wer regelmäßig eine der Schulen des Lagers besucht. Anwar hat strikte Regeln, will den Kindern Werte vermitteln und ihnen helfen, sich nicht selbst aufzugeben. Ein täglicher Kampf, für die meisten Bewohner Zaataris. In dem Versuch, die Kontrolle über das eigene Leben auch unter diesen Umständen nicht zu verlieren, wachsen viele über sich hinaus.
Mitten in der Wüste eröffnen sie Friseurgeschäfte, stutzen Bärte und schneiden Haare. Sie eröffnen Restaurants, handeln mit Elektrogeräten und vermieten Brautkleider. Auf verschlungenen Wegen haben es ein alter Gasofen und eine Teigwalze ins Lager geschafft. Jetzt gibt es syrische Pizza zu essen. Bestreut mit Tomaten und Käse und den traditionellen Gewürzen einer Küche, die integraler Bestandteil des Nationalstolzes ist, zieht der Duft der Heimat um die Häuser, wenn Bäcker Abu Mohammed die Gaszylinder aufdreht und die Fladen innerhalb weniger Minuten knusprig backen. Bestellungen nimmt er auch per Handy entgegen, dann fährt ein Junge aus der Nachbarschaft auf einem klapprigen Herrenrad das Essen durchs Lager. Zaataris Bewohner setzen dem menschlichen Willen nicht nur zum Überleben, sondern zum besseren Leben, so auf ihre Weise ein Denkmal.
Zwei Jahrzehnte bleibt ein Flüchtlingslager laut Statistik bestehen und Zaatari war bei seiner Gründung 2012 auf nur fünf Jahre ausgelegt, müsste also Ende nächsten Jahres schließen. Doch das ist eine Illusion, der sich weder die jordanischen Behörden noch die syrischen Flüchtlinge hingeben. Anwar, Ahmed, Abu und die anderen Flüchtlinge haben längst begonnen, das Lager in ihre neue Heimat zu verwandeln.
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Die Helfer

Wenn die Schlümpfe durch Zaatari ziehen, werden sie an jeder Ecke angehalten. Die Menschen bestürmen sie mit ihren Wünschen und belasten sie mit ihren Sorgen. Schlümpfe, so nennen sie die Mitarbeiter des UN-Ernährungsprogramms WFP in ihren blauen Uniformen. Jonathan Campbell, Leiter des Flüchtlingsprogramm in Jordanien und damit wohl Papa Schlumpf, arbeitet seit Jahren im Lager. Zyniker würden sagen, er verwaltet den Mangel.

Doch Campbell ist kein Zyniker und sollte er frustriert sein, verraten ihn weder sein weicher Händedruck noch seine gutmütige Miene. Auch seine Worte sind diplomatisch. Er spricht von Herausforderungen, nicht von drohenden Problemen. Nur manchmal, da verrät ihn ein Stoßseufzer.
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Die vom UNHCR angesetzten Mindeststandards in der Versorgung von Flüchtlingen sind weit von dem entfernt, was in Europa als angemessen gilt.
„Als ich in Zaatari anfing, lebten hier 18.000 Menschen, kurz darauf waren es 120.000", berichtet er von den ersten Monaten im Lager. Heute verteilt sein World Food Programme täglich 350.000 Brote an die 100.000 Syrer in Zaatari und Azraq, dem anderen großen Lager in Jordanien. Campbell und sein Team orientieren sich dabei an Standards, die das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, festgelegt hat. Jedem Flüchtling stehen demnach 2.100 Kalorien und 20 Liter Frischwasser am Tag zu. Zum Vergleich: Ein Österreicher konsumiert täglich 3.800 Kalorien und knapp 200 Liter Wasser.

Die Versorgung des Lager ist eine logistische Herausforderung, umso mehr, wenn man bedenkt, dass Zaatari inmitten einer Wüste liegt und Jordanien zu den wasserärmsten Ländern der Welt zählt. „Zaatari“, sagt Campbell deshalb, „funktioniert wie eine Stadt. Es gibt Geschäfte und Straßen und wir arbeiten an einem Abwassersystem.“ Was er meint, wird bei einem Besuch der beiden Supermärkte deutlich. Tazweed und Safeway haben Filialen in Zaatari eröffnet und verkaufen hier angeblich mehr Eier als im gesamten Rest des Landes. Im Inneren der Märkte drängeln sich Flüchtlinge um Produkte, arbeiten Einkaufszettel ab, bugsieren Einkaufswagen durch lange, gekühlte Gänge vorbei an Gemüse, Milch und Joghurt.

Dass etwas anders ist als sonst, zeigt sich erst an der Kasse, wenn statt Bargeld Kreditkarten gereicht werden. Monatlich wird automatisch ein bestimmter Betrag aufgeladen, mit dem die Familie auskommen muss. 28 US-Dollar sind für die Ärmsten der Armen vorgesehen. Wer über ein klein wenig Ressourcen verfügt, wird immerhin noch mit der Hälfte bedacht. Doch selbst diese bescheidene Hilfe von weniger als einem Dollar je Tag musste im Sommer zurückgefahren und in einigen Fällen sogar kurzzeitig ausgesetzt werden. „Wir können nur das verteilen, was die Staaten uns zukommen lassen“, seufzt jetzt Campbell. „Erst seit im Herbst die Flüchtlingskrise Schlagzeilen in Europa machte, hat sich die Situation ein wenig entspannt.“
Von Entspannung ist im Wartezimmer von Dr. Jonathan Gootnan nichts zu spüren. Die Menschen hocken auf klapprigen Bänken, halten schreiende Babys im Arm, husten und schniefen. Gesichter sind schmerzverzerrt, manch Atem rasselt. „Wir müssen mit dem Nötigsten auskommen“, sagt Gootnan, der freiwillig aus den USA angereist ist. Unweigerlich fällt der Blick auf die hinter ihm hängende Knochensäge, neben der Desinfektionsmittel liegt. Gootnan klopft einem Patienten auf den Rücken, bittet ihn zu husten und horcht mit dem Stethoskop. Vor allem Kinder, sagt er, haben mit Wüstensand zu kämpfen, dessen feine Partikel sich in den kleinen Lungen absetzen. Hunderte Patienten haben Gootnan und seine Kollegen zu versorgen und immer wieder müssen sie vor den Umständen kapitulieren. Wer im Lager an Krebs erkrankt, dessen Chancen stehen schlecht.

„Syrer sind extrem widerstandsfähig, aber auch sie kommen ohne Grundversorgung einfach nicht aus“, resümiert Campbell. „Im Winter kommt man nur schwer über’s Mittelmeer aber ich befürchte, dass Europa im Frühjahr die nächste große Flüchtlingswelle erleben wird.“ Auch er schlägt diese argumentative Brücke, die den Nahen Osten und Europa zu Nachbarn einer globalisierten Welt werden lässt.

Wer es in Jordanien nicht schafft, den hält nichts und niemand auf, sein Glück andernorts zu versuchen. Zu verlieren haben viele Flüchtlinge kaum etwas. Mit rund 1,2 Milliarden US-Dollar veranschlagt das UNHCR den jährlichen Finanzbedarf für seine Arbeit in Jordanien. Stand Ende Februar sind nur etwas mehr als 60 Prozent davon angekommen. Prozentual betrachtet ist die Situation in Jordanien damit noch dramatischer als selbst im globalen Maßstab, wo die UN eine Finanzierungslücke von 15 Milliarden US-Dollar bei einem Gesamtbedarf von 40 Milliarden für Hilfslieferungen errechnet hat.
Europa wird eine nächste große Flüchtlingswelle erleben.
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Jonathan Campbell
WFP-Nothilfekoordinator
Rund zwei Dutzend Hilfsorganisationen geben dennoch alles, um das Leben in Zaatari so angenehm wie möglich zu gestalten. Es gibt Projekte für Frauen, Filmvorführungen, Kindergärten, Schulen, Moscheen und eine Fußballmannschaft. Man spürt die Dankbarkeit, die viele der Syrer empfinden. Ja, man sei freundlich empfangen worden. Ja, die Jordanier seien gute Gastgeber. Doch abends, wenn die Sonne untergeht, dann fahren die Amerikaner, Briten, Franzosen, Italiener, Japaner und Deutschen in ihren weißen Jeeps zurück nach Amman. Zurück bleiben Syrer in ihren Containern, umringt vom jordanischen Militärposten, bei dem nicht immer klar scheint, ob sie die Flüchtlinge bewachen oder beschützen.

Die Lage ist trotz aller Bemühungen ernst. So ernst, dass viele Syrer ihre Koffer packen und das Lager verlassen. Im April 2013 war Zaatari Bleibe für mehr als 220.000 Flüchtlinge, seit rund einem Jahr ist die Zahl auf 80.000 gesunken, mit abnehmender Tendenz. Auf der Ringstraße, einer staubigen Piste, die sich wie eine äußere Begrenzung mehrere Kilometer um das Lager schlängelt, sieht man ab und zu Reisebusse fahren. Sie bringen Menschen zur Grenze. Die morgendlichen Schlangen vor dem Abfahrtsort sind so lang wie sonst nur die vor der Essensausgabe. Wo die Reise der Syrer jeweils endet, kann niemand sagen. Während einige auf ein neues Leben in der alten Heimat hoffen, ist Syrien für viele nur die erste Station auf der langen Reise nach Europa.
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Die Gastgeber

Wer vom Queen Alia International Airport mit dem Taxi nach Amman fährt, und sich sowohl mit seinem Fahrer unterhält als auch aus dem Fenster sieht, lernt zwei Dinge. Er erfährt schon bei der Vorstellung, dass es einen Unterschied zwischen jordanischen und palästinensischen Jordaniern gibt: „Oh, you’re from Germany! I’m a Palestinian Jordanian.“ Und er sieht die Flüchtlinge, die zu Dutzenden am Straßenrand stehen oder kampieren. Zumeist schwer beladen, immer in ausgetretenen Schuhen. Beide Beobachtungen gehören zusammen. Sie beschreiben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Jordaniens. Einem Land, dessen Historie eine Geschichte der Migration ist.

Im Marj Al Hamam Park, südlich der großen Stadt, breitet Lina eine Decke auf dem Rasen aus. Die Luft ist klarer und kühler als im Zentrum, hupende Autos seltener. Lina kombiniert ein weißes Kopftuch mit einem dunklen Kleid, das sie züchtig verhüllt. Sie guckt freundlich, mit runden Augen, nur ein wenig angespannt. Heute soll ein schöner Tag werden. Nicht für sie, sondern für die Syrer, die sie in den Park eingeladen hat. Schüsseln voller Essen stehen bereit, wie immer, wenn Jordanier es sich schön machen. Kinderschminke hat Lina mitgebracht, Handpuppen auch. Das Krokodil ist der Liebling der Kinder.
Wir Palästinenser helfen Syrern so, wie uns die Jordanier geholfen haben.
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Lina
Jordanierin mit palästinensischen Wurzeln
Einem ernst dreinblickenden, vielleicht fünf Jahre alten Mädchen sorgsam Schnurrhaare auf die Wange malend, berichtet Lina von den Anfängen ihrer Hilfsaktion. „Vor zwei Jahren führten mich Freunde zu einer schwangeren Syrerin, die in einem Zelt lebte. Im Winter!“ Obwohl in der Wüste gelegen, schneit es in der hochgelegenen Hauptstadt Amman fast jedes Jahr, also organisiert Lina eine Wohnung für die Frau und ihr Kind.

Die Jordanier sind zurecht stolz auf diese Gastfreundschaft, Nakhwa genannt. Kein Taxifahrer, kein Politiker und kein Gemüsehändler wird müde, das zu betonen. Wer mit Jordaniern ausgeht, kann sein Portemonnaie daheim lassen. Wehe dem, der versucht, seinen Teil der Rechnung zu begleichen und wehe dem, der weniger als drei gefüllte Teller voller Reis, Hummus, Falafel und Hühnchen verspeist, wenn er einer Einladung zum Abendessen folgt. Wie Lina gibt es viele, die alles geben, um den Syrern das Leben in der neuen Heimat so einfach wie möglich zu machen.

Im Norden funktioniert die Hilfe auch deshalb recht reibungslos, weil viele Syrer bei ihren südlich der Grenzen lebenden Verwandten unterkommen. Doch auch in Amman, wo wie in jeder Großstadt die sozialen Bande schwächer sind, wird Hilfe organisiert. Man trifft Jordanier, die in ihrer knappen Freizeit Geld auftreiben, um Flüchtlingen teure Operationen zu bezahlen und andere, die am Wochenende Selbstgestricktes und
-Gebackenes verkaufen, um ein oder zwei Personen mehr durch den Winter zu bringen. Es sind einfache Jordanier, die Mietzahlungen stunden, ungefragt Essen vorbeibringen oder auf die Kinder aufpassen, wenn die Eltern sich als Tagelöhner durchschlagen.

„Ich helfe Flüchtlingen, weil ich auch ein Flüchtling bin“, erklärt sich Lina. „Wir sind Jordanier mit palästinensischen Wurzeln und so wie uns die Jordanier geholfen haben, wollen wir heute helfen.“ Wir, damit meint Lina rund zwei Millionen Palästinenser, die laut UN in Jordanien leben und von denen die meisten mittlerweile die jordanische Staatsbürgerschaft besitzen. Es gibt inoffizielle Schätzungen, die die Zahl der Palästinenser bei rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ansetzen.
Doch es sind nicht nur Palästinenser und Syrer, die Jordanien prägen. Tscherkessen, Armenier und Tschetschenen haben in den Gründungsjahren entscheidend zum ökonomischen Erfolg der jungen Monarchie beigetragen. Ab den 1990er-Jahren kamen dann hunderte Iraker ins Land, auf der Flucht vor Saddam Husseins Gewaltregime. Ende 2014 ist Jordanien deshalb mit allein 650.000 registrierten syrischen Flüchtlingen das Land mit den zweitmeisten Flüchtlingen im Verhältnis zur eigenen Bevölkerungsgröße. In absoluten Zahlen reicht es noch immer für den sechsten Platz. Jordanien ist das, was man einen Schmelztiegel der Kulturen nennt und das Zusammenleben oft eine Herausforderung.

„Es gibt Menschen hier, die fürchten um ihre Identität“, sagt Daoud Kuttab und lehnt sich in seinem schweren Ledersessel zurück. Der Journalist sitzt in seinem Büro, an den Wänden hängen Danksagungen, Urkunden, Auszeichnungen, Fotos mit den Mächtigen seines Landes. Er hat den Radiosender Al Balad gegründet und Amman Net als Plattform für investigativen Journalismus etabliert. Seine politischen Kommentare sind scharfzüngig und informiert. Er darf sich mehr herausnehmen als andere Journalisten und er tut es auch. Gerade erst hat sein Team nachgewiesen, dass korrupte Beamte eine begehrte Arbeitserlaubnis für rund 20 Euro ausstellen. Freunde in den Amtsstuben des Landes gewinnt man so nicht.
Jordanische Nationalisten fühlen sich von den Zuwanderern bedroht.
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Daoud Kuttab
Journalist
Auch Kuttab ist von der jordanischen Gastfreundschaft überzeugt, spricht aber ebenso über die manchmal konfligierenden Identitäten. „Es gibt jordanische Nationalisten“, sagt er, „die sich von Zuwanderern bedroht fühlen“. Kuttab nennt das Eastbank-Identität und spielt auf die Ufer des Jordans an, eines Flusses, der Jordanien von der palästinensischen Westbank, also dem westlichen Flussufer, trennt. „Diese Nationalisten haben nie akzeptiert, dass Jordanien ein Land für alle seine Bürger ist und nicht nur für einen bestimmten Stamm.“ Es sind die Nachfahren der Beduinen, die heute das Rückgrat der Monarchie bilden. Sie nehmen Schlüsselpositionen in Militär, Polizei und Geheimdienst ein. Karrierebewusste Palästinenser zieht es deshalb vor allem in die Wirtschaft und wer mit palästinensischen Jordaniern spricht, der hört ihre Frustration. Beduinen, sagen viele von ihnen, das seien doch Hinterwäldler auf Kamelen. Palästina hingegen sei heiliges Land, arabische Zivilisation.

Diese Konflikte im Hinterkopf, überrascht es nicht, dass auch die syrischen Neuankömmlinge um ihren Platz in der vielschichtigen Gesellschaft Jordaniens kämpfen müssen. „Wenn etwas nicht rund läuft, wird das gerne den Syrern in die Schuhe geschoben“, sagt Kuttab. Manchmal sind es auf den ersten Blick banale Ängste, wie die, dass die als besonders schön und folgsam geltenden syrischen Frauen den Jordanierinnen ihre Männer ausspannen. Ein Vorurteil, das seine Entsprechung in der europäischen Angst vor dem Araber findet, der angeblich Mädchen verführt und missbraucht.

„Sogar das Verkehrschaos in Amman halten manche für die Schuld der Flüchtlinge“, sagt Kuttab und schüttelt nachdenklich den Kopf. „Manche Radiomoderatoren hetzen und erzählen ihren Zuhörern, dass die Migranten Jobs stehlen.“ Einen Anwurf, den Kuttab schlicht für falsch hält. „Die meisten Syrer sind ohne Arbeitserlaubnis gezwungen, Jobs anzunehmen, für die sich die meisten Jordanier ohnehin viel zu schade sind“, glaubt er. Wenn überhaupt, dann stünden die ägyptischen Gastarbeiter in Konkurrenz zu den Flüchtlingen. Und was ist mit dem Vorwurf, die Syrer treiben die Mietpreise nach oben? „Das ist zu kurz gedacht“, meint Kuttab. Von steigenden Mieten würden doch vor allem Jordanier profitieren, denen die Häuser und Wohnungen gehören.
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Länder mit den meisten registrierten Flüchtlingen weltweit, inkl. Österreich. Die jüngste Volkszählung in Jordanien beziffert die Gesamtzahl aller – also auch nicht beim UNHCR gemeldeter – Flüchtlinge im Land auf 1,3 Millionen.
Es ist ein heikle Frage, die der Journalist anschneidet. Hat Jordanien unter dem Strich von den Migranten profitiert? Kuttab glaubt, dass das der Fall ist. Andere Gesprächspartner teilen seine Meinung, wollen sich aber nicht zitieren lassen. Es gab eine heftige Podiumsdebatte, als das jordanische Identity Center im Dezember einen Report mit entsprechendem Fazit vorstellte. Es ist eine Frage, deren Beantwortung gesellschaftliche und politische Befindlichkeiten berührt. Jordanien, so die gängige Erzählung, ist in erster Linie Opfer des Syrienkriegs; so werden massiven Geldzuwendungen der Staatengemeinschaft an das Land gerechtfertigt.
Wie immer bei derart komplexen Wirtschaftsfragen lässt sich eine eindeutige Antwort nicht finden. Wenig illustriert das so eindrücklich wie die Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt. Laut Weltbank wuchs die jordanische Wirtschaft in den Jahren vor dem Syrienkrieg um jährlich bis zu acht Prozent, seit 2010 schrumpfte die Kennzahl auf zwei bis drei Prozent. Während der von der UN mitverantwortete Bericht des Jordan Resilience Fund davon ausgeht, dass ohne Flüchtlinge das Wirtschaftswachstum mit sechs Prozent doppelt so hoch gewesen wäre, argumentieren Kritiker, dass die Statistik verzerrt sei. Drei Prozent, das sei ein beachtlicher Wert und wirke erst im Kontrast zum starken Wachstum der vorherigen Jahre problematisch. Das als Referenz herangezogene Wachstum aber sei das Resultat zweier Migrationswellen aus dem Irak. Einmal in den 1990er-Jahren und nach der US-Invasion 2003. Geschäftsmänner mit Koffern voller Bargeld flohen damals nach Amman und sorgten für einen wirtschaftlichen Boom, der heute als goldene Jahre erinnert wird. Eine delikate Argumentation, die nicht nur die Angst vor neuen Flüchtlingen zu nehmen sucht, sondern Migration im selben Atemzug als Wirtschaftsmotor definiert.

Es wäre falsch, von überwiegend verarmten Syrern ein ähnliches Wirtschaftswunder zu erwarten. Doch der Appell zweier Bürgermeister zeigt, dass insbesondere lokale Gemeinschaften profitieren. Die beiden Politiker aus Zaatari und Mafraq baten, man möge den Syrern doch helfen, im Land zu bleiben und sie endlich arbeiten lassen. Kuttab sieht das so: Flüchtlinge benötigen Wasser, Essen, Kleidung, Strom und Wohnraum. Die Jordanier, die ihnen das verkaufen, werden bezahlt – entweder von den Syrern direkt oder eben indirekt durch Hilfsorganisationen oder die Vereinten Nationen. So hat etwa das World Food Programme allein mehr als 400 Millionen US-Dollar in die lokale Wirtschaft investiert.

Ein Umdenken deutet sich nun auch in Jordanien an. Auf einer internationalen Geberkonferenz im Februar in London wurde verkündet, man werde arbeitsintensive Branchen für Flüchtlinge öffnen und Sonderwirtschaftszonen errichten, innerhalb derer Syrer legal Arbeit aufnehmen dürfen. Anfang März wurde dann bekannt, dass Jordanien bis zu 200.000 Syrer mit entsprechenden Papieren ausstatten wird und von der EU im Gegenzug einen besseren Zugang zum europäischen Markt erhält.

Viele Jordanier haben erkannt, dass Flüchtlinge zwar Hilfe brauchen, aber auch Konsumenten sind. Die Syrer benötigen Unterstützung, bieten dafür aber Potential. Die Flüchtlinge, und darauf läuft es am Ende hinaus, sind für eine Gesellschaft weder per se schädlich noch zuträglich. Massenmigration ist Chance und Risiko zugleich, in Jordanien und in Europa. In welche Richtung das Pendel schwingt, haben die Gastgeber in der Hand.
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Die Visionäre

Loay Malameh ist 28 Jahre alt, hat gerade sein zweites Start-up gegründet und sagt Sätze wie diesen: „Die Syrer sind kein Problem, sondern eine Gelegenheit.“ Der Jordanier sitzt in seinem Büro im King Hussein Business Park, im Westen Ammans. Seine Nachbarn auf dem ehemaligen Militär-Gelände heißen Microsoft, Oracle und Cisco. „Wir müssen die Flüchtlinge in unsere Wirtschaft einbinden, mehr Hilfsgelder einzuwerben, statt sie zu benutzen“, sagt er. „Da ist so viel Potenzial.“

Um dieses Potenzial zu bergen, setzten Malameh und sein amerikanischer Mitgründer Dave Levin auf Technologie. Lötkolben, nackte Drähte, halb geleerte Kaffeetassen und ein Dutzend Geräte von der Größe eines Bierkastens drängen sich im kleinen Büro von Refugee Open Ware. Das Büro des Start-ups, eine gemeinnützige Tochter des kommerziellen Unternehmens 3D MENA, erinnert an die viel zitierten Gründergaragen des Silicon Valley. Die Kästen, das sind 3D-Drucker. Geräte, die flüssiges Plastik statt Tinte spritzen und so Millimeter für Millimeter dreidimensionale Objekte in jeder nur denkbaren Form herstellen.
Wir wollen das erste FabLab der Welt in einem Flüchtlingslager bauen.
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Loay Malameh
Gründer 3D MENA
„Wir nutzen Technologie, um den Menschen zu helfen“, sagt Malameh und zeigt auf eine schwarze Handprothese mit beweglichen Fingern. „Traditionell hergestellte Prothesen sind teuer. Die hier“, er bewegt ein Gelenk und demonstriert wie die Plastikfinger zugreifen, „kostet 75 US-Dollar und man kann mit ihr sogar Gegenstände hochheben.“

Neue Gliedmaßen aus dem 3D-Drucker für syrische Kriegsinvaliden sind aber erst der Anfang. Malameh und Levin wollen eine Reihe offener Werkstätten aufbauen, in denen Menschen – ob nun Syrer oder Jordanier – mit dieser Technologie arbeiten können. In Workshops lernen sie, wie man 3D-Drucker programmiert oder Lasercutter bedient. „Die Leute sollen ihre eigenen Probleme lösen, statt darauf warten zu müssen, dass ihnen jemand anderes hilft“, sagt Malameh. An einem Pilotprojekt in der nordjordanischen Stadt Irbid beteiligt sich die Europäische Union mit mehreren Millionen Euro.
Für den Deutschen Kilian Kleinschmidt sind es Initiativen wie diese, die sein nach eigenen Angaben mittlerweile drittes Leben, so spannend machen. Kleinschmidt, heute ein Mittfünfziger mit der rosigen Gesichtsfarbe eines Menschen, der sein Leben im Freien verbringt, war erst Ziegenhirte in Frankreich, dann Entwicklungshelfer in den härtesten Krisengebieten der Welt und ist nun Unternehmer in spezieller Mission.

Kleinschmidt ist eine Art Rockstar der Entwicklungszusammenarbeit. Als er 2013 im Auftrag der UN die Leitung Zaataris übernahm, erklärte ihn das US-Magazin New Yorker kurzerhand zum Bürgermeister des Lagers. Ein Titel, der hängenblieb und bei dessen Erwähnung frühere Kollegen sich keine Mühe geben, ein Augenrollen zu verhindern.

Auch wegen Sätzen wie diesem: „Wir nennen jemanden Flüchtling und meinen dann automatisch zu wissen, was dieser Mensch so braucht.“ Es ist ein Frontalangriff auf die Art, wie die internationale Gemeinschaft humanitäre Hilfe bislang organisiert. Kleinschmidt will einen anderen Umgang mit Flüchtlingen etablieren.
Flüchtlingslager sind die Städte von morgen.
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Kilian Kleinschmidt
ehem. Leiter Camp Zaatari
„Die Syrer haben uns in Zaatari klar gezeigt, dass sie selber entscheiden wollen. Deshalb haben Sie hunderte Geschäfte aufgebaut – das ist ihr Weg zurück zu Individualität und Identität. Ein humanitäres System kann das nicht leisten“, meint Kleinschmidt und berichtet, in welchem Zustand er das Lager bei seiner Ankunft vorfand. „Das war keine Liebe auf den ersten oder zweiten Blick, eher auf den fünften. Es war brutal, Journalisten nannten es das Höllenloch und warum auch nicht? Wie kann man etwas lieben, was nur zum Abstellen von Menschen gedacht ist?“

Von „refugee warehousing“ spricht das U.S. Comittee for Refugees and Immigrants, wenn überforderte Regierungen Neuankömmlinge in Lagern parken und vom Rest der Gesellschaft abschotten. Aus Sicht der amerikanischen NGO kein jordanisches, sondern ein globales Problem. Wenn Migranten grundsätzliche Rechte wie Freizügigkeit und Arbeitserlaubnis vorenthalten wird, so die Kritik, bleiben sie auf ewig in materieller Abhängigkeit. Aus Langeweile und Verzweiflung entsteht schließlich Gewalt, die sich gegen alles und jeden entlädt.

„Als ich nach Zaatari kam, habe ich ein vollkommen verschüchtertes UNHCR-Team erlebt“, erinnert sich Kleinschmidt. „Alle waren zynisch und hatten keine Lust auf ihre Arbeit. Jeder Tag war stressig.“ Wer das Lager heute besucht, spürt davon kaum noch etwas. Ein Wandel, den viele Befragte auf die Einbeziehung der Flüchtlinge zurückführen. „Es ist demütigend, wenn jemand über Wochen und Monate vorgeschrieben bekommt, wie er zu leben und wann und was er zu essen hat.“ Also stellte das Team um Kleinschmidt das alte System auf den Kopf.

Statt Essen zu verteilen, wurden Supermärkte eingerichtet, in denen die Flüchtlinge über ihr Essen selber entscheiden können. Wenn die mit Kran genau abgestellten Wohncontainer am nächsten Morgen an anderer Stelle standen, wurde das hingenommen. Und wenn es Probleme gab, hat man den Flüchtlingen zugehört, statt die Polizei ins Lager zu schicken. „Die Menschen haben uns gezeigt, wie man Flüchtlingslager zu Flüchtlingsstätten umwandeln kann“, sagt Kleinschmidt.
Eine Entwicklung, die nicht jedem gefällt. Azraq, das zweite große Lager Jordaniens, ist gänzlich anders. Journalisten sind dort nicht so gern gesehen, aber wer dort war, beschreibt es als Gegenteil von Zaatari. Schnurgerade Straßen, keine Geschäfte, künstlich und lieblos. „Die Behörden wollten kein zweites Zaatari“, ist eine langjährige UN-Mitarbeiterin überzeugt. Doch da jedes Infrastruktur-Projekt immer auch ein soziales Unterfangen ist, scheint die Botschaft an die Flüchtlinge klar: Fühlt euch nicht wie zu Hause.
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Entwicklung der weltweiten Flüchtlingszahlen von 1951 bis heute.
Kleinschmidt arbeitet heute nicht mehr in Zaatari, aber noch immer für seine Bewohner. Als Gründer der Wiener Innovation and Planning Agency will er Ressourcen global vernetzen. „Es kann doch nicht sein, dass alles, was wir für nachhaltige Hilfe brauchen, irgendwo zu finden ist und es bloß nicht bei den Flüchtlingen ankommt“, sagt er. Kleinschmidt will mit seinem Unternehmen deshalb als Vermittler zwischen den Welten arbeiten.

„Alle können helfen, Flüchtlingslager zu besseren Orten zu machen“, ist er überzeugt. Sein Ziel ist es, Wissen und Ressourcen dorthin zu bringen, wo sie Gutes tun können. So helfen die Stadtwerke Amsterdam dank seiner Initiative heute, in Zaatari ein Abwassersystem zu betreiben. IT-Unternehmen wie IBM oder Microsoft könnten künftig mit ihrer Erfahrung im Bereich Big Data die Lagerlogistik unterstützen und Universitäten modernste Lehrmittel und -methoden beitragen. Flüchtlingslager, sagt Kleinschmidt mit Verweis auf mittlerweile fast 60 Millionen Vertriebene weltweit, sind die Städte der Zukunft. Nicht nur, aber auch hier entscheidet sich, ob eine Gesellschaft ihren neuen Mitbürgern eine Heimat bieten kann.

Viele Jordanier halten das für möglich. Wer durch ihr Land reist, trifft Gründer, Bürgermeister, Journalisten und Ehrenamtliche, die fest entschlossen das Beste aus der Situation machen. Würden die Europäer ihnen zuhören, könnten sie viel lernen.