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Aufstiegsmythen

Vom Obdachlosen zum Millionär

von Leopold Stefan / 31.12.2015

Die legendären Aufstiegsgeschichten vom Obdachlosen zum Millionär sind die Erfüllung des „American Dream“ schlechthin. Aus Österreich sind solche Fälle nicht bekannt. Dafür ist weniger der mangelnde Unternehmergeist verantwortlich als das besser ausgebaute soziale Sicherheitsnetz. 

Immer wieder berichten US-Medien von den Underdogs, die es von einem Leben auf der Straße zu Ruhm und Reichtum gebracht haben – die extremsten Fälle werden zu nationalen Legenden des Unternehmertums. Im kollektiven Bewusstsein der Vereinigten Staaten untermauern die Rags-to-Riches-Biografien die Vorstellung vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die 21-Jährige Dani Johnson zum Beispiel lebte in Honolulu auf der Straße, bevor sie mit dem Vertrieb von Diätprodukten zur Multimillionärin wurde. Der obdachlose und alleinerziehende Vater Christopher Gardner übernachte mit seinem Sohn auf den Straßen von San Francisco, bevor er als Börsenmakler durchstartete. Auch Oscar-Preisträgerin Halle Berry war vor ihrer Filmkarriere eine Zeit lang auf Notschlafstellen angewiesen.


Credits: Halle Berry – Kevin Winter/Getty Images

Aus Österreich sind keine vergleichbaren Fälle bekannt. Der Weg aus der persönlichen Wohnungsnot zur Million auf dem Konto führt bestenfalls über den Lottoschein. Unter den hiesigen millionenschweren Unternehmensgründern oder Superstars sind keine ehemaligen Obdachlosen.

Die Lebensgeschichten der einst obdachlosen Reichen in den USA sprühen zwar vor Tatendrang sowie einer ordentlichen Portion Glück, zeugen aber mehr von einem eher großmaschigen sozialen Sicherheitsnetz als von den unbegrenzten Möglichkeiten, die in anderen entwickelten Ländern vermeintlich fehlen.

Kein reines Zahlenspiel

Natürlich tragen in den USA die liberalen Institutionen und eine höhere Dichte an gründerfreundlichen Risikokapitalgebern zum Erfolg vieler der ehemals obdachlosen Millionäre bei. Da es sich trotzdem um eine überschaubare Gruppe handelt, könnte aber die statistische Wahrscheinlichkeit alleine ein Faktor sein, warum einige wenige aus dem Nichts heraus zu großem Wohlstand fanden. Schließlich leben in den USA 37-mal so viele Menschen wie in Österreich. Beim Anteil der Obdachlosen ist der Unterschied noch viel größer.


Credits: Chris Gardner – chrisgardnermedia.com

Sowohl in Österreich als auch in den USA gibt es keine exakten Statistiken zur Wohnungslosigkeit. Im Jahr 2013 waren rund 16.000 Personen in Österreich als wohnungslos registriert, wie die neueste Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) unter Berufung auf die Statistik Austria festhält. Dies stellt aber nur eine Untergrenze dar, weil die erfassten Personen aus dem zentralen Melderegister stammen oder in einer Einrichtung für wohnunglose Menschen gemeldet sind. Wer unter der Brücke, auf einer Parkbank oder vorübergehend bei Freunden schläft, wird nicht berücksichtigt. Die letzte umfassende Erhebung stammt aus dem Jahr 2007 und kommt auf rund 37.000 Obdachlose in Österreich. Somit rangiert die Zahl der Betroffenen zwischen 0,2 und 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

In den USA ist die Notlage deutlich größer: Im Jahr 2007 waren laut National Law Center on Homelessness and Poverty (NLCHP) zwischen 2,5 und 3 Millionen Menschen obdachlos. Ähnlich wie bei den Daten für Österreich trifft diese Schätzung nur Personen, die in Notquartieren oder speziellen Wohnheimen untergebracht sind. Die Zahl an tatsächlich im öffentlichen Raum Logierenden kann nur sehr grob erfasst werden. Das entspricht fast einem Prozent der Bevölkerung und zehn Prozent jener, die unter der Armutsgrenze leben. Hinzu kommt, dass nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 viele ihr Eigenheim verloren haben. 2012 lebten 7,5 Millionen Amerikaner (2,3 Prozent der Bevölkerung) in prekären Wohnverhältnissen bei Familie und Freunden, weil sie sich keine eigene Wohnung leisten konnten.

Wer fällt durchs Netz?

Das ungleiche Niveau der staatlichen Unterstützung für Menschen in Notsituationen ist ein wesentlicher Faktor für die relativen Unterschiede der Obdachlosenzahlen in Österreich und den USA. Nur einer von vier amerikanischen Haushalten in der niedrigsten Einkommensklasse erhält Wohnbeihilfe.

In Österreich ergänzt die Wohnbeihilfe die Bedarfsorientierte Mindestsicherung, die jedem Staatsbürger oder gleichgestellten Ausländer zusteht. Eine Studie des Sozialministeriums schätzt die wohnungsbezogenen AusgabenEinheitliche Zahlen sind wegen unterschiedlicher Handhabe der Wohnkostenbemessung und Anspruchsregelungen je nach Bundesland nicht exakt zu eruieren. auf rund 200 Millionen Euro von insgesamt rund 540 Millionen Euro an Ausgaben für Mindestsicherung 2012. Im Verlauf des letztes Jahres erhielten rund 260.000 Menschen Mindestsicherung. Aktuell beträgt sie 828 Euro im Monat für Einzelpersonen. Mit dieser finanziellen Unterstützung ist rein prinzipiell ein bescheidener Wohnraum in Österreich leistbar, vor allem wenn über die Wohnbeihilfe die regional teils höheren Mieten ausgeglichen werden.

In den USA ist die Gefahr, obdachlos zu werden, größer und trifft viele unerwartet, wie die Lebensgeschichten der Aufsteiger illustrieren.

Chris Gardner landete auf der Straße, obwohl er bei einem Börsenmakler ein Einstiegsgehalt bekam. In der günstigen Absteige, in der er gewohnt hatte, waren Kinder nicht erlaubt. Als er das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn erhielt, musste er raus. Da er von früh bis spät im Büro saß, verbrachte er die Nächte ein Jahr lang mit seinem Sohn in Notschlafstellen oder im Freien. Vor seinen Mitarbeitern kaschierte er seine Obdachlosigkeit mit Erfolg.


Credits: Dani Johnson – danijohnson.com

Auch Dani Johnson hatte eine feste Anstellung als Kellnerin in einem Nachtlokal. Mit ihrem mageren Einkommen und wegen eines Drogenproblems konnte auch sie sich zeitweise keine eigene Wohnung leisten und schlief in ihrem Auto.

Halle Berry teilte das Schicksal vieler brotloser Künstler in New York zu Beginn ihrer Karriere und war kurzfristig mittellos.

Die ehemals obdachlosen Millionäre wären in Österreich kaum durch das soziale Netz gerutscht, sondern hätten Anspruch auf Sozialleistungen und Wohnbeihilfe gehabt. Sie alle zeichnet zwar eine große Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen aus, aber sie repräsentieren keineswegs die typische Biografie eines Obdachlosen – nicht in den USA und schon gar nicht in Österreich.

Pursuit of Happyness

Die amerikanische Romantisierung der Aufsteiger aus der Obdachlosigkeit ist dem gesellschaftlichen Selbstverständnis geschuldet. Das Streben nach Glück aus eigener Kraft ist ein wesentliches Identitätsmerkmal seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Der einzigartige Unternehmergeist spiegelt sich auch in der hohen Quote der selbstgemachte Superreichen wider. Immerhin 2,5 Prozent der 400 Reichsten der „Forbes-Liste“ sind aus absoluter Armut aufgestiegen.

Dabei geht vielfach der Blick auf die Ursachen der Obdachlosigkeit für die große Mehrheit verloren: Notlagen als Folge von persönlichen Schicksalsschlägen und Krankheiten, die sich durch mangelnde Unterstützung chronifizieren. Nicht repräsentative Einzelschicksale, so beeindruckend sie sich anhören, sind ein schlechtes Barometer für die realen Chancen der Ärmsten in der Gesellschaft.

Die Stadtregierung von Washington D.C. unternahm im Jahr 2007 trotzdem eine ungewöhnliche Sozialaktion. Mit Bussen brachten die lokalen Behörden 120 Obdachlose aus städtischen Notunterkünften zu einer Sondervorstellung ins Kino. Auf dem Programm: „The Pursuit of Happyness“ die Chris Gardener-Story mit Will Smith in der Hauptrolle.