Maria Jose Vinas / Keystone

Abfall im Grönlandeis: Wer soll aufräumen im „Camp Century“?

von Rudolf Hermann / 27.09.2016

Die Klimaerwärmung droht in Grönland Abfälle freizusetzen, die vor 50 Jahren in einer ins Eis gegrabenen US-Forschungsstation entstanden sind. Die Entsorgungsfrage schafft einen Präzedenzfall.

Die Sonne bringt es an den Tag, sagt die Redensart. Gemeint ist damit, dass unangenehme Wahrheiten nicht unendlich unter Verschluss gehalten werden können. Was die Volksweisheit auf metaphorischer Ebene ausdrückt, könnte in Grönland bald schon sehr konkret Wirklichkeit werden. Denn wenn die Sonne weiterhin so stark scheint und den grönländischen Eispanzer immer rascher zum Schmelzen bringt, könnten Abfälle zum Vorschein kommen, von welchen ihre Verursacher einst gedacht hatten, dass sie auf ewige Zeiten unter dem Eis versorgt blieben.

Exkremente des „Eiswurms“

Es geht um das sogenannte „Camp Century“, ab 1959 von den USA erstellt mit dem Segen Dänemarks, der Grönland politisch übergeordneten Macht. Angelegt wurde das Lager im Nordwesten der Insel, rund 250 Kilometer von der amerikanischen Luftwaffenbasis Thule entfernt, auf einem Plateau etwa 2.000 Meter über Meer. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges sollte damit geprüft werden, ob im Grönlandeis auf kostengünstige Weise Militärstützpunkte gebaut werden könnten. Getestet wurden verschiedene Konstruktionsweisen in arktischem Umfeld; Nebeneffekte waren wissenschaftliche Experimente mit der Eisdecke.

Wovon Dänemark allerdings nichts wusste, war das geheime amerikanische Projekt „Iceworm“. Das Forschungszentrum im Eis war als Versuchsanlage gedacht für ein potenziell weit grösseres Tunnelsystem, das Silos für Langstreckenraketen enthalten sollte, die die Sowjetunion erreichen könnten. Schon während der Konstruktion von „Camp Century“ zeigte sich jedoch, dass sich der Gletscher rascher bewegte als ursprünglich angenommen und der Bau einer Raketenbasis damit illusorisch war. Die Existenz der „Iceworm“-Pläne und ihr gewaltiges Ausmass – die Anlage hätte im Vollausbau die dreifache Fläche der Schweiz ausgemacht – kamen erst in den neunziger Jahren ans Licht.

Eine neue Herausforderung

Als die Amerikaner das „Camp Century“ 1967 aufgaben, blieben Infrastruktur und Abfälle zurück, nicht zuletzt vom kleinen Kernreaktor, der zur Energieproduktion eingerichtet worden war. Der Reaktor selbst wurde zwar wieder abtransportiert. Doch radioaktive wie auch chemische und biologische Rückstände sind noch immer in den Tunnels 35 Meter unter der Eisoberfläche. Und weil sich der Klimawandel in der Arktis stärker manifestiert als in anderen Weltgegenden, ist nicht mehr auszuschliessen, dass das Eis so weit abschmilzt, dass Teile der Abfälle gegen Ende dieses Jahrhunderts freigelegt sein könnten.

Dies zumindest geht aus einer unlängst publizierten Studie hervor. Und im Raum steht nun die Frage, wer für die Beseitigung der Abfälle die Verantwortung trage. Diese Frage, heisst es in der Studie, sei vor zwei Generationen von niemandem gestellt worden. Es handle sich nun um einen Präzedenzfall und eine völlig neue Herausforderung für die internationale Politik.

Der dänische Aussenminister Jensen versprach, das Problem im „engen Dialog mit Grönland“ genau zu prüfen. Ein Grönland-Experte der Universität Aarhus schrieb die moralische Verantwortung sowohl den USA als auch Dänemark zu. Die einen hätten das „Camp Century“ gebaut, die anderen ihr Einverständnis dazu gegeben.