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Terror in Europa

Achse des Terrors: Paris–Brüssel

von Nikos Tzermias / 23.03.2016

Die Anschläge in Brüssel haben in Paris Betroffenheit ausgelöst. Sie erfolgten nur vier Monate nach dem Blutbad an der Seine, das Islamisten aus Brüssel anrichteten. Schon zuvor gab es zwischen Islamisten der beiden Länder enge Verbindungen.

Frankreichs Präsident François Hollande erklärte am Dienstag nach den Terroranschlägen in Brüssel, dass Frankreich und Belgien durch den Horror verbunden seien. Er rief damit in Erinnerung, dass erst vor vier Monaten Schergen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) von Brüssel aus nach Paris fuhren, um dort ein Blutbad anzurichten. Allem Anschein nach wurden die beiden Massaker auch von derselben Terrorzelle verübt. Laut Angaben der belgischen Behörden gibt es Indizien, dass sich der am vergangenen Freitag verhaftete Paris-Attentäter Salah Abdeslam auch an den Bombenanschlägen in Brüssel beteiligen wollte. In einem seiner Unterschlüpfe im Brüsseler Quartier Molenbeek seien Detonatoren gefunden worden.

Belgien bisher eher Stützpunkt

Schon seit langem hatten Terrorismusexperten immer wieder darauf hingewiesen, dass zwischen Islamisten in Frankreich und Belgien enge Kontakte bestünden, die laut Rik Coolsaet, einem belgischen Politologen, bis auf die traumatische Zeit des Algerienkriegs zurückgehen. Belgien, das unter besonders schweren Integrationsproblemen und schwachen Regierungsstrukturen leidet, diente dabei immer wieder als Versteck für in Frankreich oder anderswo gejagte Terrorverdächtige oder als Basis für die Planung und Vorbereitung von Anschlägen. In Ghetto-Quartieren wie Molenbeek konnten sich Terroristen auch einfach mit Kalaschnikows und anderen Waffen eindecken.

Exemplarisch waren in der Hinsicht vorab die Anschläge vom 13. November. Sie waren nicht nur in Brüssel im Auftrag der IS-Führung vorbereitet worden. An ihnen waren neben zwei mutmaßlichen Irakern mindestens vier Belgier und fünf Franzosen beteiligt gewesen, die wie der gefasste „Logistiker“ Salah Abdeslam in Molenbeek wohnten oder gar aufgewachsen waren.

In Brüssel mit Waffen eingedeckt hatte sich aber auch der französische Islamist Amedy Coulibaly und womöglich auch die Brüder Kouachi. Wenige Tage nachdem diese im Januar 2015 das Massaker bei der Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt hatten, tötete Coulibaly eine Polizistin, verletzte einen Straßenreiniger schwer und ermordete darauf vier Geiseln in einem koscheren Supermarkt.

Während aus Belgien relativ zur Bevölkerung weit mehr IS-Dschihadisten stammen als aus Frankreich, wurde das Land in den letzten Jahren weit weniger oft als das südliche Nachbarland von islamistischem Terror heimgesucht. Das dürfte neben der früheren Kolonialpolitik Frankreichs vorab mit den militärischen Interventionen von Paris gegen den IS und andere islamistische Terrororganisationen in Nahost und anderswo zusammenhängen. In der IS-Propaganda war Frankreich neben den USA und Großbritannien immer wieder als einer der Hauptfeinde angeprangert worden.

Das könnte wiederum vermuten lassen, dass die Brüsseler Attentäter auf die Festnahme von Abdeslam reagierten. Nämlich um zu demonstrieren, dass das Terrornetz des IS noch längst nicht zerschlagen ist. Zwar schien Abdeslam bereits einen neuen Anschlag vorzubereiten, doch ist noch unklar, ob er auch ursprünglich in Brüssel geplant war.

Die Anschläge in Belgiens Hauptstadt waren offenbar nicht nur wie jene am 13. November von Mitgliedern einer mit dem IS liierten Terroristenzelle verübt worden. Die Täter gingen auch ähnlich vor wie bei Anschlägen auf Märkte im Irak oder in der Türkei und wandten blinde Gewalt an, die sich gegen möglichst viele unschuldige Opfer richtet. In beiden Fällen wurden die Attentate gut vorbereitet und von Terroristen ausgeführt, die mit Waffen und Sprengstoff umzugehen wussten und teilweise über Kriegserfahrung in Syrien verfügten.

Anders als bei Charlie Hebdo

Allerdings konnten die Attentäter sowohl in Paris wie auch in Brüssel ausnutzen, dass U-Bahnen, Flughäfen und andere öffentliche Räume nur schwer vor Angriffen geschützt werden können. Das zeigten auch bereits die islamistischen Bombenanschläge auf Pariser Metro- und S-Bahn-Stationen in den Jahren 1995 und 1996 oder der nur von mutigen Passagieren vereitelte Anschlag auf einen Thalys-Zug im letzten August.

Die Attentate in Brüssel und Paris waren vermutlich die ersten, die wirklich vom IS in Europa veranlasst wurden. Dagegen ist umstritten, ob und inwieweit die Anschläge auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt von einem Zweig von Al-Kaida im Jemen oder vom IS orchestriert wurden. Diese Attentate hatten sich auch noch gegen spezifische Berufs- oder Bevölkerungsgruppen gerichtet und schienen weniger professionell vorbereitet worden zu sein. Erst recht unterschieden sich die Terrorakte vom 22. März und 13. November von den Amokläufen „einsamer Wölfe“, die in Frankreich während der letzten Jahre immer wieder für Leid und Schrecken sorgten.