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Terror in Brüssel

Alarmzustand

von Wolfgang Sofsky / 24.03.2016

Dem Terror folgt der Ausnahmezustand: Die Gesellschaft erstarrt, das Leben steht still, es herrscht Alarmzustand. Dann kehrt die Normalität zurück – bis zum nächsten Angriff, schreibt Wolfgang SofskyWolfgang Sofsky lebt als Soziologe, Essayist und freier Autor in der Nähe von Göttingen. Er betreibt einen Blog, nicht nur zu politischen Aktualia:www.wscaprichos.wordpress.com. .

Für Stunden herrschte in Europas Hauptstadt der soziale Ausnahmezustand. Der öffentliche Verkehr war eingestellt; Schulen, Bahnhöfe, Museen und Parlament waren abgeriegelt, viele Geschäfte geschlossen. Das Telefonnetz brach zusammen; das Gesundheitsamt rief zu Blutspenden auf. Die Einwohner waren angewiesen, an Ort und Stelle zu bleiben. Die Straßen leerten sich. Eine Universität wurde evakuiert, bei Razzien fand man Waffen, eine Nagelbombe, Chemikalien. Ruhe war erste Pflicht, Bewegungslosigkeit. Die Gesellschaft im Ausnahmezustand ist eine stationäre Gesellschaft.

Die Gesellschaft im Ausnahmezustand ist eine stationäre Gesellschaft.

Der sozialen Erstarrung widersprach der affektive Alarmzustand. An den Tatorten war die erste Reaktion Konfusion, Panik, Flucht, Entsetzen. Plötzlich geschah das Unerwartbare. Entsetzen ist mehr als Schreck oder Schock. Menschen erschrecken, wenn Bedrohliches sie jählings überfällt. Grauen beschleicht sie, wenn ihnen eine gänzlich unvertraute Bedrohung entgegentritt. Entsetzen jedoch übermannt sie, wenn ein unbekanntes Unheil plötzlich hereinbricht. Das Entsetzliche verschlägt Menschen die Sprache und stürzt sie in Hilflosigkeit. Wer andernorts wortreich sein „Entsetzen“ bekundet, wurde davon gar nicht berührt. Menschen in der Ferne sehen Bilder, aber erleben keine blutige Realität.

Tiefe Narben

Unter den Überlebenden wirkt der Schrecken lange nach. Viele, die scheinbar gefasst den Tatort verlassen, haben eine Wunde, die wieder aufbrechen wird, in Albträumen, Schreikrämpfen, Panikattacken, auf der Straße, in einem Kino, zu Hause. Der seelische Schutzschirm ist durchlöchert. „Dass nichts so bleiben wird wie es war“, dieser Satz gilt für die Verletzten, die Überlebenden und Hinterbliebenen.

Ganz anders ist die Gefühlslage bei den Zeitgenossen fern des Geschehens. Terror löst heftige, aber gegensätzliche Emotionen aus: Angst, Wut, Trotz, Mitleid und Trauer. Nicht wenige flüchten sofort in die Festung der Beschwichtigung, Bagatellisierung, Schuld- und Sinnverschiebung, damit der unverwüstliche Wille zur Normalität wieder die Oberhand gewinnen kann.

Rasch mildert sich akute Angst zu dumpfer Sorge. Sie hat kein Objekt und keinen Grund. Terror ist eine unwägbare Gefahr, er hat keinen Namen, keinen Ort, kein Datum. Überall, jederzeit kann er zuschlagen. Allein der Zufall entscheidet, wer davonkommt. Obwohl es in europäischen Großstädten, anders als in Bagdad, Jerusalem oder Kabul, relativ sicher ist, grassiert ein „mulmiges“ Gefühl am Flughafen, am Bahnhof, im Zug. Im öffentlichen Raum scheint die Sicherheit dahin, jenes fraglose Weltvertrauen, das Gedanken an Todesgefahr gar nicht erst aufkommen lässt. Terror bedroht das Fundament des Alltagslebens, die Selbstverständlichkeit der gewohnten Welt. Ängstlichkeit überschattet das Leben. Die Vorstellung, dass etwas passieren könnte, bleibt gegenwärtig.

Kurzer Ausnahmezustand

Beruhigung verspricht die Gefühlspolitik. Die mediale Endlosschleife derselben Bilder, die stetige Wiederholung wohlbekannter Verlautbarungen, Mitleidsbekundungen, Solidaritätsadressen, all dies dämpft die Angst. Bilder und Rhetorik des Unheils sind längst Gewohnheit. Der Anblick des Grauens bleibt den Zaungästen des Schreckens ohnehin erspart. Was die Überlebenden und Retter sehen, riechen oder hören, erleben sie nicht.

Auf so viele Schultern verteilt sich die Angst, dass keiner sie mehr spüren muss.

Aufrufe zur Besonnenheit segnen die Angstabwehr offiziell ab: Um dem Terror zu widerstehen, solle man sein Leben fortsetzen, als sei nichts geschehen. Am Ende heilt die große Trauerzeremonie die erschreckte Seele. In sicherer Entfernung fühlen sich alle eins mit allen anderen. Auf so viele Schultern verteilt sich die Angst, dass keiner sie mehr spüren muss. Ein Anflug von Erhabenheit ergreift die Gemeinschaft der Klage. Nach wenigen Tagen ist der Alarm beendet – bis zum nächsten Angriff.