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Amerikanischer Wahlkampf aus der Ferne betrachtet: Die Chinesen bewundern das Grossmaul

von Matthias Müller / 24.09.2016

Hillary Clinton ist schon lange unbeliebt, sie gilt als ideologisch. An Donald Trump aber rühmen die Chinesen seinen Pragmatismus. Gleichzeitig ist seine Kandidatur exzellenter Stoff für Propaganda.

Die chinesische Regierung hält sich bei Wahlen im Ausland mit Kommentaren in der Regel zurück – mit dem Verweis, es handle sich um innere Angelegenheiten des jeweiligen Landes. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf hat Finanzminister Lou Jiwei die Mauer des Schweigens jedoch schon länger durchbrochen. Im April hatte er im «Wall Street Journal» Donald Trump als «irrationalen Typen» bezeichnet, der mit seinen protektionistischen Anwandlungen die globale Vormachtstellung der USA aufs Spiel setze. Richtig diskutiert wird in China über den amerikanischen Wahlkampf in den sozialen Medien. Und dort hat man den Sieger vom 8. November bereits ausgemacht: Die Mehrzahl der chinesischen Netizens rechnet mit einem Triumph Trumps.

Faible für «starke» Politiker

So irrational Trump ist, so vernunftwidrig ist der Umgang des chinesischen Internets mit dessen Aussagen. Der Kandidat der Republikaner hat in den vergangenen Monaten bei wirtschaftspolitischen Themen kein gutes Haar an Peking gelassen. China sei der grösste Währungs-Manipulant in der Geschichte der Menschheit, sagt Trump. Er wirft den Chinesen auch vor, sie hätten Millionen Jobs in den USA gestohlen, was er durch Neuverhandlungen aller Handelsabkommen ändern wolle. Seinem Ansehen im chinesischen Internet schaden solch wirre Thesen nicht. Vielmehr wird er als starker Mann gefeiert, der es als Unternehmer zu etwas gebracht habe. In China hat Trump den Spitznamen «Grossmaul», was keineswegs abschätzig gemeint ist. Chinesen haben ein Faible für Politiker solchen Schlags. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin geniesst wegen seines vermeintlich starken und betont männlichen Auftretens grosses Ansehen.

Die heftige Kritik Trumps an der Wirtschaftspolitik ihres Landes lässt die Chinesen offenbar kalt. Vielmehr verweisen sie darauf, dass es sich beim amerikanischen Wahlkampf um eine Show handle. Wenn diese vorüber sei, werde man sich in Gesprächen mit Trump auf einen für alle Beteiligten vorteilhaften Kurs verständigen. Bei den Verhandlungen käme China noch eine weitere Eigenschaft des Bauunternehmers zugute, ist im Internet zu lesen. Trump sei kein Ideologe und habe als Geschäftsmann bewiesen, flexibel und pragmatisch zu sein. Solche Eigenschaften sagen den Chinesen zu: Sie entsprechen ihrer eigenen Lebensphilosophie.

Nicht nur wirtschaftspolitisch sehen viele Chinesen in einem Präsidenten namens Trump Vorteile. Zu aussenpolitischen Fragen hat er sich zwar bisher kaum geäussert. Sein Kommentar über Japan und Südkorea, wonach die beiden Länder punkto Sicherheitspolitik Trittbrettfahrer Amerikas seien, wurde in China jedoch wohlwollend zur Kenntnis genommen. Sie nährt die Hoffnung, dass sich die USA unter einem Präsidenten Trump aus der Region verabschieden werden – und Pekings Machthaber ihr hegemoniales Machtstreben ungestört ausleben könnten. In diese Richtung wird auch Trumps Slogan «America First» interpretiert, den viele Netizens als Weg der USA in den Isolationismus deuten. Allerdings wissen die Chinesen auch, dass Trump im amerikanischen System ungestört würde schalten und walten können.

Clinton als Feindbild

Im Gegensatz zum Kandidaten der Republikaner verfügt Hillary Clinton in China über keinen guten Leumund. Im Internet hat man die Demokratin wegen ihres jüngsten Schwächeanfalls bereits abgeschrieben. «Ist so jemand überhaupt in der Lage, Präsidentin zu werden?», stellen viele die rhetorisch gemeinte Frage. Die Diskussionen werden schnell frauenfeindlich. Man fragt sich in Anspielung auf ihren untreuen Ehemann, wie Hillary die USA zufriedenstellen könne, wenn sie es nicht einmal bei Bill geschafft habe. Auch das Alter der demokratischen Kandidatin ist für viele Chinesen ein Grund zur Skepsis. Sie solle sich besser um ihr Enkelkind kümmern, lautet der Rat der Internetgemeinde.

Jenseits solch chauvinistischer Sprüche wird in den staatlichen Medien die politische Figur Clintons seit Jahren mit Argusaugen verfolgt. Bereits als First Lady hatte sie sich den Unmut der Regierung in Peking zugezogen. Ihre bei der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking getätigte Aussage, «Menschenrechte sind Frauenrechte, und Frauenrechte sind Menschenrechte», wurde als Kritik Clintons an den Verhältnissen in China interpretiert.

Auch während ihrer Amtszeit als Aussenministerin zwischen 2009 und 2013 machte sie sich wenig Freunde in dem asiatischen Land. Sie warb für Freiheit im Internet und betonte, die zwischen Peking und Tokio umstrittenen Diaoyu-Inseln (japanisch: Senkaku-Inseln) gehörten unter japanische Verwaltung. Schliesslich gilt sie als Vordenkerin der Doktrin «Pivot to Asia», wodurch die Amerikaner die Präsenz im asiatisch-pazifischen Raum stärken wollen. Dieses Ansinnen steht dem Machtanspruch Pekings diametral entgegen. China will den Einfluss der USA in der der Region so gut wie möglich eindämmen. Clinton wird denn auch in China als Anti-Trump wahrgenommen. Man befürchtet, dass eine Präsidentin Clinton wegen ihrer Haltung zu Demokratie und Menschenrechten weit weniger flexibel und pragmatisch agieren würde als ihr Konkurrent.

Demokratie am Ende

Unabhängig vom Ausgang der Wahl haben die vergangenen Monate für China bereits die Schwächen der westlichen Demokratie demonstriert. Unter der Hand fragt man sich in Peking, wie ein Wirrkopf wie Trump es überhaupt schaffen konnte, für das höchste Amt der Vereinigten Staaten zu kandidieren. Offiziell wird dessen Erfolg mit seinen nationalistischen und populistischen Sprüchen als Beleg dafür gewertet, dass westliche Demokratien an ihre Grenzen gestossen seien. Trump spricht aus Sicht Pekings Wähler an, die sich durch das amerikanische System nicht länger vertreten fühlen. Dieser Befund steht aus Sicht der Kommunistischen Partei für die Überlegenheit des chinesischen Einparteistaats, der sich um alle Bürger kümmert.

«Trump öffnet in den USA die Büchse der Pandora», überschrieb die nationalistische «Global Times» im vergangenen März einen Kommentar. Man könnte es weniger prosaisch formulieren. Die vermeintliche Botschaft des amerikanischen Wahlkampfs – und des Brexit-Referendums – an das chinesische Volk lautet: «Seht her, was ihr von einer Demokratie habt.»