Angst vor dem schwarzen Mann

von Gudrun Sachse / 20.04.2015

Seit 2002 stranden auf Malta jede Woche Flüchtlinge. Die Regierung setzt auf Abschreckung und sperrt sie in Lager. Wie ergeht es ihnen dort? Und ginge es nicht auch anders?

Das Schlauchboot kam im Morgengrauen an. Am schmalen Anleger von Ghar Lapsi warteten Beamte und die lokale Presse auf die Fremden. Ghar Lapsi ist eine verträumte Bucht im Süden Maltas, von der unzählige Treppenstufen auf die Insel führen. Malta ist von Steilküste umgeben, eine Festung im Mittelmeer. Auf einer Fläche von 316 Quadratkilometern leben 420.000 Menschen in arabisch anmutenden Häusern aus goldenem Kalkstein mit flachen Dächern. Nirgends in Europa ist die Bevölkerungsdichte größer.

Wer den Inselbewohnern Platz wegnimmt, muss damit rechnen, dass man ihn nicht mag. Es sei denn, er sei kaufkräftig und bleibe nur wenige Wochen. Tagsüber turteln auf den Steinen von Ghar Lapsi Touristen. Steht ihnen der Sinn nach noch mehr Schönem, tuckern sie in bunten Fischerbooten zur berühmten blauen Grotte, um das sphärisch leuchtende Blau des Wassers zu bestaunen.

Aus dem Schlauchboot stiegen 35 Männer und 11 Frauen. Christus stand mit rotem Umhang in seiner Felsnische im Glaskasten, in den ihn Gläubige vor Jahren gesperrt hatten, und schaute zu. Er breitete seine Arme aus, als wollte er sagen: Seid willkommen.

Aber die Ankömmlinge beachteten ihn nicht. Die Kälte hatte ihre Glieder durchdrungen, ihre Därme und Blasen waren zum Bersten gefüllt, und zudem war er auch nicht ihr Gott. Sie hatten Allah. Die Somalier gingen den schmalen Weg hinauf, von Polizisten umgeben und von den Objektiven der Kameras verfolgt. Oben wartete ein Polizeibus. Bevor sie einstiegen, tasteten die Polizisten sie ab und fotografierten sie. „Wir wollten nach Italien“, sagten die Fremden immer wieder. Die Polizisten nickten. Keiner von ihnen will nach Malta. Und die Malteser wollen keinen von ihnen. Es sind gut 340 Kilometer, die Malta von Afrikas Festland trennen. Am liebsten würden die Malteser ihre Insel verschieben. Weg vom ungeliebten Kontinent, der so bedrohlich groß ist.

Der Touristenführer Louis saß am Abend in seiner Wohnung vor dem Fernseher und murmelte beim Anblick der Bilder: Schon wieder welche. Louis sagt, dass auf Malta viele so dächten. Schließlich lande jede Bootsankunft in den Nachrichten und auf der Titelseite der Lokalpresse. So entstehe der Eindruck, dass sich ein ganzer Kontinent auf Malta entleere, sagt Louis. Natürlich wisse er, dass an diesem Morgen nur 46 Fremde ankamen – „aber für uns paar Bewohner hier ist das wie 46.000“.

Malta ist karg, es regnet wenig, aber die Erde ist gut, manchmal schimmert sie rot wegen des Eisengehalts. Steinmauern begrenzen kleine Felder, auf denen Kartoffeln, Wein und Oliven wachsen. Die Kartoffeln werden nach Deutschland und Holland exportiert, Malta ist erfolgreich im Kartoffelgeschäft. Wichtiger aber ist der Tourismus. 1,5 Millionen Menschen besuchen jährlich Malta und die kleinen Nachbarinseln Gozo und Comino. Das ist wenig im Vergleich zu Mallorca, wo pro Jahr fast zehn Millionen Touristen ankommen. Malta ist weniger bekannt, weniger grün, hat kaum Sandstrand, ist dafür ruhiger.

Aber wenn die großen Kreuzfahrtschiffe vor der Hauptstadt Valletta anlegen, füllen sich die Gassen. Polizisten vor dem Regierungsgebäude gehen zur Seite, damit junge Mädchen in knappen Hosen für ein Erinnerungsbild auf die Kanonen steigen können. Den Schnelldurchlauf in Landeskunde bekommt jeder Tourist auf einer Führung mit Louis – und vergisst ihn ebenso rasch wieder: Die ältesten megalithischen Tempel stammen aus der Zeit 5200 vor Christus. Die Römer ließen sich hier nieder. Es folgten die Araber. Nach einem kurzen normannischen Intermezzo fiel Malta an die Staufer, dann an Aragonien. Malta war Teil des spanischen Weltreichs, bevor 1798 Ferdinand von Hompesch die Insel kampflos an Napoleon übergab, dessen Soldaten plündernd über sie zogen. Louis weiß, dass kaum einer mehr zuhört. Doch er spricht tapfer weiter: Zwei Jahre später wurde Malta britische Kronkolonie und wichtiger Flottenstützpunkt im Mittelmeer. 1964 erklärt Malta seine Unabhängigkeit – erst 1979 verließen die letzten britischen Truppen die Insel.

Vielleicht bleibt bei den Touristen hängen, dass Malta 2004 der EU beitrat und dafür 76 Sonderregelungen erhielt. Die Insel durfte weiterhin neutral bleiben, Maltesisch, entstanden aus einem arabischen Dialekt, wurde als EU-Sprache anerkannt, und Maltas strenges Abtreibungsverbot wurde garantiert.

Valletta ist ein Schmuckstück, Baumeister und Künstler haben ihr Bestes gegeben. An den Häusern hängen kleine Erker wie Schiffsrümpfe, in den Kirchen glänzen die Altäre. Malta ist ein wenig Lissabon, eine Prise Sizilien, ein Hauch Morgenland. Nur ab und zu fährt ein Schwarzer hinten auf einem Müllwagen mit oder hilft einem Schlosser, ein Metallgerüst vor einem Schuhgeschäft aufzubauen. Das Herz Maltas ist noch blütenweiß, obwohl auf der Insel tausende Afrikaner leben.

Das Boot, das in Ghar Lapsi landete, war das zweite in fünf Tagen im Mai 2012, bis Jahresende waren es 27 Boote. Im Jahr darauf legten wieder 24 Boote an mit 2008 Flüchtlingen an Bord. So kamen in den letzten zehn Jahren 17.743 Menschen hier an. Gemäß dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen in Valletta hat Malta pro Einwohner die meisten Asylsuchenden Europas. 2009 bis 2013 gewährte Malta fast 14.000 Menschen Schutz. Damit liegt die Insel vor Schweden und Norwegen an Europas Spitze.

Neil Falzon, Menschenrechtsanwalt

Dass man die vielen Fremden kaum sieht, verdankt die Insel ihrer Politik. Die „boat people“, wie die Ankömmlinge hier heißen, werden nach der Landung in eines der drei Detention Centers gesperrt. Mehrere hundert Mann schlafen in einem Raum voller Etagenbetten. Bis zu 18 Monate müssen die Asylsuchenden in diesen Spezialgefängnissen bleiben, dann werden sie in sogenannte Open Centers verlegt. Dort können sie sich maximal zwei weitere Jahre aufhalten. Wer Glück hat, wird von Awas, dem Amt für Asylfragen, in das Marsa Open Center von Doktor Ahmed Bugri verlegt. Oder er kommt zu Frater Dionysius Mintoff ins Peacelab. Auch im Haus Balzan der Malta Emigration Commission, die in Valletta neben dem Regierungsgebäude in einer Seitenstraße wirkt, lässt sich menschenwürdig leben.

Wer aus der Haft aber in eines der fünf staatlichen Open Centers kommt, habe sein Dasein verwirkt, davon ist der Anwalt für Menschenrechte Neil Falzon überzeugt. Falzon hat sein Heimatland in Straßburg vor den Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Dass ihn, noch dazu einen bekennenden Schwulen, diese Ketzerei nicht zum Liebling einer erzkatholischen Nation macht, liegt nahe. Er sei der meistgehasste Mann der Insel, sagt Falzon.

Es gab Zeiten, da war sein Job seine Obsession, bis 2009 als Chef des UNHCR in Malta, später als Vertreter von Amnesty International. Er arbeitete Tag und Nacht an Fällen, die ihn sowieso nicht schlafen ließen: Massenvergewaltigungen in Afrika, Folter im Nahen Osten. Sein Umfeld litt unter seiner ständig schlechten Laune, sagt der smarte Falzon in perfekt sitzendem Anzug. Er wurde depressiv und brach schließlich zusammen.

Nach einem Jahr der Heilung gründete der 37-Jährige 2011 seine Stiftung Aditus, die sich für die Anliegen Ungehörter einsetzt. Er sagt, dass ein Unterschied bestehe, ob es um eine Flüchtlingsfamilie gehe, die vor Krieg und Gewalt geflohen sei, oder um eine Familie, die aus wirtschaftlichen Gründen auf Malta ankomme. Auf Malta landeten fast ausschließlich Kriegsopfer. „Da gelten andere Rechte.“ Damit begründet er seine Kritik an der Regierung. Dass Kriegsflüchtlinge in überfüllte Zentren gesteckt würden, kaum frische Luft, geschweige denn Privatsphäre hätten, sei menschenrechtswidrig. Also klagte Falzon.

Er gewann und schuf Präzedenzfälle, die Maltas Flüchtlingspolitik weltweit als „Gefängnisinsel“ in die Schlagzeilen brachten. Der Ministerpräsident entschuldigte sich, forderte die EU aber auch auf, Malta nicht im Stich zu lassen. Auch zahlte Malta den Opfern Entschädigungen, doch geändert habe sich an der Art der Behandlung seither wenig, sagt Falzon. „Wir bringen einen Fall nach dem anderen vor Gericht, bis sich die Zustände ändern.“

Malta ist kein darbendes Land. Im europäischen Vergleich geht es ihm sogar recht gut. Europäische Unternehmen werden schon seit den 1970er Jahren mit Steuervorteilen angelockt. So produzieren etliche deutsche Unternehmen für den Export: Playmobil, Menrad, Lloyd-Schuhe. Mit einer Arbeitslosenquote von 6 Prozent liegt das Land unter dem europäischen Durchschnitt.

Das Gejammer, Malta sei zu arm, um all die Fremden aufzunehmen, könne er nicht mehr hören, sagt Falzon. Malta hat seit 2007 vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung über 700 Millionen Euro erhalten, zudem seit 2008 mehrere Millionen ausschließlich für eine menschenwürdigere Behandlung der Flüchtlinge. „Die Regierung hat ein Managementproblem“, sagt Falzon. Die Migration werde seit Jahren als temporäres Übel betrachtet; irgendwann werde sich schon herumgesprochen haben, dass die Flüchtlinge auf Malta nicht erwünscht seien, folglich bestehe kein Grund, in ihre Integration zu investieren. „Blödsinn“, sagt Falzon. „Wer fliehen muss, flieht, ganz gleich, ob wir ihn menschenwürdig oder -unwürdig behandeln.“

2002 kamen zum ersten Mal Migranten aus Afrika über das Meer nach Malta. Jon Hoisaeter war überrascht, als er bei seinem ersten Besuch auf der Insel Zeltlager für Flüchtlinge sah. Die kannte der Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks nur aus Kriegsgebieten. „Malta war eindeutig überfordert“, sagt er. Die Zustände in den Camps waren derart prekär, dass sich 2005 das UNHCR in Malta mit einem Büro niederließ, das Hoisaeter leitet. Seither bemüht sich der Chef, so viel Einfluss wie möglich auf die Regierung zu nehmen und auch der Bevölkerung und den Medien klarzumachen, dass die, die ankommen, keine Illegalen seien, sondern Flüchtlinge.

Im Hal Far Tent Village, wie es noch immer heißt, obwohl die Zelte durch italienische Container ersetzt wurden – 80 Prozent der dafür benötigten 900.000 Euro übernahm der European Regional Emergency Fund –, leben zurzeit 175 Menschen. Das Camp liegt unweit des Flughafens im Süden der Insel. Hinter Zäunen unter der brütenden Sonne stehen junge Männer, sitzen kleine Kinder. Die meisten von ihnen stammen aus Somalia, Eritrea, Gambia und Mali. Hierher kommt, wer nach mindestens 12 Monaten Haft einen positiven Entscheid über das Asylgesuch erhalten hat.

Flüchtlinge, die illegal in einen Drittstaat reisten, werden bei der Rückkehr wieder interniert. Zu fliehen ist für viele Migranten die einzige Möglichkeit, von dieser Insel fortzukommen. Denn nur sehr zögerlich nehmen andere EU-Länder Malta seine Last ab. Mal sind es 100 anerkannte Flüchtlinge, die nach Deutschland ausreisen dürfen; 2012 erklärte sich die Schweiz bereit, 19 Anerkannte ins Land zu lassen. Das Fürstentum Liechtenstein nahm 2012 einen Eritreer auf.

Wenige Kilometer südlich von der Hauptstadt Valletta entfernt empfiehlt der Taxifahrer, hier nicht auszusteigen, das sei das Gebiet der „Illegalen“. Von Jon Hoisaeters Idee, durch eine korrekte Sprache Vorurteile abzubauen, hat er vermutlich noch nie etwas gehört. Dann gibt er Gas und lässt den Hafen von Marsa mit seinen Werften neben sich. Der Grand Harbour ist eine verzweigte Bucht, die etliche Kilometer tief in die Nordostküste der Insel schneidet.

Ahmed Bugri, Direktor Marsa Open Center

Hinter einer Eisentür und einem Zaun befindet sich ein ehemaliges Schulhaus. Doktor Ahmed Bugri sitzt in seinem aufgeräumten Büro. Bugri mag Ordnung und hat darum als erste Amtshandlung einen Zaun um das Center ziehen lassen. Ahmed Bugri kam vor 25 Jahren aus Ghana nach Malta, er war einer von drei Schwarzen auf der Insel. Damals kannte ihn jeder wegen seiner Hautfarbe, heute, weil er berühmt ist. Letztes Jahr bekam er die Ehrenmedaille Maltas um den bulligen Hals gehängt. Schließlich hat Bugri es geschafft, dass hier am Grand Harbour überhaupt ein Taxifahrer hält.

Bis 2007 wurden in Marsa die Flüchtlinge sich selbst überlassen. Die Regierung hatte die Kontrolle über das Lager verloren. Rasch hatten die Afrikaner ihre eigenen Regeln aufgestellt: Marsa war ihr Dorf, sie bestimmten, wer etwas zu sagen hatte, wer womit Geld verdiente. Hühner, Frauen und Drogen – gehandelt wurde mit allem. Es war dreckig und der Gestank unerträglich. Selbst der Krankenwagen weigerte sich, hierhinzufahren, um Weichgeprügelte zusammenzulesen, wenn sich die Somalier gegen ihre „Brüder“ aus dem restlichen Afrika auflehnten und als Sieger aus dem Kampf hervorgingen.

Niemand auf Malta wusste mehr, wie viele Fremde hier hausten. „Über 1.000 Menschen“, schätzt Ahmed Bugri, der diese Zeit als Praktikant der Behörden miterlebt hatte. Beim Freitagsgebet schwoll die Menge auf 2.000 an. Muslime, so weit das Auge reichte; die streng katholischen Malteser erstarrten.

Bugris Smartphone summt. War seine Hautfarbe der Grund, war es seine harte, aber gerechte Art, dass die Regierung ihn wollte, um in der Hölle aufzuräumen? Oder suchten sie einen Dummen, dem sie das eigene Versagen unterschieben konnten? Bugri kennt seinen Wert. Nein, als Schießbudenfigur würde er sich nie sehen. Für diese Rolle hatte er nicht mit seiner Familie gebrochen und seine Heimat verlassen. Ahmed Bugri wuchs streng muslimisch auf, sein Vater war Imam. Bugri wollte Christ werden – der Streit um den selbstbestimmten Glauben führte zum Zerwürfnis. Mit Hilfe von Jesuiten verließ er Ghana und ging mit ihnen nach Malta. Doch auch der Katholizismus vermochte ihn nicht zu überzeugen. Heute ist er evangelischer Pfarrer, der an der Universität Malta auch noch Jura studierte. Er lernte eine Malteserin kennen und bekam mit ihr drei Kinder. Der 16-Jährige habe sich gestern beim Skateboarden verletzt, sagt er beim Blick auf sein Telefon. Ob er den Anruf seines Sohnes rasch annehmen könne?

2008 gründete Bugri seine eigene NGO. Wenn er den Laden in Ordnung bringen solle, dann nach seinen Regeln, erklärte Bugri dem Minister. Zuerst ließ er als Direktor des Marsa Open Center einen Zaun bauen. Dann stellte er Wachen auf, die alle zählten, die rein- und rauswollten. Bugri verkleinerte die Zahl der Bewohner auf 500. Einige ließ er mit einem Stundenlohn von 6 Euro die Wände verputzen und Decken streichen. Und obwohl es immer ansehnlicher und wohnlicher wurde, sagte er zu den Afrikanern: „Das Camp ist dein Feind, nicht dein Zuhause.“ Bugris Idee ist einfach: Jeder bekommt ein Jahr Zeit, um sich ein Leben in Malta aufzubauen, das heißt legale Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu finden. Dafür bekommen die Flüchtlinge Englisch- und Computerunterricht. Nach einem Jahr schickt Ahmed Bugri sie fort. Dann sollen sie selbst klarkommen. Seine Arbeit wird europaweit beachtet. Die frühere EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström besuchte in ihrer Amtszeit zweimal das Marsa Open Center. Aus den angekündigten halben Stunden wurden jeweils zwei. Bugri ist ein unterhaltsamer Gastgeber, während er in die hintersten Winkel seines Reiches führt.

Er zeigt die Wohneinheiten mit je 16 Betten und kleinem Spind, den Raum, in dem ein Fußballtisch steht. Er lobt Massad, der den Boden in den Toiletten wischt. Dann öffnet er die Tür zu einem Zimmer, in dem zwei Betten stehen. Alle, die auf Malta ankommen, seien traumatisiert, sagt er. Hier können Kranke sich um ihre Seele kümmern, wenn sie aus Kummer und vor Strapazen zusammenklappen. Sechs Jahre sei es her, dass sich hier einer das Leben genommen habe, sagt Bugri. „In den anderen Centern liegt die Rate bei einem Selbstmordversuch wöchentlich.“

Louis, der Touristenführer, würde das mit einem „Hmm“ kommentieren. Was bedeuten könnte: Dann wären sie halt besser zu Hause geblieben. Ahmed Bugri kann Louis sogar verstehen und erklärt dessen Haltung damit, dass die Gastfreundschaft der Malteser anfangs auf eine harte Probe gestellt worden sei. Als die ersten halb verhungerten Fremden über das Meer kamen, brachten ihnen die Malteser ihr Essen. Doch die warfen es weg. Sie brachten ihnen ihre ausgetragenen Kleider. Keiner zog sie an. „Muslime essen nun mal nach strengen Regeln, und junge Menschen tragen lieber Jeans als Onkel Pauls alte Hose“, erklärt Bugri diese scheinbare Undankbarkeit, die sich in die Köpfe der Insulaner brannte.

„Sie brauchen eine Aufgabe und keine Almosen“, sagt Bugri. Von der staatlichen Unterstützung von 104,66 Euro pro Monat schicken fast alle 100 Euro nach Hause, und sei es, um die Würde zu wahren und nicht zugeben zu müssen, es zu nichts gebracht zu haben. „Statt Arbeit gibt man den Flüchtlingen lieber Beruhigungsmittel.“ Fast jeder schlucke irgendwelche Tabletten, sagt Bugri und belegt das mit einigen „typischen Verhaltensmustern“ im Innenhof seines Camps. Einer sitzt reglos auf einem Stuhl und starrt auf den Boden. Einer schlurft in Latschen zehn Meter hin – und dieselben zehn Meter wieder zurück. So gehe das den ganzen Tag, jeden Tag.

Wer Malta erreicht, hat eine monatelange Reise hinter sich; durch die Wüste und über das Meer. Auf den Weg machen sich kaum Intellektuelle, sondern junge, kräftige Menschen, die kaum Ahnung von Europa haben. Dass die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern Europas höher ist als etwa in Marokko – und daher Europäer bereits nach Afrika gehen, um dort Geld zu verdienen –, das weiß keiner von ihnen. Und dass man in Ländern, in denen die Menschen selbst Angst um ihre Existenz haben, keinen Unterschied macht zwischen dem, der aus wirtschaftlichen Gründen kommt, und dem, der einem barbarischen Regime entkommen konnte, damit hatten sie auch nicht gerechnet.

„Maltas Regierung lobt meine Arbeit“, sagt Ahmed Bugri. „Und doch hat nie einer von denen einen Fuß hier hineingesetzt.“ Der Besuch stünde anderntags in der Zeitung und würde den Eindruck erwecken, der Politiker könnte die Idee der Integration gutheißen. Was eine Wiederwahl verunmögliche.

Von der Politik erwartet Bugri daher keine Lösungen. Wenn, dann schaffe das allein die Zeit. Vielleicht noch ein wenig unterstützt durch Gottes Hilfe.

Frater Dionysius Mintoff, Peacelab

Es sind auffallend viele christliche Organisationen, die sich auf Malta für die Flüchtlinge einsetzen. Wer ketzerisch gestimmt ist wie Louis, behauptet, dass sich die Kirche dadurch mehr Christen erhoffe, „eine Missionierung im eigenen Land, sozusagen“. Frater Dionysius Mintoff antwortet darauf, indem er sich umständlich von der Steinbank erhebt und durch seinen Garten zu einer kleinen Moschee führt. Die hier habe er bauen lassen, damit seine Mitbewohner sich wohler fühlten, sagt er. Frater Dionysius Mintoff wäre zwar gerne nach Afrika zum Missionieren gegangen – damals als 17-jähriger Franziskaner. Sechzig Jahre später ist Afrika zu ihm gekommen. So spiele manchmal das Leben, sagt er und setzt sich wieder vor seine Kirche, den Krückstock zwischen die Knie geklemmt. Mintoff ist ein kleiner, krummer Mann, die Hosen hat er bis zum Brustansatz hinaufgezogen. Die Grillen zirpen im Eukalyptus, in Gehegen meckern Schafe, der beißende Geruch eines Ziegenbocks belästigt die Idylle von Mintoffs Friedenslabor. Das Peacelab liegt einen Steinwurf neben dem Hal Far Tent Village.

Die da drüben sollten nicht mehr als fressen und schlafen, schlimmer als Tiere würden sie gehalten, schimpft Frater Mintoff in seinem Paradies, das er vor über vierzig Jahren gründete. Über 10.000 Männer waren seither bei ihm. Zurzeit leben 38 Flüchtlinge im Garten des Peacelab in weißen Häuschen. Er hat eine Schaukel aufgestellt, damit die Kinder aus dem benachbarten Tent Village einen grünen und schattigen Platz zum Spielen haben. Die Tore stünden immer und allen offen, sagt er. Das Peacelab funktioniert nur durch die Hilfe Freiwilliger, die Englisch und den Umgang mit Computern unterrichten. Und in die Kultur und Regeln der Insel einführen. Die Männer kochen sich ihre Mahlzeiten allein, tagsüber arbeiten sie, und wenn sie abends heimkommen und für den ganzen Tag Steineschleppen vom örtlichen Bauunternehmer nur 5 Euro bekommen haben, dann wird Mintoff laut, und er humpelt zum Telefon, um seinem Ärger Luft zu machen.

Wenn es im Garten dunkel wird, geht Mintoff vorsichtig über den unebenen Boden von einem Bungalow zum nächsten und wünscht jedem eine gute Nacht. Ist ein Bett in einem der Massenschläge frei, legt er sich auch mal da hinein. „Wie in einer Familie“, sagt er.

Mintoffs Mutter brachte elf Kinder zur Welt. Dionysius war einer der sieben Söhne. Ein Bild von ihm als blutjunger Franziskaner zwischen seinen Eltern hängt über seinem Bett, in einem schmalen Zimmer mit einem Durchgang zur Kirche. Der Vater war bei der Marine und trägt Weiß, die Mutter ein schweres, dunkles Kleid. Sie brachte die Kinderschar durch den Krieg.

Malta traf im Zweiten Weltkrieg ein hartes Los. Die deutsche Luftwaffe begann im Dezember 1941 mit den ersten Angriffen auf die Insel, den wichtigsten britischen Stützpunkt im Mittelmeer. Im Laufe von weiteren 3.000 Angriffen gegen die Insel fielen fast 14.000 Tonnen Bomben – mehr pro Quadratmeter als irgendwo sonst in diesem Krieg.

„Alles historischer Boden“, sagt Frater Mintoff und klopft mit dem Stock auf den Steinboden in seiner Schlafkammer. Fünfmal trafen sich Roosevelt, Churchill und Molotow in diesem Gebäude, das damals noch eine Bunkeranlage war, um sich auf die Treffen mit Stalin in Jalta vorzubereiten. Nach dem Krieg hatte Malta den Einheimischen kaum etwas zu bieten. In der Hoffnung auf ein besseres Leben emigrierten Tausende nach Großbritannien, Australien, Kanada oder in die USA. Rund 160.000 Malteser verließen in den letzten Jahrzehnten ihre Heimat. „Erinnern will sich daran kaum einer“, sagt Frater Mintoff. Auch der Hass gegen die Deutschen, die hier ihre Bomben fallen ließen, sei vergessen. Letzteres auch dank Mintoff, der als Jüngling von Schule zu Schule zog, um die Vorzüge des Friedens zu erklären und wie schön es sei, sich ohne Vorurteile zu begegnen. Darin ist er noch immer gut. Doch anstatt von Tür zu Tür zu ziehen, setzt er sich täglich zur Mittagszeit in ein lokales Radiostudio und spricht einige Minuten voll Schalk und Klugheit zu den Maltesern, wie Don Camillo zu Peppone.

Pater Philip Calleja, Emigrant Commission

Wenn um neun die Tür der Emigrantenkommission aufgeschlossen wird, hat sich davor bereits eine Menschentraube gebildet. Abdel steht seit acht Uhr hier, um als erster einzutreten. Auch Pater Philip Calleja ist bereits seit Stunden wach. In aller Herrgottsfrühe hat er das Altersheim für Patres verlassen und ist in seinem kleinen Skoda in die Hauptstadt gefahren. Calleja ist die graue Eminenz der Emigrantenkommission. In seinem Büro riecht es nach altem Papier, ein Geruch von Bürokratie, holzig, süßlich. Sein Schreibtisch ist überladen mit Briefen, Umschlägen und Akten. Er sitzt hinter einem Papierberg, und es sieht nicht danach aus, als könnte der 84-Jährige ihn bis zu seinem Lebensende abarbeiten.

2003 kamen die ersten Flüchtlinge aus den Internierungslagern. „Jemand musste ihnen helfen“, sagt Calleja. Und tat das selbst. Seither kommen die Flüchtlinge zu ihm. Calleja verteilt Arbeit und Taschengeld, er hilft bei Ärger mit den Behörden und hat auch Schlafplätze zu vergeben. Abdel aus Syrien braucht nur eine Unterschrift für die Behörden. „Next“, ruft der Pater und schaut den Mann beiläufig an, der sich demütig über den Tisch lehnt, um „Monsignore“ die Hand zu reichen. So viel Höflichkeit ist der Jesuitenpater nicht mehr gewohnt. „Next“ trägt ein rotes Hemd und einen neckisch flaumigen Spitzbart. Er brauche Geld, um Freunde in Deutschland zu besuchen, sagt er mit Fistelstimme. Kurze Besuche im Ausland sind meist der Beginn eines neuen Lebensabschnitts in der Illegalität. „Nein“, sagt der Pater. Der Somalier verhandelt weiter: „Come on, nur 30 Euro“, er zahle sie auch zurück. Calleja dreht sich auf seinem Bürosessel zum Computer und tippt gemächlich einige Zahlen ein, dann reicht er ihm einen Scheck über 15 Euro. Der Somalier schimpft, das sei zu wenig. Calleja nimmt den Check und legt ihn weg. „Go“, sagt er und wendet sich dem nächsten zu, der bereits auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch hockt.

Philip Calleja erinnert sich gut daran, als 1970 die ersten Flüchtlinge aus Uganda nach Malta kamen. Später folgten Iraker. „Das waren gebildete Leute“, sagt er. „Die Ingenieure und Ärzte reisten gleich weiter nach Amerika.“ 1992 erreichten 291 Jugoslawen die Insel. „Die beherrschten Computer, als wir noch nicht mal wussten, dass es so etwas gab“, logisch, verschwanden auch die innerhalb kürzester Zeit von hier. Heute werde er konfus, höre er von den Familienverhältnissen gewisser Somalier. „Fünf Kinder mit fünf Frauen, die alle irgendwo verheiratet sind. Unschön“, sagt er.

Eines der sieben Gebäude, die unter der Obhut der Emigrantenkommission sind, liegt in Balzan. Balzan ist ein kleiner Ort mit hübsch verzierten Hausfassaden und kleinen Vorgärten mit schmiedeeisernen Zäunen, eine halbe Stunde von Valletta entfernt. Eine dicke Steinmauer säumt ein Seitensträßchen. Hinter der Mauer liegt ein südländisches Herrschaftshaus mit einem Eingangsbereich so groß wie ein Tanzsaal. Bevor man eintritt, registriert eine Sicherheitsangestellte den Besuch. Dann füttert sie ihr Kätzchen weiter. Ein weites Treppenhaus führt in den ersten Stock. Über dem Geländer hängen Tücher und Decken zum Trocknen. An den Wänden bröckelt der Putz. Die Unterkunft ist für die 36 Bewohner, alles Familien oder Mütter mit ihren Kindern, umsonst. Ein Zimmer für vier Personen misst zehn Quadratmeter. Ein Doppelbett für die Eltern, zwei Babybetten für die Kleinen, auf einem Regal stehen Fernseher und Radio. Das Fenster ist mit einem dünnen Tuch verhängt, das vor der Sonne schützt. Vier solcher Zimmer liegen an einem schmalen Gang. Das Bad mit der Dusche teilen sich die Bewohner.

Hibo ist 27. Sie studierte in Somalia Jura. Ihr Englisch ist fließend. Ab und zu kann sie bei Hilfsorganisationen als Dolmetscherin arbeiten und sich so etwas dazuverdienen. Hibo floh mit ihrem Freund, einem Journalisten, dem ein Leitartikel zum Verhängnis wurde. Ihr Freund sei gerade in der Bibliothek hier im Ort. „Wir passen nicht wirklich ins Flüchtlingsbild“, sagt sie. Dazu gehöre auch, dass sie gerne wieder heimkehrten, „dort waren wir wer“, würde das nicht die sichere Folter bedeuten. Sie wischt mit einem ölgetränkten Tuch eine Pfanne aus, um Fladenbrot für das Frühstück zu backen. Manchmal, sagt sie, wisse sie allerdings nicht, ob die Folter nicht besser sei als dieser Stillstand.

Neben ihr kochen drei andere Frauen mit verschnupften Kleinkindern am Rockzipfel, jede aus einem anderen afrikanischen Land, jede hat ihre eigene Methode der Fladenherstellung.

„Genau so lang war unser Schlauchboot“, sagt Hibo und deutet auf die gut sieben Meter lange Küchenabdeckung. Achtzig Menschen saßen drin. Die Schlepper hatten vor der Abfahrt in Libyen einen von ihnen zum Steuermann ernannt, der einen Kompass in die Hand gedrückt bekam. Neben Hibo saß eine Frau mit ihrem drei Monate alten Baby. Als das Schiff abfuhr, begann die Frau zu erbrechen. Sie reichten das Baby herum, von einem zum nächsten, wie einen kleinen Sandsack. Sie fuhren drei Tage und drei Nächte. Zuerst war das Trinkwasser aufgebraucht. Dann der Treibstoff. Das Boot trieb im Mittelmeer, bis ein Helikopter sie entdeckte. Ein Mann schrie durchs Megaphon: „Fahren Sie weiter nach Malta!“ – „Italien“, brüllten sie. Und: „Out of fuel.“ Da war es zehn Uhr morgens. Abends um sechs Uhr kam die Küstenwache und schleppte das Boot nach Malta. Alle, auch das Baby, überlebten.

Touristenführer Louis erfuhr davon in den Abendnachrichten. Und wieder hatte er den Eindruck, als wären nicht 80 angekommen, sondern mindestens 80.000 Fremde.