Daniel Karmann / EPA

Ansberg

Anschlag in Ansbach: Umfangreiche Materialien zum Bombenbau gefunden

von Stephanie Lahrtz / 25.07.2016

Der 27-jährige Syrer lebte seit Juli 2014 in Deutschland, allerdings nur mit einer Duldung. Simulierte er eine psychische Erkrankung um eine Abschiebung zu verhindern?

Bei dem Attentäter von Ansbach handelt es sich um einen 27-jährigen Syrer aus Aleppo, dessen Asylantrag vor gut anderthalb Jahren schon abgelehnt worden war und der sich trotzdem weiterhin in Deutschland aufhielt. Haben also die Behörden geschlampt? Wenn man die bisher bekannten Details des Aufenthalts des Mannes in Deutschland anschaut, eher nicht. Aber es drängt sich der Verdacht auf, dass der Syrer schon länger keine guten Absichten verfolgte.

Er war am 4. Juli 2014 nach Deutschland gekommen und stellte am 21. August 2014 einen Asylantrag. Das war damals – vor der Flüchtlingskrise – eine gängige Zeitspanne. Bei der Überprüfung seines Asylantrags stellten die Behörden schnell fest, das der Mann bereits in Bulgarien – dort war er 2103 eingereist – nicht nur polizeilich registriert worden war. Er hatte dort schon subsidiären Schutz und damit ein Bleiberecht zugesprochen bekommen.

Zu jenem Zeitpunkt war der Mann aber bereits weiter nach Österreich gereist und dort erneut registriert worden. Das für Asylanträge zuständige deutsche Bundesamt BAMF lehnte deshalb im Dezember 2014 sein Gesuch ab. Man wollte ihn nach Bulgarien, nicht in seine kriegsgebeutelte Heimat, abschieben. Allerdings wurde diese Abschiebung im Februar 2015 aus am Montag noch unbekannten Gründen ausgesetzt.

Ausreisebefehl erhalten

Genau in dieser Zeit machte der Mann psychische Probleme geltend und begab sich deswegen in Behandlung. Er habe auch zwei Suizidversuche unternommen, sagt die Polizei. Allerdings seien diese allem Anschein nach nur sehr oberflächlich gewesen, so habe er sich die Oberarme geritzt. Fraglich bleibt, ob der Mann wirklich aus Angst vor der Abschiebung krank wurde – oder die Probleme nur vorgab. Jedenfalls erhielt er ab Februar 2015 eine danach noch mehrfach verlängerte Duldung und konnte also legal in Deutschland bleiben. Erst am 13. Juli diesen Jahres, also elf Tage vor dem Bombenanschlag, erhielt er erneut einen Ausreisebefehl und die Androhung einer endgültigen Abschiebung innert dreissig Tagen.

Es ist nahezu ausgeschlossen, dass der Syrer dann in nur gut einer Woche das Bombenattentat geplant, vorbereitet und ausgeführt hat. Denn in so einer kurzen Zeit kann man laut Einschätzung von Experten kaum zum Bombenprofi werden. Und die in Ansbach gezündete Rucksack-Bombe war gemäss allen bisherigen Erkenntnissen kein Anfängermodell.

Auf eine wesentlich längere Attentats-Vorbereitungsphase deuten auch die Materialien hin, die man im Zimmer des Mannes in seiner Ansbacher Unterkunft gefunden hat. Dort wurden mit Diesel gefüllte Kanister, Nitroverdünner, Glycerin, Salzsäure, Drähte, Batterien und Lötkolben sichergestellt.

Alle diese Dinge kann man zwar in Bau- und Drogeriemärkten sowie an Tankstellen kaufen oder auch online, ohne das Darknet oder dubiose Händler in Grossstädten aufsuchen zu müssen. Doch erstens benötigt man eine gewisse Menge an Geld. Und zweitens das Wissen, was man kaufen muss und wie man es zusammenfügt. Das Wissen gibt es im Internet. Oder in einem Terrorcamp. Vorerst ist noch unklar, wo und wann der 27-jährige Syrer sich radikalisiert hat und welche Kenntnisse er allenfalls mit nach Deutschland gebracht hat.

Attentatsserie ist Zufall

Obwohl die Ermittler in Ansbach erst am Anfang ihrer Arbeit stehen, so scheint doch bereits zum jetzigen Zeitpunkt klar zu sein, dass das Bombenattentat keine Tat im Affekt war. Dies unterscheidet diesen jüngsten Anschlag damit von dem Angriff mit einem Dönermesser am selben Tag, bei dem ein 21-jähriger Syrer im schwäbischen Reutlingen auf eine 45-jährige Frau einstach. Hier war offenbar ein privater Streit der Auslöser des Angriffs. Der Axt-Angriff auf Passagiere im Zug eines afghanischen Flüchtlings am letzten Montag bei Würzburg erscheint bis anhin weniger geplant und „professionell“. Und der Amoklauf von München am Freitagabend hatte keinerlei politische Motive.

Politiker wie Sicherheitsexperten und Gewaltforscher betonten am Montag, dass die fast schon panisch machende Häufung von Attacken in Süddeutschland – „Würzburg“, „München“, „Reutlingen“ und nun „Ansbach“ passierten innert nur einer Woche – vermutlich rein zufällig war. Denn es sei kein Muster erkennbar, es habe sich in allen Fällen jeweils um eine spezifische Tat mit individuellen Ursachen gehandelt. Doch immer mehr Menschen haben Angst auf der Strasse. Denn es scheint vielen, dass doch ein Täter den anderen zur Umsetzung der eigenen Pläne anregt.