Sedat Suna / Keystone

Terror

Anschlag in der Türkei: Der Verdacht fällt auf den IS

von Marco Kauffmann Bossart / 21.08.2016

In der Südosttürkei, unweit der syrischen Grenze, hat ein jugendlicher Selbstmordattentäter 51 Menschen in den Tod gerissen. Eine Täterschaft der IS-Terrormiliz scheint plausibel.

Am Samstagabend zog eine kurdische Hochzeitgesellschaft tanzend durch die Strassen der südosttürkischen Stadt Gaziantep. Inmitten der Gästeschar war laut Augenzeugen der Täter, der seine Sprengstoffweste zündete, als sich die Hochzeitsgesellschaft aufzulösen begann. Durch die gewaltige Detonation wurden 51 Personen getötet. Eine Frau verlor vier Kinder und ihren Ehemann. Über 90 weitere Teilnehmer der Feier wurden verletzt, 17 davon schwer. Die Familie des Bräutigams und zahlreiche Gäste politisierten für die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP).

Ein Racheakt der Jihadisten?

Für das Blutbad in der Millionenstadt, die nur 60 Kilometer von der syrischen Grenze trennt, übernahm zunächst niemand die Verantwortung. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte den Anschlag in einem Communiqué und versprach Aufklärung. Die Täter versuchten, einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzubringen, äusserte Erdogan. Sie würden damit aber keinen Erfolg haben.

Nach Aussagen Erdogans war der Selbstmordattentäter vermutlich zwischen 12 und 14 Jahren alt. Der türkische Staatschef nannte den sogenannten Islamischen Staat (IS) als mutmasslichen Urheber des Verbrechens und fügte an, es bestehe «kein Unterschied» zwischen der Jihadisten-Miliz, der militanten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und den Gülenisten. Letztgenannte sollen nach Angaben der Regierung hinter dem misslungenen Putschversuch stecken.

Bereits mehrere Anschläge gegen Kurden

Innerhalb der vergangenen 13 Monate wurden Angehörige der kurdischen Minderheit mehrfach Ziel von Anschlägen. Im Juli 2015 tötete im türkisch-syrischen Grenzort Suruc ein Selbstmordattentäter über dreissig kurdische Aktivisten, die nach Kobane unterwegs waren; in jene Stadt also, die von kurdischen Bodentruppen aus den Klauen des IS befreit worden war. Drei Monate später sprengten sich Extremisten in Ankara inmitten eines von Kurden und Linken organisierten Friedensmarschs in die Luft. Zu beiden Anschlägen bekannte sich niemand. Doch gab es laut den Ermittlern klare Hinweise auf eine Verwicklung des IS. Nato stellt sich hinter Türkei(dpa) Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat die jüngsten Terroranschläge in der Türkei scharf verurteilt. «Wir stehen in dieser schwierigen Zeit in Solidarität vereint mit unseren türkischen Verbündeten», erklärte Stoltenberg am Sonntag in Brüssel. «Wir bleiben fest entschlossen, Terrorismus in all seinen Formen zu bekämpfen.»Nach Terroranschlägen Nato stellt sich hinter Bündnispartner Türkei Ein Motiv für das Massaker in Gaziantep könnten die Gebietsverluste der selbsternannten Gotteskrieger in Syrien sein, zumal kurdische Einheiten zu den effektivsten Kämpfern gegen den IS zählen. Nur Stunden vor dem Angriff auf die Hochzeitsgesellschaft hatte Ministerpräsident Binali Yildirim erklärt, sein Land wolle im Syrien-Konflikt eine aktivere Rolle spielen.

HDP kritisiert Regierung scharf

In einem Communiqué erhob die Oppositionspartei HDP am Sonntag schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Gaziantep sei während Jahren zu einem Nest für den IS herangewachsen, wo deren Mitglieder Waffen ansammelten und Massenveranstaltungen abhielten. Zudem hätten die Ermittlungen nach dem Anschlag vom Oktober 2015 ergeben, dass Islamisten eine kurdische Hochzeit attackieren wollten. Doch habe die Regierung nichts unternommen, um eine solche Tat zu verhindern. Eine Stellungnahme der Regierung zu den Anschuldigungen der HDP lag zunächst nicht vor.