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IS in Europa

Armee des Schreckens

Meinung / von Eric Gujer / 01.04.2016

Der „Islamische Staat“ wurde sträflich unterschätzt. Er hat in Europa professionelle Terrorzellen aufgebaut, die trotz intensiver Fahndung mehrmals hintereinander zuschlagen können.

Obwohl die Europäer die Kunst des Verdrängens und Verleugnens meisterlich beherrschen, lassen sich nach den Explosionen in Brüssel einige Fakten nicht ignorieren:

Nicht mehr die USA sind der Hauptgegner der islamistischen Terroristen, sondern die Länder des alten Kontinents. Nach dem 11. September 2001 hatten sich nicht wenige Europäer damit beruhigt, dass sich im Windschatten Amerikas die Bedrohung einigermaßen unbehelligt aussitzen lasse. Diese Selbstberuhigung hat sich endgültig als Selbstbetrug entpuppt. 5.000 junge Männer sind aus Brüssel, Bremen oder Winterthur nach Syrien gegangen. Aus diesem Reservoir speist sich eine Armee des Terrors, die sich jetzt gegen Europa wendet. Weil dem „Islamischen Staat“ diese willigen Rekruten zur Verfügung stehen, richtet er seinen Blick vor allem auf Europa. Terror ist manchmal auch eine pragmatische Entscheidung.

Nachrichtendienste und Polizeibehörden haben die Gefahr lange unterschätzt. Sie gingen davon aus, dass vor allem Einzeltäter Anschläge begehen würden, die auf eigene Faust handeln, sich im Selbststudium der einschlägigen Hass-Sites im Internet selbst radikalisieren und ohne engeren Kontakt zu einem Netzwerk zuschlagen. Tatsächlich haben in den letzten Jahren immer wieder „einsame Wölfe“ Anschläge etwa in Frankreich, Belgien, Deutschland oder Dänemark begangen. Übersehen wurde dabei, dass in Syrien und im Irak eine neue Generation Kämpfer heranwuchs. Sie erhielt eine militärische Grundausbildung, und sie ist durch die erlebten Greuel abgestumpft, fanatisch und leicht manipulierbar. Kanonenfutter für den Dschihad und obendrein mit EU-Pass.

Mit den Tätern ändern sich auch die Szenarien. „Einsame Wölfe“ haben nur einen begrenzten Radius; vor allem ist die akute Gefahr gebannt, sobald sie unschädlich gemacht werden. Der IS verfügt hingegen über genügend Leute, um arbeitsteilig vorzugehen. Fußsoldaten ziehen wie in Paris schießend durch die Straßen oder sprengen sich in die Luft. Spezialisten beherrschen den Umgang mit dem aus haushaltsüblichen Chemikalien gemixten, aber instabilen Sprengstoff TATP. Die Täter planen parallel verschiedene Anschläge, und sie erzielen eine verheerende Wirkung. Zugleich sind die Zellen widerstandsfähig genug, um trotz intensiver Fahndung auf ein Attentat nach wenigen Monaten das nächste folgen zu lassen. Die Kaida hingegen benötigte nach 9/11 viel Zeit, bis sie im Westen wieder angreifen konnte. Kürzere Ruhe-Intervalle erhöhen die Schlagkraft erheblich.

Die Motive und Möglichkeiten des „Islamischen Staates“ wurden falsch beurteilt. Zunächst ging man davon aus, dass die Organisation keine internationalen Ambitionen hege wie die Kaida. Dies hat sich als falsch herausgestellt, wie die Ableger in Libyen, Tunesien oder Ägypten zeigen. Der Pseudostaat hat eine eigene Abteilung, die für Attentate im Ausland zuständig ist. Sie schleust Kämpfer in die Elendskarawane der Flüchtlinge ein und entsendet gezielt Terrorkommandos nach Europa. Dort werden die Zellen offenkundig langfristig aufgebaut; sie verfügen zudem über eine Infrastruktur mit diversen Verstecken. Der IS versucht, nichts dem Zufall zu überlassen, und überwacht seine Kämpfer. Er verlangt von ihnen Spesenabrechnungen und den Nachweis, dass sie am Bestimmungsort angekommen sind. Hier sind Buchhalter des Schreckens am Werk.

15 lange Jahre

Die vier Faktoren machen es beinahe zur Gewissheit, dass in Europa die latente Angst vor einem Anschlag noch lange zum Alltag gehören wird. Zugleich sind wir nur unzureichend für diese Herausforderung gewappnet. Seit der Auslöschung der New Yorker Doppeltürme sind 15 Jahre vergangen, viel Zeit also, um eine effiziente Abwehr des Islamismus zustande zu bringen. Die Europäer haben die Auswüchse der erfolgreichen amerikanischen Terrorbekämpfung ausgiebig kritisiert. Folter ist nie eine Option. Gewiss ist auch richtig, dass sich Terrorismus nicht allein mit militärischen Mitteln besiegen lässt. Es versteht sich von selbst, dass eine pluralistische Gesellschaft ihre Freiheit nicht auf dem Altar der Sicherheit opfern darf. Doch abgesehen von solchen Binsenweisheiten bleibt die Frage offen, wie die europäische Alternative zum „War on Terror“ konkret aussieht.

Besteht sie im Verhalten Belgiens, das in Molenbeek eine buchstäblich mörderische Parallelgesellschaft unkontrolliert wuchern ließ und eine Fahndungspanne nach der anderen erlebte? Liegt sie in der Reaktion Deutschlands, das seinen „Schlapphüten“ vorübergehend die Arbeit mit Informanten wie die Befragung von Asylbewerbern unmöglich machte und sich über die US-Dienste empörte, obwohl die meisten sicherheitsrelevanten Hinweise weiterhin von diesen stammen? Welchen Beitrag zur Bekämpfung der Gewalt leistet Athen mit seiner Weigerung, die verletzliche Südostflanke gemeinsam mit der Türkei zu schützen?

Oder besteht die europäische Antwort auf den Terror im Vorgehen der Schweiz? Hier sind dem Nachrichtendienst bis heute die Hände gebunden. Das Volk muss nun entscheiden, ob die Kompetenzen wenigstens auf ein Niveau angehoben werden, wie es selbst in Ländern üblich ist, die auf jede Einschränkung der Privatsphäre allergisch reagieren. Von links wird der „Überwachungsstaat“ heraufbeschworen, von rechts heißt es, man solle der internationalen Kooperation fernbleiben und hoffen, dass die Dschihadisten die Schweiz übersehen. In der Summe ergibt dies ein Klima der Gleichgültigkeit, das in Belgien in die Katastrophe führte.

Krieg um Worte

Großbritannien und Frankreich haben ihre Gesetze verschärft, doch sind dies Einzelfälle. Es existiert kein europäischer Raum der Sicherheit. Weder gelten verbindliche Minimalstandards, noch funktioniert der Informationsaustausch. An dem Flickenteppich wird sich nichts ändern, dies ist wohl der Preis für die Vielfalt Europas. François Hollande wurde für seine Äußerung angefeindet, Frankreich befinde sich im Krieg. Es war immer eine europäische Schwäche, über Worte zu streiten, statt Tatsachen zu schaffen. Während die Debatte über die Legitimität eines Militäreinsatzes tobt, konnten dem „Islamischen Staat“ dank kurdisch-irakischen Bodenoffensiven und westlichen Luftangriffen 40 Prozent des Territoriums entrissen werden. Auf lange Sicht heißt Terrorbekämpfung die Deradikalisierung der Heimkehrer und die Integration der Muslime, um die Spirale aus Entfremdung und Hass zu unterbrechen. Kurzfristig gibt es indes kein besseres Mittel zur Schwächung des IS, als ihn am Boden zurückzudrängen und ihm den Nimbus der Unbesiegbarkeit zu nehmen, der ihn in den Augen junger Europäer so anziehend macht.