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Flüchtlingsstau in Griechenland

Athens humanitäre Herkulesaufgabe

von Marco Kauffmann Bossart / 14.03.2016

Nach der Schließung der Balkanroute steht Griechenland vor einem humanitären Kraftakt. Athen ist schlecht darauf vorbereitet.

In der Wartehalle des Hafens in Piräus macht ein Übersetzer mit einer Trillerpfeife auf sich aufmerksam. Auf Farsi erklärt er den Afghanen, dass ein Bus in die nordgriechische Stadt Larisa bereitstehe. Doch eigentlich wollen die meisten nach Idomeni an die mazedonische Grenze. Manche halten am Glauben fest, dass es weiterhin einen Weg nach Deutschland gibt. In der muffigen Halle liegen Hunderte am Boden, manche auf Karton, andere auf Decken. Kinder husten, Freiwillige verteilen Spielsachen.

Wer vor ein paar Wochen von den griechischen Inseln kommend die Fähre in Piräus verließ, eilte umgehend an die mazedonische Grenze weiter. Vor die Wahl gestellt, entweder hier oder im elenden Lager von Idomeni zu landen, ziehen nun manche eine organisierte Notunterkunft vor. Darum füllt sich der Bus nach Larisa langsam. Gleichzeitig kursieren abenteuerliche Gerüchte. Einer der Herumstehenden will gehört haben, dass Mazedonien die Grenze nochmals öffnet.

Von den Parkbänken verbannt

Der unilaterale Beschluss Österreichs und der Balkanländer, die Migration auf dem Westbalkan zu unterbinden, hat Griechenland vom Transitland in ein kontinuierlich wachsendes Auffanglager verwandelt. Nach offiziellen Zahlen stecken derzeit mindestens 42.000 Migranten fest – laut dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) haben allein in den vergangenen sieben Tagen rund 10.000 Hilfesuchende griechischen Boden betreten. Der ambitiöse Plan der EU, Flüchtlinge von der irregulären Migration abzuhalten, hat, wie kaum anders zu erwarten, kein Abebben des Flüchtlingsstroms bewirkt. Im Gegenteil dürfte die Aussicht auf ein rigideres Regime viele dazu bewegen, sich nach Griechenland durchzuschlagen, solange keine sofortige Rückschaffung droht.

Die Regierung versucht derweil, den Flüchtlingsstrom in andere Bahnen zu lenken. Auf dem Victoria-Platz im Zentrum der Hauptstadt, wo sich bis vor kurzem Afghanen versammelten, um ihren Transfer nach Mazedonien zu organisieren, patrouilliert die Polizei. Der Staat war abwesend, als auf dem Platz Hunderte von Migranten campierten. Nun verscheuchen Polizisten jene von den Bänken, die wie Flüchtlinge aussehen. Man ersuche darum, die offiziellen Empfangszentren zu benutzen, erklärt ein Uniformierter seinen Auftrag.

Bis anhin spürten primär die Ägäisinseln, der Großraum Athen und die Grenzregion zu Mazedonien die Folgen der Flüchtlingskrise. Jetzt müssen die Lasten auf mehr Schultern verteilt werden. In Nord- und Zentralgriechenland werden aus Kasernen und Sporteinrichtungen Notunterkünfte. Abgesehen von sehr lokalen Protestaktionen regt sich in der Bevölkerung, die teilweise unter harten Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand leidet, wenig Unmut. Hilfsbereitschaft und Mitgefühl überwiegen. Ob die griechische Willkommenskultur überlebt, wenn der zwischen der EU und der Türkei geschmiedete Plan scheitern sollte, steht indes auf einem anderen Blatt.

An der humanitären Herkulesaufgabe ist ein Verwaltungsapparat beteiligt, dem es an Effizienz, Ressourcen und Koordination mangelt. Diese Schwächen manifestieren sich beim Aufbau der sogenannten Hotspots, wo Flüchtlinge registriert und verteilt werden. Auch bei der Errichtung von Notunterkünften blieb Griechenland hinter der mit der EU vereinbarten Zielmarke zurück. Nimmt der von der EU propagierte Migrationsplan tatsächlich Form an, wäre die griechische Bürokratie schlecht darauf vorbereitet. Im Moment ist man vollends damit beschäftigt, den Zustrom zu bewältigen. Sich auf den in Brüssel skizzierten Systemwechsel vorzubereiten, hat kaum Priorität.

Bürokratischer Widersinn

In Piräus zeigen sich die bürokratischen Tücken geradezu exemplarisch. Agranitois Mihalis, Präsident der lokalen Zahnärztegesellschaft, rudert verärgert mit den Händen. Zwar steht die mobile Klinik, in der die freiwilligen Helfer Flüchtlinge mit Notfällen behandeln wollen, bereits neben dem provisorischen Camp in der Lagerhalle. Auch habe er aus seiner eigenen Praxis Instrumente und Medikamente mitgebracht. Nur darf der Bus, der einem staatlichen Spital gehört, keinen Strom von der Hafenbehörde beziehen. Er muss dafür einen schriftlichen Antrag stellen.