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Ermittlungen in Belgien

Attentäter von Brüssel hatten Frankreich im Visier

von Niklaus Nuspliger / 11.04.2016

Die belgischen Ermittler haben den am Freitag gefassten Mohamed Abrini als „Mann mit dem Hut“ identifiziert. Die Terrorzelle plante ein neues Attentat in Frankreich, schlug dann aber in der Eile in Brüssel zu.

Knapp drei Wochen nach den Attentaten von Brüssel vom 22. März können die vielgescholtenen belgischen Behörden die bisher größten Fortschritte in ihren Ermittlungen gegen die Terrorzelle vermelden. Nicht nur konnte die Staatsanwaltschaft am Samstag bestätigen, dass es sich bei den am Freitag festgenommenen Mohamed Abrini und Osama K. um den mutmasslichen dritten Flughafenattentäter und den zweiten Attentäter der Brüsseler Metro handelt. Am Sonntag teilten die Ermittler vielmehr auch mit, dass die Dschihadistenzelle ursprünglich erneut ein Attentat in Frankreich geplant hatte. Nur aufgrund der Fortschritte der Ermittlungen hätten sie dann kurzfristig in Brüssel zugeschlagen – die Behörden scheinen den Terroristen Mitte März also unmittelbar auf der Spur gewesen zu sein.

Immer neue Querverbindungen

Die Staatsanwaltschaft spricht von „mehreren Elementen“, die eine Bestätigung von Anschlagsplänen in Frankreich zuließen. Ein Element sind offenbar die Aussagen des am Freitag in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht festgenommenen Abrini. Dieser hatte im Verhör auch zugegeben, dass er der dritte Attentäter des Flughafens – der sogenannte „Mann mit dem Hut“ – sei. Am Sonntag wurde gegen ihn wegen terroristischer Morde Haftbefehl erlassen. Wenige Tage vor dem Attentat in Brüssel hatte die Polizei Salah Abdeslam, einen der Hauptverdächtigen der Anschläge von Paris, festgenommen. Nicht zuletzt diese Entwicklung dürfte die Zelle dazu bewogen haben, ihre Pläne vorzuziehen und statt in Frankreich rasch in Brüssel zuzuschlagen.

Immer offensichtlicher wird, dass die Anschläge von Brüssel und Paris im November zu einem guten Teil durch dasselbe Netzwerk geplant worden sind. Abrini war im November mit Salah Abdeslam nach Paris gefahren und hatte dort Unterkünfte angemietet, in denen einige der Dschihadisten übernachtet hatten. Najim Laachraoui, einer der Selbstmordattentäter vom Flughafen Zaventem, hatte offenbar Bomben für die Pariser Anschläge gebaut. Khalid El Bakraoui, der Selbstmordattentäter der Brüsseler Metro, hatte unter falschem Namen ein Versteck im belgischen Charleroi angemietet, das zur Vorbereitung der Attentate in Paris diente.

Eine weitere Querverbindung besteht zum am Freitag festgenommenen Osama K., der im Oktober 2015 mit einem von Abdeslam gemieteten Auto von Ulm nach Belgien gebracht worden war. Osama K., laut Medienberichten schwedischer Staatsangehöriger, wurde am Samstag als jener zweite Mann identifiziert, der mit Selbstmordattentäter El Bakraoui während des Anschlags in der Metrostation Maelbeek war. Der mit dem Vorwurf terroristischer Morde konfrontierte Osama K. hatte sich in einem Einkaufszentrum auch Taschen beschafft, die für die Anschläge am Flughafen zum Einsatz kamen. Noch nicht gefunden worden ist der Rucksack, den Osama K. am Tag der Anschläge trug. Offen ist, ob sich darin Sprengstoff befindet.

Da dieser Sprengstoff und Waffen bei Hausdurchsuchungen nicht gefunden wurden und da es womöglich weitere flüchtige Verdächtige gebe, erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber Medien, noch sei nicht sicher, ob die ganze Terrorzelle ausgehoben worden sei. Es scheint aber, dass nun ihre wichtigsten Mitglieder außer Gefecht gesetzt sind. Als Komplizen festgenommen wurden auch ein 26-jähriger ruandischer Staatsbürger sowie ein 27-jähriger Belgier. Über die genaue Rolle der beiden ist noch wenig bekannt.

„Hut weiterverkauft“

Abrini hat laut der Staatsanwaltschaft gestanden, der „Mann mit dem Hut“ zu sein. Seine weiße Jacke habe er auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt in einen Abfalleimer geworfen, den Hut will er verkauft haben. Die Staatsanwaltschaft, die bereits einen vermeintlichen „Mann mit Hut“ hat laufen lassen müssen, bestätigte diesmal offiziell, dass es sich bei Abrini um den dritten Flughafenattentäter handelt.