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Populismus – eine Gefühlssache?

Auch Protestwähler wollen ernst genommen werden

Gastkommentar / von Jan-Werner Müller / 18.08.2016

Warum Diagnosen wie „Wut“ und „Ressentiment“ politisch in die Irre führen, wenn es darum geht, den Populismus zu begreifen und ihm politisch etwas entgegenzusetzen. Ein Beitrag von Jan-Werner MüllerJan-Werner Müller lehrt in Princeton politische Theorie und Ideengeschichte; derzeit ist er Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. In diesem Jahr ist bei Suhrkamp sein Buch «Was ist Populismus?» erschienen. .

In der ganzen westlichen Welt redet man vom Aufstieg der Populisten, und die Wörter, die einem bei dem Thema allzu schnell von der Zunge gehen, sind „Frustration“, „Wut“ und vor allem „Ressentiment“. Diese Gefühlszustände kennzeichnen angeblich die Wähler, die allenthalben einen Aufstand gegen „das Establishment“ zu proben scheinen. Tony Blair etwa ließ am Morgen nach dem Brexit verlauten, linke wie rechte populistische Bewegungen dienten den Menschen dazu, ihren „Ärger“ über die Globalisierung abzureagieren; der einflussreiche amerikanische Journalist Peter Beinart dozierte Anfang dieser Woche im „Atlantic“, der Erfolg Trumps gründe sich auf das „kulturelle Ressentiment“ seiner Anhänger.

Gedankenlosigkeit

Wenn Politik vor allem als eine Sache von Emotionen und verletzten Selbstwertgefühlen betrachtet wird, ist der nächste logische Schritt, die Bürger als Therapiefälle zu behandeln. Doch Gefühle haben immer auch Gründe; niemand ist einfach so aus dem Nichts wutentbrannt. Eine therapeutisch-fürsorgliche Haltung gegenüber den angeblich „einfachen“ oder „kleinen“ Leuten einzunehmen, verstärkt im Zweifelsfall nur den Eindruck ebendieser Menschen, dass sie gar nicht ernst genommen werden. Populisten kann das nur nutzen.

Die Gedankenlosigkeit, mit der Populismus auf die vermeintlichen Seelenzustände von Wählern reduziert wird, lässt sich am besten an der derzeit beliebten Diagnose „Ressentiment“ studieren. Die Philosophen, die das Ressentiment analysiert haben – Nietzsche und, weniger bekannt, Max Scheler –, waren sich einig, dass ein Ressentiment aus der Unfähigkeit entspringe, Gefühle in Handlungen auszudrücken. Der ressentimentgeladene Mensch sei nie aktiv, sondern reagiere nur auf eine Situation, die er als kränkend oder ungerecht empfinde. Doch seine Wut könne sich nicht spontan entladen; darum würden die Affekte, so Scheler, zu einem inneren „Giftherd“. Noch der schlimmste Verbrecher sei – als Mensch der Tat – nie ressentimentgeladen; der Mensch des Ressentiments hingegen sei stets verschlagen.

Etwas von dieser Wahrnehmung schwingt auch mit, wenn Wählern heute vorgeworfen wird, sie hätten, statt rational zu entscheiden, den Eliten bei einer Volksabstimmung nur endlich einmal eins auswischen wollen. Selber politisch gestalten könnten die ressentimentgeladenen Verlierer der Globalisierung nicht („Take back control“, der Slogan der Brexit-Befürworter, bleibe Illusion). Aber „Nein“ bei einem Referendum sagen, sozusagen aus dem Hinterhalt, oder eine Figur wie Trump trotzig krönen, ganz entgegen den Wünschen des Establishments – ja, das könnten sie. Doch wer „Ressentiment“ sagt, meint nicht nur „Ohnmacht“ oder, wie Blair, so etwas wie Uneinsichtigkeit. Folgt man Nietzsche und Scheler, ist klar, dass der Mensch des Ressentiments auf objektive Weise „minderwertig“ ist. Zumindest muss er, so Scheler, ein „Schwächling“ sein, denn er kann seine Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit nicht durchsetzen. Scheler ganz unverblümt: „Das Ressentiment ist also seinem Boden nach vor allem auf die jeweilig Dienenden, Beherrschten, auf die vergeblich gegen den Stachel der Autorität Anlöckenden beschränkt.“

Die unter dem Gift des Ressentiments Leidenden wären also in gewisser Weise selber schuld. Und im tiefsten Innern, so glauben viele Theoretiker des Ressentiments, wüssten die Ressentimentgeladenen dies oft wohl auch: Gerade in zunehmend meritokratisch organisierten Gesellschaften werde den Verlieren irgendwann klar, dass sie nicht nur aus Zufall oder wegen irgendwelcher Verschwörungen von Eliten die ewigen loser seien. Gesellschaftliche Egalisierung und wirtschaftliche Chancengleichheit, so der Soziologe Hans-Peter Müller, verstärkten Ressentiments: Wer unten stehe, habe auch Grund, zu glauben, dass er da hingehöre. Nur könnten Menschen sich das dann doch nicht wirklich ganz eingestehen. Sie müssten sich ihr Selbstwertgefühl dadurch erhalten, dass sie diejenigen, die ihnen überlegen scheinen, auf irgendeine Weise, so wiederum Scheler, herabziehen. Und sie müssten sich ihr eigenes Überlegensein systematisch „einlügen“ (Nietzsche), wobei sie aber doch stets – wieder nur reagierend – auf die wahren Eliten fixiert blieben.

Wollen wir wirklich so über andere Bürger in der Demokratie reden? Der Gemeinplatz vom Ressentiment schafft Raum für längst überholt geglaubte Vorurteile über „die Massen“, welche sich stets von ihren Gefühlen leiten und dann von Populisten verführen lassen. Statt in Form von vermeintlich wohlmeinenden psychotherapeutischen Diagnosen de facto ein vernichtendes Urteil über die Wähler populistischer Parteien zu fällen, gilt es, nach den Gründen dafür zu fragen, warum populistische Politikangebote überhaupt attraktiv sein können.

Damit soll nicht gesagt sein, dass man diese von Bürgern artikulierten Gründe dann für bare Münze nehmen muss. Aber es wäre doch erst einmal zu klären, welche Ansprüche, beispielsweise auf Gerechtigkeit und Anerkennung, sich hinter der Gegnerschaft gegen Freihandelsabkommen und gegen offene Türen für Flüchtlinge finden lassen – um plakative Beispiele zu nennen. An diesen Ansprüchen müssen Politik und Analyse sich abarbeiten – was konkret natürlich auch heißen kann, dass man sie entschieden, aber eben auch immer gut begründet, zurückweist: „Nein“, darf man den Trumpisten auf die Stirn zu sagen, „ihr findet in der amerikanischen Demokratie keine Mehrheit für ein Gerechtigkeitsprinzip, wonach nur weiße Männer das Sagen in der Gesellschaft haben. Aber ihr habt vielleicht doch recht mit der Behauptung, dass eure materiellen Interessen in Washington größtenteils gar kein Gehör finden.“ (Letzteres ist eine von der Politikwissenschaft seit langem erhärtete empirische These.) Zumindest auf diesem Niveau müsste ein liberaler Diskurs für Erwachsene sich halten können – statt Wähler wie uneinsichtige Kinder zu behandeln oder zu Verlierern zu stempeln.

Garantien dafür, dass dann alles gut ausgeht, gibt es selbstverständlich nicht. Man kann nicht alle Emotionen aus der Politik wegrationalisieren oder hoffen, dass sich Affekte auf die Bereitschaft zur allgemeinen Kooperation herunterkühlen lassen, wie dies die Philosophin Martha Nussbaum in einem Essay mitten in diesem vermeintlichen „Summer of Hate“ zum Ausdruck gebracht hat. Im Anschluss an Aristoteles behauptet Nussbaum, wer Wut oder Ärger verspüre, wolle direkt Rache am Verursacher dieser negativen Emotionen üben. Der Imperativ, es dem anderen heimzuzahlen, so Nussbaum, sei aber eine „dumme Art“, sein Leben zu führen. Denn Rache mache keinen Schaden wieder gut. Zwar habe es eine gewisse Logik, jemanden zu erniedrigen, der den eigenen Status in einer politischen Gemeinschaft infrage gestellt habe – aber ein solches Vorhaben sei doch immer kurzsichtig und vor allem egozentrisch. Stattdessen fordert die an der Universität Chicago tätige Ethikerin eine „zukunftsorientierte Rationalität“ und eine grosszügige und kooperationsbereite Einstellung. Ein Beispiel dafür, so Nussbaum, sei Nelson Mandela, der seine – in vieler Hinsicht völlig gerechtfertigte – Wut auf das Apartheidregime überwunden und eine gemeinsame Zukunft für Schwarze und Weiße geschaffen habe.

Verlieren und gewinnen können

So schön und gut dies auch klingen mag: Der Clou der Demokratie ist gerade, dass sie nicht auf subjektive Bereitschaft zu gesamtgesellschaftlicher Kooperation angewiesen ist; vielmehr ermöglicht sie es, Konflikte auf zivilisierte Weise auszutragen, so dass auch die Verlierer Grund haben, bei der politischen Stange zu bleiben. Eine einigermaßen funktionierende Demokratie ist ein System, in dem man weiß, dass man verlieren kann – aber auch die begründete Hoffnung haben darf, nicht immer auf der Verliererseite zu stehen. Wenn das nicht mehr stimmt, sollte man nicht einzelne Bürger oder Gruppen ermahnen, sich doch bitte kooperativer zu verhalten, sondern fragen, wo die Probleme im System liegen. Hierfür braucht es einen klaren Blick – also weder das „Giftauge des Ressentiments“ (Nietzsche) noch Nussbaums sentimentale Rückschau auf moralische Übermenschen wie Mandela.