Max Rossi / Reuters

Erdbeben in Italien

Auch viele der Häuser, die noch stehen, müssen wohl abgerissen werden

von Andrea Spalinger / 27.08.2016

Accumoli und Arquata del Tronto sind weniger stark verwüstet als Amatrice – auch sie sind nach dem schweren Erdbeben aber nicht mehr bewohnbar.

Das Bergstädtchen Accumoli ist vom jüngsten Erbeben nicht so schwer getroffen worden wie das zehn Kilometer südlich gelegene Amatrice. Während das historische Zentrum von Amatrice fast vollständig zerstört ist, sind hier in Accumoli nur einige Steinhäuser und ältere Bauten in sich zusammengestürzt. Die meisten Gebäude in Accumoli stehen noch. Die Schäden sind allerdings auch hier enorm. Fast alle Häuser weisen tiefe Risse auf, bei vielen ist ein Stück des Daches eingestürzt oder sogar ein Teil des Gebäudes weggebrochen.

Erneut Hunderte Nachbeben

Die Behörden haben deshalb entschieden, auch aus Accumoli und den umliegenden Weilern alle Bewohner zu evakuieren. „Es braucht wenig, um diese Häuser zum Einsturz zu bringen, und die vielen Nachbeben machen uns Sorgen“, erklärt der Verantwortliche des Zivilschutzes, Mario Mazzocca. Am Freitagmorgen war in der Bergregion im Apennin tatsächlich erneut ein schwerer Erdstoss zu spüren, und den ganzen Tag über folgten Hunderte weitere kleinere Erschütterungen.

Entlang der alten römischen Salzstrasse, der Via Salaria, bietet sich bis hinauf nach Arquata del Tronto fast überall ein ähnliches Bild. Die Mehrheit der Häuser haben dem Beben standgehalten, weisen aber schwere strukturelle Schäden auf. Dem Erdboden gleichgemacht wurde „nur“ das auf halber Strecke gelegene Städtchen Pescara del Tronto. Theoretisch könnten viele der Häuser in Accumoli und Umgebung repariert werden, sagt der Zivilschutzverantwortliche Mazzocca. Doch das habe nur Sinn, wenn sie dabei auch erdbebensicher gemacht würden, und das sei nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwendig. Hinter vorgehaltener Hand sagen viele Zivilschützer und Feuerwehrmänner hier, dass es wohl sinnvoller wäre, die meisten Gebäude einfach abzureissen und neu aufzubauen. Doch diese Entscheidung muss auf nationaler Ebene gefällt werden, und momentan wartet man noch auf einen konkreten Plan der Regierung für den Wiederaufbau.

So oder so werden die Menschen im Grenzgebiet zwischen Latium und den Marken ziemlich lange warten müssen, bis sie wieder ein Zuhause haben. Viele scheinen sich dessen noch gar nicht richtig bewusst. Sie haben Angehörige, Freunde und Bekannte verloren und sind noch im Schockzustand.

Emidio Calcioli, der mit seiner Frau im Zeltlager am Fusse von Accumoli untergekommen ist, sieht jedoch schon heute ziemlich klar. „Die nächsten Jahre werden für uns alle sehr hart werden“, sagt der 52-jährige Lastwagenfahrer. Er stammt aus Fonte del Campo, einem kleinen Dorf in der Nähe von Accumoli. Kurz nach dem Beben ist er nochmals zurück in seine schwerbeschädigte Wohnung, um ein paar wichtige persönliche Dinge zu holen. Doch nun ist alles abgesperrt, und er hätte auch nicht mehr den Mut, das Gebäude zu betreten.

Auch Calcioli ist der Ansicht, dass die Häuser hier lieber abgerissen werden sollten. „Die meisten sind schlecht gebaut worden“, stellt er fest. „Erdbebensicherheit war in unserem Dorf nie ein Thema.“ Viele Häuser im Erdbebengebiet hätten die baulichen Vorschriften nicht erfüllt, stellt auch der Zivilschutzverantwortliche Mazzocca fest. Doch das sei kein lokales Phänomen. Landesweit seien rund 70 Prozent der Bauten nicht gesetzeskonform. Italien hat den Erdbebenschutz nach der verheerenden Katastrophe in L’Aquila 2009 zwar verbessert, die Regeln werden aber bis heute oft nicht eingehalten. Die Behörden müssten nun endlich dafür sorgen, dass sich dies ändere, fordert Mazzocca.

Momentan sind die Obdachlosen in kleineren, dezentralen Zeltstädten untergebracht. Die Nothilfe funktioniert auch in Accumoli sehr gut. Es gibt eher zu viel Helfer als zu wenige, und auch Nahrungsmittel, Kleider und Decken sind im Übermass vorhanden. Doch lange können die Leute hier nicht in Zelten untergebracht werden, denn nachts wird es in der Bergregion bereits ziemlich kühl. Mobile Holzbaracken oder Container wären eine Lösung. Mazzocca will sich dazu nicht äussern. Man warte noch auf Anweisungen aus Rom zur mittelfristigen Unterbringung der Leute, sagt er.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hat nach einer Krisensitzung des Kabinetts am Donnerstagabend den Notstand ausgerufen. Zudem hat er einen schnellen Wiederaufbau und eine bessere Erdbebenvorsorge versprochen. Die Regierung hat dafür eine erste Nothilfe-Tranche in der Höhe von 50 Millionen Euro freigegeben. Insgesamt stehen in einem Katastrophenfonds 234 Millionen bereit. Für den Wiederaufbau wird jedoch sehr viel mehr Geld nötig sein.

Noch steht das Land unter Schock, und die Katastrophe wird aus Pietätsgründen nicht politisch instrumentalisiert. Es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis die öffentlichen Polemiken und die gegenseitigen Schuldzuweisungen einsetzen. Am Freitag tauchten im Erdbebengebiet bereits Anhänger von Beppe Grillo, dem Anführer der oppositionellen Protestbewegung Movimento Cinque Stelle, auf, um zu überprüfen, ob die Regierung genug tue.

Bereits 278 Leichen geborgen

Nach offiziellen Angaben sind bis am Freitagabend 278 Leichen geborgen worden. In Amatrice sind demnach bisher 218 Personen ums Leben gekommen, in Accumoli 11 und in Arquata und Pescara del Tronto 49. Knapp 400 Verletzte sind ins Spital eingeliefert worden. Die genaue Zahl der Vermissten ist nicht bekannt. Vor allem in Amatrice werden aber noch Dutzende unter den Trümmern vermutet, und die Rettungskräfte suchten auch am Freitag weiter nach Verschütteten. Am Samstag gilt in Italien Staatstrauer. An allen öffentlichen Gebäuden werden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Für die Erdbebenopfer in der Region Marken findet am Samstag in der Kathedrale von Ascoli Piceno eine grosse Trauerfeier statt, an der auch Präsident Mattarella teilnehmen wird. In Amatrice ist am kommenden Dienstag laut dem Bürgermeister eine „Begräbnisfeier ohne Leichen“ geplant, zu der Renzi erwartet wird. Begraben werden sollen die Erdbebenopfer jedoch im privaten Kreis.