Frankreichs Linke und der Islam

Auf dem religiösen Auge blind

von Adrian Lobe / 27.07.2016

Seit Januar 2015 ist Frankreich durch eine Reihe von islamistischen Attentaten in eine kollektive Schockstarre versetzt worden. Auf der Linken schweigt man über die religiöse Dimension des Terrors.

Eine Serie von Anschlägen hat Frankreich entsetzt. Die Politiker, vom Erzlinken Jean-Luc Mélenchon bis zum Aussenminister Laurent Fabius, beeilten sich, zu deklamieren, die Terroranschläge hätten nichts mit dem Islam zu tun. Ein schwerer Fehler, wie der Journalist Jean Birnbaum in seinem Buch «Un silence religieux» befindet. «Indem sie referieren, dass der jihadistische Terror nichts mit dem Islam zu tun habe, haben die höchsten Instanzen des Staates und die Intellektuellen nicht nur eine gefährliche Leugnung orchestriert, sondern auch ein Schweigen über die religiöse Dimension der Ereignisse autorisiert und organisiert.»

Religion als Folklore

Dieses Schweigen wurzelt in der ideologischen Ausrichtung der Linken. Birnbaum zeigt, wie die «Generation FLN», also jene Alterskohorte, die zu Zeiten des Algerienkrieges politisch sozialisiert wurde, blind für religiöse Faktoren war. Der Islam in Algerien oder später in Iran wurde als politischer Dekor oder gar als Folklore abgetan. Die Linke, so Birnbaum, habe die Folgen des politischen Islam unterschätzt. Die Annahme, dass die «religiöse Gischt», die mit der Islamischen Revolution 1979 in Iran entstand, dereinst von der grossen profanen Welle der Geschichte weggespült wird, erwies sich als fataler Irrtum.

Birnbaum, Leiter der Buchbeilage «Le monde des livres» der Zeitung «Le Monde», seziert gekonnt Ideengeschichte und Manifeste, von Mohammed bis Marx. Vor dieser historischen Folie arbeitet der Autor verblüffende Parallelen von Sozialismus und Islamismus heraus: Beide haben kommunitaristische Wurzeln, dasselbe Feindbild (die imperialistische USA) und predigen eine Weltrevolution. Gewiss gibt es erhebliche Unterschiede. Doch es wird verständlich, warum Islamisten und Sozialisten um dieselbe Klientel buhlen: die Wohlstandsverlierer in den Banlieues, die der Parti socialiste längst nicht mehr erreicht und die besonders empfänglich für islamistische Parolen sind.

Parallelen in der Militanz

Birnbaum betont Berührungspunkte: «In Frankreich kann ein Parteigänger mit marxistischer Kultur einem jungen Islamisten zuhören, der ihm erzählt, wie er sich langsam radikalisiert habe. In ihm könnte der militante Linke einen Bruder im Geiste wiedererkennen, der seinen eigenen Genossen ähnelt, die vom PS über den PCF bis zu linksextremen revolutionären Linken gegangen sind.» Der fundamentalistische Islam ist in dieser Logik eine Kopie des Sozialismus, andererseits dessen Negation, weil er den Tod über die Würde des Menschen stellt. Der Islamismus, so die Schlussfolgerung, habe sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun, die Linke in Frankreich müsse ihr donnerndes Schweigen dazu endlich brechen. Jean Birnbaum hat ein sehr luzides und logisch kohärentes Buch vorgelegt, das die Lebenslügen der Sozialisten schonungslos aufdeckt. Doch liegt das religiöse Schweigen, das der Autor identifiziert, nicht auch in der laizistischen Tradition der französischen Republik begründet? Die Fünfte Republik hat bis heute ein gestörtes Verhältnis zur Religion. Vielleicht tun sich die Politiker auch deshalb so schwer.

Jean Birnbaum: Un silence religieux. La gauche face au djihadisme. Seuil,  Paris 2016. 208 S., 17 €.