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Silvester in Köln

Köln und die Folgen

von Silke Mertins / 10.01.2016

Hunderte Nordafrikaner und Männer aus Nahost bedrängen und belästigen in der Silvesternacht in Köln junge Frauen. Nun steht Kanzlerin Merkels großzügige Haltung gegenüber Flüchtlingen zunehmend in der Kritik.

In der Stadt Kleve am Niederrhein sollen muslimische Flüchtlinge deutsche Mädchen im Grundschulalter entführt und sexuell missbraucht haben. Im oberbayrischen Holzkirchen hieß es, eine 19-Jährige sei von Asylsuchenden vergewaltigt worden. In der Region Unterweser in Niedersachsen, behauptete ein Politiker der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“, hätten junge Muslime sich an einer 12-Jährigen vergangen. All diese Straftaten stellten sich als frei erfunden heraus – oft von Rechtsextremen gestreut, um mit dem uralten Feindbild des lüsternen Fremden die Flüchtlinge zu diskreditieren.

Entsprechend zurückhaltend reagierte die Heute-Nachrichtenredaktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ZDF auf erste Berichte, mehr als tausend junge Männer arabischer Herkunft hätten in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof dutzende deutscher Frauen sexuell missbraucht. Ein unkontrollierbarer Sex-Mob an einem Verkehrsknotenpunkt mitten in Deutschland? Und das auch noch unter den Augen der deutschen Polizei, die am Neujahrsmorgen in einer Medienmitteilung kundtat, die Silvesternacht sei in „ausgelassener Stimmung“ und „weitestgehend friedlich“ verlaufen? Es schien schwer vorstellbar.

Die Redaktion beschloss, erst einmal selbst zu recherchieren. Denn wer will angesichts der deutschen Geschichte schon Zutaten für die Giftsuppe liefern, die sich Neonazis zusammenbrauen? Doch die Heute-Redaktion zögert zu lange, so dass der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Thevessen sich sogar entschuldigen musste. „Es war ein Versäumnis, dass die Heute-Sendung von 19 Uhr die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat“, gesteht er auf Facebook.

Verspätete Berichterstattung

Das ZDF ist allerdings nicht das einzige deutsche Leitmedium, das nur langsam in die Berichterstattung einstieg. Denn eines ist schon Anfang der Woche klar: Wenn sie stimmen, sind die Vorfälle von Köln politischer Sprengstoff in einem Land, das im vergangenen Jahr über eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat und in der Asylpolitik tief gespalten ist. Und je mehr scheibchenweise herauskommt, desto explosiver wird das, was sich offenbar in jener Nacht in Köln zugetragen hat.

Der Hauptbahnhof liegt im Zentrum der Stadt, direkt am Rhein. Vor dem Eingang erhebt sich der 157 Meter hohe Kölner Dom in all seiner Pracht. Wer in der Silvesternacht zum Rhein wollte, um dort das große Feuerwerk zu sehen, musste den Bahnhofsvorplatz und die Domplatte passieren. Normalerweise ein Fußweg von wenigen Minuten. Doch nicht in dieser Nacht.

„Am Vorplatz und an der Domtreppe befanden sich einige tausend meist männliche Personen mit Migrationshintergrund“, heißt es in einem internen Bericht der Bundespolizei. Die Männer hätten „Feuerwerkskörper jeglicher Art und Flaschen wahllos in die Menschenmenge“ geworfen. Auch auf im Internet kursierenden Handy-Videos ist zu sehen, wie Raketen nicht gegen den Himmel gerichtet werden, sondern auf andere Gruppen zielen. Überall knallt und zischt es. Viele Männer sind betrunken, die Atmosphäre ist aufgeheizt.

Doch es bleibt nicht bei Randale und Trunkenheit. Für viele Frauen wird das Überqueren des Vorplatzes zum Spießrutenlauf. „Es war der Horror“, erzählt eine 28-Jährige, die mit einer Freundin unterwegs war, in der Lokalpresse. „Obwohl wir schrien und um uns schlugen, hörten die Typen nicht auf. Ich war verzweifelt und glaube, dass ich bestimmt 100-mal auf den knapp 200 Metern angefasst wurde.“ Anderen wurden auch Kleider vom Leib gerissen. Sie wurden hin und her geschubst, begrapscht, beklaut, beschimpft und ausgelacht. Wer in Gruppen unterwegs war, wurde häufig abgedrängt und isoliert. Selbst Frauen, die an der Hand ihrer Freunde oder Männer liefen, waren vor den Übergriffen nicht sicher.

Ein GAU für das linksliberale Milieu

Wegen der Silvesterknaller in der Menge wirkte die Situation so gefährlich, dass die Polizei erhebliche Verletzungen und sogar Tote befürchtete. Die Einsatzleitung beschloss kurz vor Mitternacht, den Vorplatz zu räumen. Doch für die Frauen wird die Lage dadurch noch schlimmer. Die aggressiven Männergruppen sind in die Bahnhofshalle und auf die Gleise geströmt. Die Beamten beschreiben selbst, dass ständig weinende Frauen auf sie zukamen und sie gar nicht mehr allen Hilferufen nachgehen, geschweige denn alle Anzeigen aufnehmen konnten. Oft wurden sie von Männern, die als „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ beschrieben werden, sogar daran gehindert, zu den Hilferufenden durchzudringen. Es seien einfach zu viele gewesen, rechtfertigten sich die Einsatzleiter.

So ist vor der Nase der Polizei in der Silvesternacht ein rechtsfreier Raum entstanden. Der Staat konnte seine Bürgerinnen und Bürger nicht schützen. Das Vertrauen der Bevölkerung ist tief erschüttert. Wie weit die Folgen reichen werden, ist noch gar nicht absehbar. Nur die vorläufige Bilanz: 379 Strafanzeigen, rund 40 Prozent davon wegen sexueller Belästigung, 2 wegen Vergewaltigung. Mehrere Handys wurden inzwischen von der Polizei geortet – in Flüchtlingsheimen. Zwei Männer wurden festgenommen, 19 Tatverdächtige ermittelt; in den meisten Fällen allerdings offenbar wegen Taschendiebstahl.

Gravierend sind die politischen Folgen. Keiner wagt es bis jetzt auszusprechen, aber die Vorfälle könnten die Debatte um den Flüchtlingszustrom völlig verändern. Im linksliberalen Milieu herrscht die nackte Angst vor der Wahrheit, denn das, was sich derzeit abzeichnet, ist ein politischer GAU. Die Tageszeitung klagt empört, die Herkunft der mutmaßlichen Täter zu nennen, sei gegen jede journalistische Ethik. „Sexuelle Gewalt ist an keine Ethnie gebunden“, betont das Blatt. Journalisten der Süddeutschen Zeitung und der Internetausgabe des Spiegel verweisen auf Artikel über massive Übergriffe beim Münchner Oktober- und bei anderen deutschen Volksfesten. Die Botschaft: Übergriffe auf Frauen haben nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Doch wie erklärt sich dann, dass das Muster der Übergriffe aufs Haar demjenigen in Nordafrika gleicht? In der ägyptischen Hauptstadt Kairo wurde auf dem Tahrir-Platz während der Proteste, aber auch bei anderen Anlässen, genauso vorgegangen, wie es in Köln der Fall war: Bei großen Menschenansammlungen drängen Gruppen junger Männer gezielt einzelne Frauen ab, bilden einen Kreis um sie wie eine undurchdringliche Wand. Im günstigsten Fall betatschen, beschimpfen und schubsen sie das Opfer herum. Im schlimmsten Fall reißt der Männer-Mob der Frau die Kleider vom Leib, misshandelt und vergewaltigt sie.

Natürlich komme es in den unterschiedlichsten Kulturen zu sexualisierter Gewalt, betont der Berliner Psychologe Ahmad Mansour. Doch die Tabuisierung der Sexualität und die Abwertung von Frauen in Teilen der arabischen Welt begünstige Übergriffe. „Wenn ein gesunder und normaler Umgang zwischen den Geschlechtern untersagt wird, darf man sich über solche Taten nicht wundern.“ Es sei an der Zeit, „Ursachenforschung zu betreiben“.

Doch wie sollen bis dahin die Bürgermeister in ihren Gemeinden noch die Erstellung von neuen Asylbewerberheimen durchsetzen? Rechtsextreme Gruppierungen haben nur auf solche Vorfälle gewartet. Für sie sind die Übergriffe ein Fest. In den sozialen Netzwerken ist ein Sturm hasserfüllter Kommentare losgebrochen, der den demokratischen Kräften in Deutschland den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Köln ist für die politische Debatte ein Albtraum. Hashtags im Internet wie #rapefugees oder #Krimigranten sind dabei noch das Harmloseste. Die Hetze war in dieser Woche so enthemmt, dass viele Zeitungen die Kommentarfunktion auf ihren Onlineportalen sperrten.

Auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst sind die Sex-Mob-Attacken ein Wendepunkt. Sogar ihre treuesten Unterstützer sind verunsichert. Freiwillige Flüchtlingshelfer am Kölner Hauptbahnhof sagen bereits offen, die Stimmung in der Bevölkerung sei gekippt. Angela Merkel hat Sensoren für solche Veränderungen und sagt jetzt: „Das Gefühl von Frauen, sich völlig schutzlos ausgeliefert zu fühlen, ist auch für mich persönlich unerträglich.“

Spickzettel mit Drohsätzen

Die Täter müssten die „volle Härte des Rechtsstaates“ zu spüren bekommen, fordert die Kanzlerin. Doch dass es, insbesondere bei den Fällen sexualisierter Gewalt, überhaupt je zu Verurteilungen kommen wird, bezweifeln Experten. Oft haben die Opfer die Täter gar nicht genau sehen können im Gewühl. Niemand weiß bisher, wie organisiert die sexuellen Übergriffe waren, denn auch in Hamburg und Stuttgart kam es zu ähnlichen Straftaten – wenn auch nicht im Ausmass wie in Köln.

Zwei verdächtige Asylsuchende wurden am Freitag von der Kölner Polizei aufgegriffen. Die beiden trugen einen deutsch-arabischen Vokabel-Zettel mit Sätzen wie „Ich will dich ficken“ und „Ich töte dich“ bei sich. Nach wenigen Stunden mussten die Polizisten sie laufen lassen. Und selbst Asylbewerber, die verurteilt werden, können nur selten abgeschoben werden. Die Gesetzeslage ist kompliziert.

Die meisten Flüchtlinge werden also bleiben, und sie werden Deutschland verändern. Doch Deutschland wird auch sie verändern, ist der Kriminologe Christian Pfeiffer überzeugt. Untersuchungen bei älteren Einwanderergruppen zeigten einen „drastischen Rückgang der Machokultur“. Die Gewaltrate bei Migranten aus der Türkei und Ex-Jugoslawien sei beispielsweise um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen, sagte er in einem Radiointerview. „Ein sehr erfreulicher kultureller Anpassungsprozess.“ Dazu hat es allerdings fast zwei Jahrzehnte gebraucht.